Popliteraturgeschichte(n) im Heine-Institut

In Düsseldorf startet heute September das Projekt “Pop am Rhein”. Gruppiert um je eine Ausstellung im Heine-Institut und im Kölnischen Stadtmuseum werden rund 60 Veranstaltungen aus Kunst, Musik, Literatur, Theorie und Film stattfinden. Den Auftakt macht das Düsseldorfer Heine-Institut mit der Ausstellung „Pop am Rhein: Popliteraturgeschichte(n) 1965 – 2007.

RDB

Viel wurde in den letzten Jahren über Popliteratur geredet und geschrieben. Ein weithin unbeachteter Aspekt ist dabei, dass maßgebliche Impulse für die Entstehung der Popliteratur vom Rheinland ausgingen. Ganz am Anfang standen die Autoren und Übersetzer Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, die ab Mitte der 60er-Jahre in Köln lebten und der amerikanischen Beat- und UntergrundLiteratur deutschlandweite Aufmerksamkeit verschafften. Einige der einschlägigen Publikationen erschienen schon damals im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, der es immer wieder erfolgreich verstand, Literatur unter dem Siegel des Pop zu vermarkten.

Einen anderen Entwurf präsentierte Ferdinand Kriwet mit seinen hochkomplexen „Rundscheiben“, die schon durch ihre Visualität als vorherrschendem Ausdrucksbestandteil Anteil am Pop-Diskurs nahmen. Ganz und gar gilt das für ein Projekt wie Kriwets frühe Mediencollage „Apollo Amerika“, die Unmengen zeitgenössischer Statements zu visuell-poetischen, akustischen und filmischen Umsetzungen verarbeitete. Auch Hansjürgen Bulkowski brachte mit seiner Aktionsliteratur („Bett auf der Buchmesse“) und seinen literarischen Happenings unter anderem im Düsseldorfer „Creamcheese“ einen eigenen Pop-Aspekt ins Spiel. Sein Mikrofilm-Roman sowie seine „Auszüge aus der Biografie Wieners“ als Lochstreifentext sind ebenfalls in diesem Kontext zu nennen.

Bulkowski ist auch ein Bindeglied zur Düsseldorfer Szene der 80er-Jahre: Akteure wie Peter Glaser, Niklas Stiller und Hubert Winkels traten auf den Plan, mit Bulkowski gestalteten sie zum Beispiel die literarische Kolumne „Völlig aus dem Nichts“ der jungen Stadtzeitung „Überblick“. Glaser und Stiller veröffentlichten das stiltypische Zeitdokument „Der große Hirnriss“, ein Buch, das zu Unrecht in vielen Popliteratur-Rückblicken unterschlagen wird. Winkels, damals eher Autor als Kritiker, veröffentlichte zwei Erzählungsbände „Liebesexpress“ und „Ausnahmezustand“. Am stärksten aber erscheint der Pop-Anspruch in der von Glaser herausgegebenen Anthologie „Rawums“, die unter anderem Texte der SPEX-Begründer enthält, aber auch Rainald Goetz’ berüchtigten Klagenfurt-Text sowie eine Erzählung Joachim Lottmanns. Dieser veröffentlichte später „Mai, Juni, Juli“, ein Buch, das heute von vielen als Vorläufer der 90er-Jahre-Popliteratur betrachtet wird. In den 80er-Jahren waren aber besonders Neue-Deutsche-Welle-Bands die Vorreiter neuer Sprach- und Sprechformen, „Fehlfarben“ mit ihrem unübertroffenem Album „Monarchie & Alltag“, „Mittagspause“ oder „S.Y.P.H.“ – hier wurden deutsche Texte mit Witz und Rätsel formuliert, die bis heute Gültigkeit besitzen.

Anfang der 90er-Jahre waren auch – inzwischen arrivierte – Autoren wie Marcel Beyer und Norbert Hummelt noch vom Pop-Virus angesteckt. Im Umkreis des Kölner KRASH-Verlags entwickelten sich neue literarische Cross-Over-Formen, Objektbücher, tEXtile tEXte, Performance-Literatur, insbesondere die so genannte Gossenheftreihe, die der Verlag gemeinsam mit dem Düsseldorfer Autor A.J. Weigoni entwickelte; hier wurde innovative Literatur im Schmuddelheftchen-Outfit präsentiert.

Auch Spoken-Word-Literaturformen wurden im KRASH-Umfeld erprobt: 1993 wurde mit der 1. Deutschen Literaturmeisterschaft „Dichter in den Ring!“ im Kölner Rhenania der erste Poetry Slam auf deutschem Boden veranstaltet. Diese Wettbewerbe grassierten in der Folge auch in anderen Städten. Besonders lange schon (nämlich bis in die heutige Zeit) tobt im Düsseldorfer ZAKK die „Poesieschlacht“. Zudem ist spätestens seit Mitte der 90er-Jahre in den Clubs der rheinischen Großstädte eine lebendige Live-Literaturszene am Werke, die in dieser Dichte nur noch in den Millionenstädten Hamburg und Berlin zu finden ist. Autoren wie Marc Degens, Pamela Granderath, stan lafleur, Thorsten Nesch, Philipp Schiemann oder Tom de Toys haben mit ihren Texten, Kleinstpublikationen und Veranstaltungsreihen der literarischen Szenerie ihren Stempel aufgedrückt.

Die Ausstellung im Heine-Institut will diese popliterarischen Szenen zwischen Over- und Underground mit Objekten, Plakaten, Flyern, Fotos, Audio- und Videoclips nachvollziehen – ein Zeitpanorama durch das Vergrößerungsglas der regionalen Perspektive, die eine größere Tiefenschärfe bei der Betrachtung der Phänomene zulässt.

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Pop am Rhein: Popliteraturgeschichte(n) 1965 – 2007. Texte, Schriften, Bilder. Vom 16. September bis 4. November 2007.

Frank Michaelis

Die Ausstellung “Pop am Rhein” zeigt Exponate von und über: Jürgen Becker, Yola Berbesz, Roland Bergère, Marcel Beyer, Franz Bielmeier, Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Hansjürgen Bulkowski, Campino, Marc Degens, Karin Dreier, Fehlfarben, Peter Glaser, ar/gee gleim, Pamela Granderath, Hadayatullah Hübsch, Jens Hagen, Peter Hein, Guy Helminger, Norbert Hummelt, Hannes Jähn, Kiepenheuer & Witsch, Kiosque GmbH, Martin Kippenberger, Walter König, Ferdinand Kriwet, Stan Lafleur, Jörn Loges, Henry Maitek, Frank Michaelis, Thorsten Nesch, Pietro Pellini, Dietmar Pokoyski, Harry Rag, Ralf-Rainer Rygulla, Xao Seffcheque, Niklas Stiller, S.Y.P.H., Tom de Toys, A.J. Weigoni, Gunda Wienke, Hubert Winkels, Christof Wolff, Harald Sack Ziegler u.a.

Weiterführend →

Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni aus der Schwebebahn findet sich neben dem Schland aus Herdringen.

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