Orte 5. RDB-Haus, Köln

Engelbertstr. 65. Hier wohnte  er — das Hotel, gegen das er einst seine Bierflasche warf, steht noch, der Dichter ist weg. Lange zeugte ein Grafitto an der Hauswand von seiner Spur: “Hier lebte, liebte, schrieb und soff der Dichter Rolf Dieter Brinkmann”. Auch das nun verschwunden und war doch sein einziges Denkmal in dieser Stadt: hinzuzufügen wäre wohl gewesen: “und wütete gegen den Menschen und sich selbst”.

Zuletzt… diese Zeilen mit der mechanischen Schreibmaschine ins Papier gedroschen, wie Schläge gegen missliebige Gesichter, die Blätter randvoll bedeckt mit manischen irrenden Lettern, jedes Fleckchen überfluten die hinaus brechenden Ströme von Gedanken, gurgelnden Visionen und hasserfüllten Fantasien…

Hier lebte Brinkmann und eine Zeit wird wach: ein historisches Köln, das erst jetzt allmählich sichtbar wird. Eine irgendwie vernagelte Welt voller Leidenschaft und Chaos und allzu eng zugleich… Davon sang Damo Suzuki und nannte es Mary, davon sang auch Brinkmann, bis er keinen Namen mehr dafür fand.

Sein Fehler, dass er meinte, die anderen hätten daran Schuld. Die anderen versuchten bloß auf eine Weise zu leben. Und gerade in jenen Tagen gelang ihnen das endlich ein bisschen — in diesem Land, das jedem gleich auf die Finger haut, wenn er sich mal amüsiert. Auch Brinkmann ist zuletzt einer dieser Männer geworden mit dem Lineal und vielleicht ersparte ihm sein früher Tod eine “moralische Wende”, und er hinterließ stattdessen Delirium und Wut, was immerhin besser ist als “poésies blanches”, wer liest schon Dantes “Paradies”?

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Auszug aus: Heimat & Weltall. 2 Zyklen, von Enno Stahl, Ritter, broschiert, mit Fotoarbeiten des Autors. Zum Geleit das Konzept Orte.Wege. Pflanzen.

Weiterführend →

Ein Blick ins KUNO-Archiv: Lesen Sie auf KUNO eine Betrachtung der Jugendsünden des RDB. Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen von Jamal Tuschik. Auch Sophie Reyer hat sich in der Domstadt auf die Spuren von RDB begeben. Einen Artikel über Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums, Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt, von Roberto Di Bella. Und die Beantwortung der Frage: „Wer hat Angst vor RDB? durch Axel Kutsch. Theo Breuer gelingt es, dem Mythos nachzuspüren, eine angemessenere Würdigung Rolf Dieter Brinkmanns wird man kaum finden!

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