Über die Halbwertszeit der neueren Literatur

Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie damit niederschießen.

Rolf Dieter Brinkmann in einer Replik auf Marcel Reich-Ranicki

„RDB“, wie er von seinen Fanboys genannt wird, war eine typische Zeiterscheinung, der 1960-er Jahre: laut, wild und wie man heute sagen würde: misogyn. Die ästhetische und politische Radikalisierung von Rolf Dieter Brinkmann lässt sich nicht auseinanderhalten. Er gilt als Begründer der deutschen Pop-Literatur, aber auch als einer der großen Vermittler amerikanischer Literatur. Die Beschäftigung mit Frank O’Hara, William Carlos Williams ab Mitte der 1960er Jahre beeinflusste Brinkmann stark. Die sogenannte 68er-Bewegung und ihren literarisch-künstlerischen Ausdrucksformen stand Brinkmann kritisch gegenüber, wenngleich er sich in allen seinen Texten als ausgesprochen bewandert in den Codes der Studentenbewegung zeigt und sich auch im Rahmen seiner Texte intensiv mit ihnen beschäftigt. Brinkmann hat gemeinsam Ralf-Rainer Rygulla die Underground-Literatur der USA nach Deutschland importiert (siehe auch die  Anthologie ACID), in denen literarische und kulturkritische Texte versammelt waren, wie man sie hierzulande noch nicht gelesen hatte. Es waren obszöne, dreckig unmittelbare Texte, deren Ton der Autor hemmungslos immitierte und in denen das ganze selbstempfundene Elend seiner Existenz aufgearbeitete: „Köln ist die schmierigste Stadt, die ich kenne. Die schmierigste, versauteste, dreckigste, blödeste, verschissenste, verpinkelste, stinkendste Stadt.“ Diese Stadt* hat der Autor regelrecht gehasst, das galt für den „stinkenden“ Rhein, die „Pellkartoffelmentalität“, den Dialekt, die Speisen, die Stadtteilnamen („Sülz!“), die Literatur von Heinrich Böll bis hin zum „Kölner Realismus“. All das sei eine einzige „Kloake“. In seinem Lebenslauf führte Brinkmann an, er habe 1974 einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule aufgegeben „wegen der Hässlichkeit und theoretischen Verkarstung der Studenten“. Was für eine wohltuend nüchterne Beschreibung einer Stadt von der ein Karnevalslied kündet: „Hey Kölle – Du bes e Jeföhl“. Von allen regionaltypischen Eigenschaften gibt es kaum etwas verlogeneres als die Selbstbesoffenheit dieser Typen, die im Schatten eines Doms (dem einzigen Gebäude von historischer Bedeutung!) leben, der seit dem 12. Jahrhundert eine Baustelle ist. Brinkmann starb am 23. April 1975 in London, nachdem er, im Anschluss an eine Lesung beim “Cambridge Poetry Festival“, vor dem Pub Shakespeare beim Versuch, den Westbourne Grove zu überqueren, aufgrund des für ihn ungewohnten Linksverkehrs von einem Auto erfasst wurde. „Jetzt bin ich aus den Träumen raus, die über eine / Kreuzung wehn. […] was krieg ich jetzt, / einen Tag älter, tiefer und tot? / Wer hat gesagt, dass so was Leben / ist? Ich gehe in ein / anderes Blau.“ Brinkmann sollte das Erscheinen von „Westwärts 1&2“ nicht mehr erleben. Ihm wurde posthum der Petrarca Preis verliehen. Anscheinend musste man in der alten BRD erst sterben, um zu solchen Ehren zu kommen.

Mir fällt nur ein deutscher Schriftsteller nach Weltkrieg #2 ein, der keine Zensur gebilligt hat: Rolf Dieter Brinkmann. Dieser Kollege benahm sich wild und fragte sich nicht, ob das gut oder böse oder wie es neudeutsch lautet: politisch korrekt ist.

A.J. Weigoni

Als „Westwärts 1&2“ in der Erstauflage herauskam und von Brinkmann auch autorisiert wurde, stellt diese Ausgabe – der Legende nach – eine „verstümmelte Fassung“ dar. Die Publikationsbedingungen der Zeit ließen es nicht anders zu – auf Wunsch des Verlags hatte der Autor 23 Langgedichte und ein 89 Seiten umfassendes und mit Fotos illustriertes Nachwort herausnehmen müssen, mit dem er seine Rückkehr in die Literatur begleiten wollte. Die vorsichtige Neuedition sein in 2005 erschienener director’s cut von „Westwärts 1&2“ soll belegen, warum dieser Band einen nahezu kanonischen Stellenwert in der neueren deutschen Literatur erlangt haben soll.

Bei der Re:Lektüre wird eine inhaltliche Spannung, in starken Schwankungen zwischen den Gedichten bemerkbar. „Westwärts 1&2“ ist der Versuch, die vielen Strömungen, die sein Schreiben (und Leben) beeinflusst haben, noch einmal schlüssig zu bündeln. Im ersten Gedicht des Bandes heißt es: „die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter“. Dieser resignative Ton bezeugt, dass der Autor auch die Popmusik ihres aufrührerischen Potenzials beraubt sieh, da sie sich in den in dieser „Vorbemerkung“ thematisierten Alltagstrott eingliedert. Obschon alle ursprünglich geplanten Texte in dieser Ausgabe hinzugefügt sind, zerfällt „Westwärts 1&2“ in nahezu in drei disparate Teile. Zu einem Drittel sind es Gedichte, die in ihrer Zeit stehen geblieben sind, es ist eine lesbar gealterte Neue Innerlichkeit, Alltägliches und Persönliches, eine Rückkehr zum Ich und zur Selbstreflexion beschrieben: „Und neue Gedichte: aus Brieffetzen, Bruchstücken von Unterhaltungen, die ich hörte oder daran ich selber beteiligt gewesen, Lücken in den Gedichten, Sprünge, Gedichte ohne den Vorsatz, ein Gedicht zu schreiben, Gedichte ‚ohne Motive‘, Augenblicksgedichte.“ Der Autor beschreibt die Fragmentierung einer subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit und kreist um den Nabel der eigenen Befindlichkeit.

Seit dem frühen Unfalltod 1975 in London wird Brinkmann wahlweise zum Pop-Mythos oder zum lyrischen Genie oder beidem nachgerüstet. Das verdankt sich dem Mangel an Pop-Ikonen bzw. lyrischen Genies hierzulande wie der Pose des Dichter-Prosaisten: Sensualist, Radikalprovocateur, Beatpoet, Romantiker, Pop-Artist, Hypochonder und Revolutionär in persona – ein wahrhaft vielschrötiger Schreckensmann vor dem Herrn.

Ulf Geyersbach

Das zweite Drittel bezeugt die Lektüre von Arno Schmidts „Zettels Traum“, es sind, man muss es so deutlich sagen, lediglich ungelenke Plagiate und nicht weiter erwähnenswert. Man will mit dieser Neuherausgabe und der Hinzunahme der 23 Langgedichte Brinkman zu einem Klassiker „hochsterilisieren“ (Andreas Möller), et wuppt nich‘.

Ich bin mit Fritz Mauthner der Ansicht, daß Sprache, Wörter, Sätze zur Welterkenntnis völlig untauglich sind. Es sind immer nur Wörter und Sätze, Formulierungen aber was ist denn da tatsächlich?, und das kann Sprache, Dichtung nicht sagen.

Rolf Dieter Brinkmann, 1973

1/3 der Gedichte liefern gleichsam den Soundtrack für die entstehende Lumpenbourgeoisie. Hier ist ein Proletkult dokumentiert, wie eben auch die politisch-popkulturelle Wirklichkeit der 1970ger Jahre: „Lange, graue Warteräume sind die Tage, und die ausgeräuberten Träume setzen sich als elektrisch ausgeleuchtete Supermärkte fort!“ Dieser Band steht im Zeichen der nachholenden Moderne. Brinkmann versucht die Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst zu überschreiten und mit diesem Band den Holzweg zu verlassen, auf dem erst seit Beginn der 1970ger Jahre befunden hat.  Es ist an dem zu hohen Anspruch an das gescheitert, was man in Kifferkreisen als „befreites Bewusstsein“ bezeichnet hat. Die politische und ästhetische Experimentierfreudigkeit des Autors flackert nach seiner Sinnkrise zu Beginn des Jahrzehnts in hellsten Flammen auf und belegt, daß die kreativste Phase des kulturellen Aufbegehrens bereits vorbei war.

In „Rolltreppen im August“ lesen wir: „Die Panik der vielen einzelnen Personen, die nicht richtig / gefickt haben, nie geliebt worden sind, nicht irgendetwas / liebten, umarmt haben, immer haben sie die Mantelkragen / hochgeschlagen, ihre Kleider zugehalten, die Knie / aneinander gedrückt, in einem Gespräch. Die Panik / der Abteilungsleiter, die zwischen den Ständen gehen, / die Krawatten festgezogen, der Anzug nicht verbeult, / die schwarzen Sonderangebotsschuhe glänzen, die Socken / sind verschwitzt, Mundspray in den Pausen gegen den / schlechten Atem, Gestalten in gläsernen Kabinen, die / von den Ferien in Österreich mit Vollpension träumen, / über Wiesen gehen, stehenbleiben, nicht sehen, was sie sehen.“ Wir finden die Brinkmann-typische Kombination von Ortsbeschreibungen, gesellschaftlichen Analysen, Sozialkritik und Milieustudien.

„Die verschiedenen Gegenden sind zerträumt, ausgeträumt, mit vielen zerträumten Menschen darin.“, beschreibt Brinkmann die Stadt als menschenfeindlichen Ort. Und an anderer Stelle:

„Ich stelle mir eine Stadt vor, ohne die miesen Namen in Neonschriften an den Hauswänden, ich stelle mir eine Stadt vor, ohne dass die Seitenstraßen mit Wagen vollgestellt sind. Ich stelle mir eine Stadt vor ohne Verkehr (etwa so wie an den Sonntagen in dem Winter, als die sogenannte Energiekrise, die schäbige Erfindung zur Verteuerung von Waren, ‚durchgeführt‘ wurde, ich hörte wieder die Schritte von Menschen auf der Straße und das Sprechen auf der Straße)“. Hier klingt die I Have a Dream- Rede von Martin Luther King nach, die er am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit vor mehr als 250.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C. hielt.

Brinkmann betreibt eine kritische Auseinandersetzung mit den ökonomisch-sozialen Mechanismen der der alten BRD. „Ich dachte, wie oft habe ich an Geld gedacht, verrückt, in Panik, kein Geld zu haben, der Schein, der flattert, im Kopf die Schatten der Dinge.“ Die Dreifaltigket der protestantische Ethik bilden Wiederaufbau, Fortschrittsdenken und hemmungsloses Gewinnstreben. Mit soziologisch zu nennender Akribie thematisiert der Autor Oberflächlichkeit, wie Sinnleere und Konsum mit Zerstörung einhergehen. Man kann diese Form des Trash als faszinierendes Zeitdokument auch 40 Jahre später noch lesen und sollte sie daher in einem schmalen Leseband auskoppeln.

Allerdings ohne das Nachwort!

Unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten.

Rolf Dieter Brinkmann, 1975

Wir quälen uns durch ein erstmals in ganzer Länge abgedrucktes, 89 (in Worten neunundachzig!) Seiten umfassendes Nachwort, in dem Brinkmann über den Hintergrund für seinen Rückzug aus der Popszene und die Wende in seinem Schreiben aus erster Hand schreibt. In diesem sogenannten „essayistischen Text“ begeht er einen sprachlichen Amoklauf, es fehlt ihm die notwendige Vertiefung, wenn er allzusehr additiv, aufzählend, abklappernd versucht Literatur zu charakterisieren: „In einem Gebiet, in dem das Sprechen von installierten Kontrollmaschinen, den Massenmedien, bezogen wird, in dem an jedem Tag die grausten, farblosesten Vorstellungen gesammelt und wiedergegeben werden, scheint nur ‚logisch‘, dass diese Art Zerstörung des Sprechens, des Ausdrucks betrieben wird.“ Brinkmanns selbstgefälliger Negativismus produziert das, was er eigentlich beschreiben will, Leerlauf. An keiner Stelle wird ersichtlich, daß er dem Material intellektuell auch gewachsen ist. KUNO hat ein Faible für die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen Blogger aus dem 16. Jahrhundert. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen­tie­rung der Welt­lage zur Dauer­beschäf­tigung erhob. Seine Zeit­schrift Die Fackel war gewisser­ma­ßen der erste Kultur-Blog. Nicht einmal ansatzweise erreicht Brinkmann die Höhe der Vorgenannten und schon gar nicht von Leslie Fiedlers literaturkritischen Essay Close The Gap, Cross The Border, dem er vergeblich versucht nachzueifern.

Die ganze Rebellion mit Pop, Untergrund usw. ist für mich vorbei.

Rolf Dieter Brinkmann, 1971

Die Redaktion hat sich schon immer für Pop interessiert, gerade dort wo er sich zu Trash vulgarisiert. KUNO verortet den Beginn der Dirty Speech-Bewegung in der BRD 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns „Acid“. Es war eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur, gesammelt und damit den Versuch eröffnet, auch in der deutschen Dichtung die bürgerliche Moral zu brüskieren, lyrische Formen zu banalisieren, den Alltag zum Thema zu machen und Sex, Brutalität, Perversion als Sujets zu akzeptieren. Diese Phase endete nach der Einschätzung von Brinkmann in 1971. „Westwärts 1&2“ ist somit sowohl eine Chronik des Scheiterns, als auch ein großartiges Dokument der sogenannten Neuen Innerlichkeit, über die Qualität dieser Gedichte entscheidet nicht nur Form, Sprache und Gesinnung, sondern auch die emotionale und weniger intellektuelle, mehr verschwitzte Authentizität des Erzählten. Auf der Spuren einer „Neuen Subjektivität“ und findet sich bei Brinkmann ein in Paradoxien verwickeltes schreibendes Ichs. Dies erinnert an eine Zeit, in welcher der Begriff Autofiktion noch keinen neuen Claim abgesteckt hat. Bei der Re:Lektüre „Westwärts 1&2“ steht am Ende des Tage die banale Erkenntnis, dass jeder Text als Ursache ein schreibendes und damit schöpferisches Subjekt hat. Neu war jedoch nicht die Subjektivität, sondern der literarische Themen-Wechsel, verbunden mit veränderten Selbstverständnissen, und schließlich die Resultate, die er hervorbrachte. Der Begriff „Authentizität“ tauchte bei Brinkmann bewusst als Gegenbegriff zu dem der „Entfremdung“ auf, der wiederum nicht wegzudenken ist aus der damals intellektuell absolut dominierenden Kritischen Theorie. Die Redaktion erinnert sich, dass auch Herbert Marcuse von der „Neuen Sensibilität“ sprach, heute würde man sagen: „Achtsamkeit“.

The Revolution Starts At Closing Time

Serious Drinking

Die Paradoxie, die in Brinkmanns Texten der 1970er Jahre zum Vorschein kommt  zeigt sich in der unauflösbaren Spannung, in der sich das Subjektdenken dieser Jahre bewegt. Die Wendung zum Subjekt in vielen seiner Texte artikuliert zugleich die Hoffnung und den prekären Stand des partikularen, privaten Subjekts, das sich gegen Entfremdung, Typik und Heteronomie richtet. Erinnert sein in diesem Zusammenhang auch an Roland Barthes vielzitierter „La mort de l’auteur“, bevor Marcel Reich-Ranicki 1975 in der FAZ vielsagend die „Rückkehr zur schönen Literatur“ einforderte. Großartige Lyrik lesen in diesem director’s cut von „Westwärts 1&2“ nur die Fanboys. Rolf Dieter Brinkmann hat erkennbar aufgehört, seiner Sprache zu vertrauen und seine Sprache hat aufgehört, Sinn zu enthalten.

 

***

Westwärts 1 & 2 von Rolf Dieter Brinkmann. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005

The Notorious RDB

Weiterführend →

Ein Blick ins KUNO-Archiv: Lesen Sie auf KUNO eine Betrachtung der Jugendsünden des RDB. Einen Besuch des RDB-Hauses, von Enno Stahl. Auch Sophie Reyer hat sich in der Domstadt auf die Spuren von RDB begeben. Einen Artikel über Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums, Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt, von Roberto Di Bella. Und die Beantwortung der Frage: „Wer hat Angst vor RDB?“ durch Axel Kutsch. Theo Breuer gelingt es, dem Mythos nachzuspüren, eine angemessenere Huldigung Rolf Dieter Brinkmanns wird man kaum finden!

 

Ein Rückblick → Bereits in 1995 betrachtete KUNO den Umschlagsmoment der Lebensentwürfe in der alten BRD. Die Redaktion verortete in 2003 den Beginn der Dirty SpeechBewegung in der BRD 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns „Acid“ und zieht Parallelen zur Gossenheftreihe des KRASH-Verlags. In 2013 betrachtete die Redaktion in Dirty Speech, ein Recap Parallelen zwischen Brinkmann, Handke und Weigoni. In 2023 gestattete sich die Redaktion ein Dirty Speech Revisited mit dem Schwerpunkt Beat-Literatur.

 

* Funfact: Das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium ist ein jährlich von der Stadt Köln ausgelobter Literaturpreis. Der Preis ist nach dem Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975) benannt, der von 1962 bis 1975 in Köln lebte.