das Leben rinnt aus uns wie Blut
geben und nehmen
hegen und hirnen
verwegen sein wo man
früher doch weise wahr Fehler
machen denn wir
wissen das Leben rinnt aus uns
wie Blut
Man könnte meinen, eine Partitur diene der Ordnung. Doch in der „Wortspielhalle“ ist die Ordnung nur eine Maske für die Unendlichkeit. Die Sprecher wandeln durch Gänge aus Phonemen. Reyer und Weigoni haben keinen Text geschrieben; sie haben einen Raum kartographiert, in dem das Wort nicht länger Diener der Bedeutung ist, sondern ein autonomes Wesen, das in den Hallen der Akustik widerhallt.
Die gemeinsame Arbeit von Sophie Reyer und A.J. Weigoni beruht auf einer maximalen Erstreckung der Vorstellungskraft, ihre Wortspielhalle erzielt einen Schwebezustand zwischen äußerster Konkretion und symbolischer Aufladung. Ich erinnere mich an die Vorstellung, dass jedes Wort ein Spiegel ist, der ein anderes Wort reflektiert, bis der Sinn in einer unendlichen Regression verloren geht. In dieser Sprechpartitur wird die Sprache zerlegt – nicht durch Destruktion, sondern durch eine Art heiliger Geometrie des Klangs. Es ist eine Architektur aus Atemzügen, besonders in der akustischen Umsetzung mit der Schauspielerin Marion Haberstroh. Wenn man die Wortspielhalle mit den Arbeiten von Peter Meilchen betrachtet, begreift man, dass hier das Sprechen selbst zum Ereignis wird, das über die bloße Mitteilung hinausgeht.
Die Autoren scheinen zu wissen, dass die Welt aus Sprache besteht und dass Sprache, wenn man sie nur lang genug in einer Halle einsperrt, beginnt, mit sich selbst zu spielen. Es ist ein Spiel ohne Würfel, ein Schachzug gegen das Schweigen. Wer diese Partitur liest – oder vielmehr: wer sie bewohnt –, erkennt, dass die Wortspielhalle kein Ort ist, den man betritt, sondern ein Zustand, in dem man das Echo seiner eigenen Existenz als reinen Klang vernimmt.
Die Wortspielhalle ist nicht einfach ein physischer Ort, sondern ein metaphorischer Raum, in dem Sprache sich entfaltet und die Grenzen der Kommunikation neu definiert werden. Hier treffen Wörter aufeinander, tanzen eine Choreografie aus Bedeutung und Klang und verschmelzen in einem Spiel der Assoziationen. Jeder Satz enthüllt eine Schicht von Bedeutungen, die oft im Verborgenen bleiben. Reyer und Weigoni schaffen es, diese Schichten freizulegen und einen Dialog zwischen den verschiedenen Ebenen der Sprache zu initiieren.
Das Spiel mit Worten ist nicht nur ein ästhetisches Vergnügen, sondern eine tiefere philosophische Auseinandersetzung mit der Natur des Seins. In der Wortspielhalle wird das Wort selbst zur Hauptfigur – es wird gespalten, verwandelt und neu zusammengesetzt. Hier wird deutlich, dass Sprache nicht statisch ist, sondern sich im ständigen Wandel befindet. In diesem Raum wird das Unsichtbare sichtbar: die Art und Weise, wie Worte und Bedeutungen sich gegenseitig bedingen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wir sind alle nur Interpreten einer Partitur, deren Schöpfer wir im Moment des Sprechens vergessen. Reyer und Weigoni haben uns lediglich den Schlüssel zu einer dieser Hallen überreicht, in denen das Wort noch jung ist und die Welt noch nicht durch Definitionen erstarrt.
Jedes Fragment der Wortspielhalle ist Teil eines größeren Ganzen ist. Die Dichotomie zwischen Autor und Leser, zwischen Schöpfer und Konsument verwischt sich, und wir sind alle Teil des Spiels. In einer Weise, die die Komplexität und die Faszination der Sprache feiert, lädt die „Wortspielhalle“ uns ein, die Rolle des Flaneurs zu übernehmen, der die unendlichen Möglichkeiten der Sprache erkundet, während er gleichzeitig in einen Dialog mit den Wortschöpfungen der Menschheit tritt.
Die Wortspielhalle von Sophie Reyer und A.J. Weigoni ist mehr als eine Sprechpartitur – sie ist ein Raum der Möglichkeiten, ein interaktives Labyrinth von Sprache, das uns herausfordert, die Weiten der Bedeutung zu durchdringen. In der Reflexion über diese Sprechpartitur finden wir uns in einem ewigen Spiel wieder, in dem jedes Wort ein Fenster zur Unendlichkeit öffnet und uns in die Tiefen der menschlichen Erfahrung entführt.
***
Vor zehn Jahren erschien: Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014

Cover: Frühlingel von Peter Meilchen
Weiterführend → Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Eine höherwertige Konfiguration entdeckt Constanze Schmidt in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht Zikaden und Hähern nach. Ein weiterer Blick beleuchtet die Inventionen von Peter Meilchen. Ein Essay fasst das transmediale Projekt Wortspielhalle zusammen. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.