Punk war ihre Wut, ihr Reggae macht uns Mut

Die Bad Brains verdichten auf Banned in D.C. die Haltung des Punk-Widerstands zu zwei Minuten und 22 Tracks purer, unverfälschter Energie.

Gegründet 1977 als Jazz-Fusion-Band Mind Power von vier jungen Schwarzen Musikern – Dr. Know (Gary Miller) an der Gitarre, Darryl Jenifer am Bass, Earl Hudson am Schlagzeug und Paul „H.R.“ Hudson am Gesang –, wechselten sie radikal zur Punk-Szene, nachdem sie die Ramones und Sex Pistols gehört hatten. Was folgte, war kein „geniales Machotum“ im Elfenbeinturm, sondern ein kollektiver Sprung ins Unbekannte. Sie spielten schneller als irgendjemand zuvor. Die Drums donnerten wie Maschinengewehre, der Bass war ein tiefer, treibender Puls, die Gitarre ein kreischendes Sägeblatt – und darüber H.R.s Stimme, die zwischen animalischem Schrei und prophetischem Gebrüll oszillierte. Das war kein Solisten-Genie, das sich austobt. Das war eine Band, die als Einheit funktionierte, weil sie sonst nichts hatte. In einer Stadt, die von Segregation und konservativer Bürokratie geprägt war, und in einer Szene, die weiß und oft genug reaktionär war, waren vier Schwarze Punks ein Skandal. Kein Feuilleton feierte sie als „Genies“. Die Clubs warfen sie raus.

Das Album „Banned in D.C.“ (oft stellvertretend für ihre frühe Ära und den gleichnamigen Song genannt) ist weit mehr als nur ein Dokument des Punk-Widerstands.

Genau das ist der Kern von „Banned in D.C.“. Der Song, erstmals 1982 auf dem legendären ROIR-Cassette-Album „Bad Brains“ erschienen, ist kein wehleidiges Lamentieren. Er ist ein mittelfingerhohes Statement: „Banned in D.C. / with a thousand other places to go / Gonna swim across the Atlantic / ’cause that’s the only thing I can do.“ Die Band wurde nicht wegen Drogenexzessen oder Primadonnen-Allüren verbannt, sondern weil ihre Konzerte in den kleinen Clubs von D.C. zu explosiv wurden – moshende Massen, Polizei-Einsätze, Angst vor „Unruhen“. Die weiße Punk-Szene feierte die Energie, die Stadtverwaltung und die Veranstalter fürchteten sie. Bad Brains wurden buchstäblich aus ihrer Heimatstadt vertrieben und spielten stattdessen in Baltimore oder New York. Das „Banned“ war kein romantisiertes Künstlerdrama, sondern strukturelle Ausgrenzung. Und genau deshalb wurde der Song zur Hymne.

Bad Brains agierten in einer Szene (D.C.-Punk), die politisch, sozial und musikalisch explosiv war. Sie standen am Schnittpunkt von schwarzer urbaner Erfahrung, der DIY-Punk-Ästhetik und einer spirituellen Suche, die sie deutlich vom oft weiß dominierten Punk-Establishment abhob.

Die 2003 erschienene Compilation „Banned In DC: Bad Brains Greatest Riffs“ sammelt diese frühe Phase wie ein Manifest ein. 22 Tracks, von der ersten 7-Inch „Pay to Cum“ (1979) über „Sailin’ On“, „Attitude“, „Supertouch/Shitfit“ bis hin zu späteren Reggae-Nummern und sogar einem bis dahin unveröffentlichten „Riot Squad“. Es ist kein Greatest-Hits-Album im poppigen Sinne, sondern ein Dokument der ersten Welle des amerikanischen Hardcore. Man hört, wie die Band den Punk nicht nur schneller, sondern auch politischer und spiritueller machte. Ab Mitte der Achtziger integrierten sie Rastafari-Einflüsse und Reggae-Interludes – nicht als modisches Accessoire, sondern als bewusste Gegenkultur zu Drogen, Alkohol und der Selbstzerstörung, die in vielen Punk-Bands herrschte. „I Against I“ (später auf dem gleichnamigen Album) wird hier bereits spürbar: Einheit statt Ego, Widerstand statt Selbstdarstellung.

Als schwarze Musiker in einer ansonsten überwiegend weißen Szene provozierten sie Bewunderung und Missverständnis zugleich. Ihre Musik konterte Stereotype: technisch virtuos, schnell, aber auch rhythmisch komplex und inhaltlich spirituell.

Was das Album (und die Band insgesamt) so radikal von dem macht, was in manchen Feuilletons als „Kunst“ verteidigt wird, ist die Abwesenheit des solitären Genies. Bad Brains waren nie vier Einzelkämpfer, die sich gegenseitig tolerierten, weil das „Werk“ es verlangte. Sie waren eine Einheit, die aus der Not einer marginalisierten Existenz entstand. Dr. Knows Gitarrenspiel ist technisch brillant, aber nie selbstverliebt. Earl Hudsons Schlagzeug ist ein Präzisionsinstrument, das nie in Richtung „Rockstar-Posing“ abrutscht. Und H.R.s Gesang, der zwischen Zorn und Ekstase changiert, ist kein „ungezügelter“ Ausbruch eines Einzelnen, sondern der kollektive Schrei einer Generation, die in Reagan-Amerika keinen Platz fand.

Ihr Sound inspirierte zahllose Hardcore-, Metal- und Alternative-Bands; der Mix aus extremem Tempo und melodischer Verspieltheit wurde zur Blaupause.

Natürlich gab es später Kontroversen um H.R.s mentale Gesundheit und unberechenbares Verhalten auf Tour. Man könnte das als „geniales Machotum“ missverstehen – doch genau das wäre die falsche Lesart. Die frühen Bad Brains, die auf „Banned in D.C.“ konserviert sind, zeigen etwas anderes: Kunst als Überlebensstrategie. Sie brauchten kein Feuilleton, das ihr „Temperament“ entschuldigte. Sie brauchten nur eine Bühne, auf der sie zwei Minuten lang die Welt in Stücke reißen konnten. Und als ihnen die Bühnen in D.C. genommen wurden, schufen sie einen Song, der bis heute in jedem Hardcore-Keller nachhallt.

Die Lyrics pendeln zwischen Wut über Ausgrenzung, Selbstbehauptung, spiritueller Suche und der Forderung nach persönlicher Veränderung. Der Bandname selbst, Bad Brains, signalisiert eine bewusste Provokation: gegen Normen, gegen Erwartungen, gegen die Erwartung, wie „authentischer“ Punk oder „authentische“ Black Music zu klingen habe.

In einer Zeit, in der klassische Institutionen noch immer das Narrativ des „schwierigen Genies“ pflegen, um schlechtes Benehmen zu romantisieren, steht „Banned in D.C.“ für das genaue Gegenteil: für die Kraft, die entsteht, wenn eine Band nicht als Summe von Egos, sondern als kollektives Widerstandsmoment agiert. Bad Brains haben nie um Verständnis gebettelt. Sie haben einfach gespielt – schneller, härter, bewusster als alle anderen. Und genau deshalb sind sie bis heute nicht nur eine Band, sondern ein Beweis: Das wahre „Genie“ der Musik liegt oft nicht im Solitären, sondern im Gemeinsamen. Im Verbotenen. Im Banned.

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Banned In DC: Bad Brains, Caroline Records, 2003

Weiterführend Punk erweist sich als eine Cover-Version des Rock’n‘Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem Bananenalbum. Oder war es doch eher der Garagenrock? – Lässt sich von MC Five (Motor City Five) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der New Yorker Proll-Combo ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine Ur-Mutter? Würden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern überhaupt zugeben? – Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakulärste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist Blank Generation der Song, der wohl größer ist, als die Band, die ihn produziert hat. Dies ist das beste Album, das die Buzzcocks nie gemacht haben. Kaum ein Song beschreibt den beginnenden britischen Punk besser als „Oh Bondage Up Yours!“. Es ist ein Zeichen von Chuzpe, wenn sich eine von Männern dominierte Szene, eine Combo von Frauen The Slits nennt. Waren die Pistols die erste Boy-Group? Johnny Rotten predigte Anarchie, The Pop Group praktizierte sie. PiL has his future in a British Steel. Bei The Clash verströmt Strummers Gebrüll geballte Wut, während Jones‘ flammendes Gitarrenspiel den Stil für unzählige Nachahmer prägte. Klingt die Trostlosigkeit des Rust Belt nach Punk oder Industrial Folk? Eine weitere Seitenbemerkung über den Industrial-Punk der Nine Inch Nails aus Cleveland, Ohio. Tuxedomoon entwickelten einen experimentellen Sound, der seltsamer war als der ihrer Zeitgenossen aus den 80ern, indem er Jazz und hypnotisierende Elektronik auf eine Art und Weise einbezog, sie spielten einen hypnotischen Synth-Punk. Die aus dem Album Liaisons Dangereuses ausgekoppelte Single Los niños del parque ist eine der meistverkauften Underground-Singles in Deutschland und später aufgrund der markanten, mit dem Korg MS-20 erstellten Basslinie vielfach gesampelt worden. Eine Würdigung der südafrikanischen Tekkno-Punks Die Antwoord. – Gegen Fresh Fruit for Rotting Vegetables hört sich alles andere wie Pop an. Retten kann uns die Schönheit der Tenorstimme des Punk. The Monochrome Set verkörpert wie kaum eine andere Combo den DIY-Ethos, indem sie kompromisslos ihrer eigenen, einzigartigen künstlerischen Vision folgen. Zu Monarchie und Alltag gibt es einen Bericht zur Lage der Detonation. – Polka trifft auf Punk und möglicherweise waren es die Violent Femmes, die den Gitarren-Schrammelpunk erfunden haben. Die Spoken Word-Poetin Anne Clark präsentiert Lyrics als dunkles Echo der Seele, sie steht darin Siouxsie Siox, dem Urtyp eines Riot Grrrls, in nichts nach. Erinnert sei auch an den Punk-Poeten John Cooper Clarke und den Lo-Fi-Poeten Dan Treacy, Weitere ungelöste Fragen: Stellen die The Ruts mit einem Album das Lebenswerk von The Clash in den Schatten? Wann hört der Substance von Punk auf? Wann beginnt der Post-Punk? Ist das bereits New Wave? Oder stellt Polyrythmik den Höhepunkt dar? Kein Punk, aber das Kronjuwel des Britpop. Die Alben von Wire stellen in beeindruckender Weise dar, was aus Punk eigentlich hätte werden können.