Ausgehend von Rheinkilometer 630

Traut nicht allem, was ihr seht – nehmt euch Zeit und schaut genauer hin.

Emilia Van Lynden

Die Kulturnotizen (KUNO) fangen nicht in der Stunde Null an, die Redaktion muß auch nicht zur Quelle zurück, sondern starten in diesem Jahr direkt bei Rheinkilometer 630 durch. Vor 10 Jahren starb Peter Meilchen, er wäre im Jahr 2018 satte 70 Jahre alt geworden. Grund für einen Ausblick auf das was unvermeidbar ist:

„Medienkombination“ nennt die Deutsche Nationalbibliothek ein Werk, das sich nicht auf den ersten Blick zuordnen läßt. Moderne Literatur findet längst nicht mehr nur im begrenzten Format eines Buches seinen Platz, dies belegen der Multimediakünstler Peter Meilchen, der Komponist Tom Täger und der Sprechsteller A.J. Weigoni. Alle vorgenannten Artisten arbeiten sowohl mehrperspektivisch, als auch interdisziplinär.

Seit der Erfindung des gregorianischen Gesangs ist die Verbindung von Musik und Sprache aus der Kunstgeschichte nicht wegzudenken. In der Literatur gibt es ein Konglomerat an Klanghaftem, und die Musik nimmt auf das Schreiben Einfluß, sodaß sich daraus Parallelen oder Differenzen zwischen der Arbeit des Komponisten und dem literarischen Schreiben ergeben, und ein Text als ein musikalisches Werk gelesen werden kann.

Es ist ein erfrischender Anstoß, die auf den ersten Blick disparaten Disziplinen einmal ganz neu zu betrachten.

Das gesicherte Wissen darüber, daß Kunst sich nicht nur aus der Wirklichkeit, sondern immer auch aus dem Dialog mit anderen Künsten, den Rhythmen, Klängen und Bildern anderer Werke und anderer Zeiten speist, einst diese Artisten. Tom Täger und A.J. Weigoni erkunden die Schnittstellen zwischen bildender Kunst, zeitgenössischer Musik und Literatur. Zum 10. Todestag von Peter Meilchen erscheint am 27.10. 2018 das Buch/Katalog-Projekt 630 zur Ausstellung in der Werkstattgalerie Der Bogen (Arnsberg). In diesem gattungsübergreifenden Buch / Katalog-Projekt wirken bildende Kunst, Klangkomposition und Literatur sinnfällig zusammen. Meilchens Bildsprache ist eine außer-sprachliche, weil visuelle Entsprechung und Spiegelung der literarischen Beiträge. Bei dieser Mixed-Media manifestiert sich eine Art der Grenzüberschreitung im Spiel mit den Gattungen: Auflösen, andersdenken, zersplittern und neu zusammensetzen. Es zeigt sich, daß Kunst nicht ausschließlich die Sache eines Einzelnen ist, sondern in einer Interaktion mit dem bildenden Künstler.

Abseits der eingetretenen Rezeptionspfade war Weigoni stets an grenzüberschreitenden artIQlationen interessiert. Die geschriebene Sprache ist immer eine Metapher für die gesprochene. Desto „echter“ sie klingt, desto weiter ist sie von der Umgangssprache entfernt. Seit der Letternmusik geht es auf inhaltlicher Ebene um Musik, seine Rezitation trifft einen Tonfall und fügt sich auch bei 630 mit Unterstützung den Komponisten Tom Täger sowohl zu einer sprachlichen, als auch musikalische Komposition. Bei der sogenannten „verbal music“, bestehen gleichzeitig Form- und Strukturparallelen zwischen den Künsten und es ergibt sich Wortmusik, ein Klang der Signifikanten, der Musik imitiert. Im Mixed-Media-Projekt 630  transportieren sich die Wellenbewegungen der Flüße Rhein und Nil in sinnlich geschwungene Bögen des Gesprochenen. Durch Tom Tägers Komposition wird die Dialektik einer beschwörenden Sprachmagie sinnfällig. Weigoni macht nicht viele Worte, aber es sind immer die richtigen.

Das Gesamtkunstwerk schafft eine Atmosphäre, die man als Leser / Hörer / Betrachter beinahe selber sehen, riechen und schmecken kann. Diese cross-mediale Buch / Katalog / Doppel-CD ist eine konkrete Auseinandersetzung mit den Orten der Lebenden und den Orten der Toten, wie sie sich zueinander verhalten, miteinander sprechen und worüber sie schweigen. Die Poesie klingt trotz des überwölbenden Themas nie schwer und theoretisch. Das „richtige“ Hören gibt es ebenso wenig wie das „richtige“ Lesen oder das „richtige“ Sehen, 630 läßt für Eigeninterpretationen viel Raum offen. Das Booklett 630 ist ein sinnfälliges Ohr-Ratorium.

Das Buch/Katalog-Projekt 630 wird am gleichfalls anläßlich der Jahresgaben zum 70. Geburtstag von Peter Meilchen im Kunstverein Linz präsentiert.

Covermotiv von Krumscheid / Meilchen

Randständigkeit bleibt das Lebensprinzip der Poesie

Vom Rand aus arbeiten wir auf dem Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO) daran, den  Kanon zu erweitern. Die Idee zum Projekt Das Labor ist ein viertel Jahrhundert alt. Wer über hinreichend Neugierde, Geduld, Optimismus und langen Atem verfügte, konnte in den letzten 25 Jahren die Entstehung einer Edition beobachten, die weder mit Pathos noch mit Welterlösungsphatasien daherkam. Die zeitliche Abfolge der projektorientierten Arbeit ist nachzuvollziehen in der Chronik der Edition Das Labor. Weitere Porträts finden Sie in unserem Online-Archiv, z.B. eine Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland. Auf KUNO porträtierte Holger Benkel außerdem Ulrich Bergmann, Uwe Albert, André Schinkel, Birgitt Lieberwirth und Sabine Kunz. Lesen Sie auch den Essay über die Arbeit von Francisca Ricinski und eine Würdigung von Theo Breuer. Und nicht zuletzt den Nachruf auf Peter Meilchen.

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Ein Hörprobe von 630 findet sich hier. –  Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Weiterführend →

Constanze Schmidt zur Novelle und zum Label. Ein Nachwort von Enrik Lauer. KUNO übernimmt einen Artikel der Lyrikwelt und aus dem Poetenladen. Betty Davis konstatiert Ein fein gesponnenes Psychogramm. Über die Reanimierung der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch / Katalog-Projekt 630 finden Sie hier. Einen Essay zur Ausstellung 50 Jahre Krumscheid / Meilchen lesen Sie hier. Mit einer Laudatio wurde der Hungertuch-Preisträger Tom Täger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gewürdigt. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier.