Poetologische Korrespondenzen

Die Lektüre von Geschichten und Romanen dient dazu, die Zeit zweiter und dritter Ordnung totzuschlagen. Die Zeit erster Ordnung braucht man nicht totzuschlagen. Sie ist es, die alle Bücher totschlägt. Sie bringt einige hervor.

Paul Valéry

Mit Schriftstellern ein Interview zu führen, ist – um es diplomatisch zu sagen: schwierig. A.J. Weigoni ist überzeugt davon, daß ein Gespräch zwischen Menschen, die sich nicht kennen, unmöglich ist, Menschen die ein Gespräch führen wollen, sind bereits verdächtig. Der Leser, der solche Kollegengespräche liest, möchte vor allem eines: sein Augenmerk für die Interviewten schärfen; ihre Texte mit neuer Intensität oder neuem Hintergrundwissen (wieder)lesen. Der Textsorte Brief ging die Individualisierung der bürgerlichen Gesellschaft voraus. Selbstreflexion und subjektive Wirklichkeitswahrnehmung wurden zu Kommunikationsinhalten, über deren Thematisierung sich eigene Identität und soziale Beziehung zur Umwelt manifestierten. Man verabschiedete sich im 18. Jahrhundert von den Vorgaben der weit verbreiteten Briefsteller. Daher betrachtet Weigoni das Projekt Kollegengespräche als eine eigenständige literarische Form, die sich auch als Inszenierung oder Ritual beschreiben läßt.

Schreibe wie du redest, so schreibst du schön.

Lessing

Weigoni hielt dem jeweiligen Interview-Partner zwischen 1995 und 1999 nicht einfach ein Mikrofon entgegen, er brachte in das Gespräch vor allem seine eigenen Erfahrungen mit ein. Ausgangspunkt war die Rezeption von Literatur im neuen Deutschland. Mit seinen Gesprächspartnern stimmte Weigoni weitestgehend darin überein, daß man Literatur nicht nur den „Fachleuten“ überlassen sollte. Der Begriff ‘Immunität’ hat unsere Weltanschauung, das Selbst- und Weltbild des modernen Menschen, nachhaltig geprägt. Sprache ist demzufolge ein Virus, das sich – von Mund zu Mund, von Buch zu Buch, von Website zu Website – schneller vermehrt, als die Diskurspolizei erlaubt. Das scheint ganz besonders für die Sprache der Infektion selbst zu gelten, von der Semantik der Ansteckung. Dies geschieht umso leichter, wenn die fraglichen Wörter ihrerseits bereits mit Bildern infiziert sind, die ursprünglich nicht der wissenschaftlichen Sphäre entstammen, sondern der poetischen.

Kann es eigentlich eine Sprache geben, die den Lesern nicht auf die Nerven geht?

Für diese Form von Gesprächen nahmen sich die Schriftsteller Zeit. Viel Zeit. Oft mehrere Monate. Mit einem etwas veralteten Medium – dem Briefeschreiben? – stellten sie sich Fragen, die auch eine breitere Öffentlichkeit interessierte. Im Laufe der Zeit ergab das allmählich die Form einer journalistischen Gattung, des Interviews, bei dem im günstigsten Fall zwei Insider über das reden, von dem sie mehr verstehen als „Literatur–Wissenschaftler“.

Deutschsprachige Literatur als demoskopisches Küchenstück?

Obzwar unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden die Schriftsteller dieses Projekts keine einheitliche Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Literatur anders einzuordnen, um schließlich eine Art literaturkritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit der Texte, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird an den Autoren die gegenwärtigen Lage der kulturellen Gesellschaft deutlich.

Der Literaturbetrieb gleicht einem Adler, der in die Lüfte aufsteigt, obzwar er gebrochene Füße hat, die ihm jedwede Landung verwehren. Heutzutage scheint Literatur der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden, der existentiellen Werkzeuge zum Ausdruck bringt. Diese Autoren wagen, jeder auf seine Art und Weise, eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Literatur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem Rest Unerklärlichem, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht. Deshalb sollte sich die neue Literatur nicht frontal gegen die Religionen stellen. Aber sie muss die sogar bei Atheisten bislang unzureichend ausgebildete Anschauung stärken, daß Moral und Ethik keineswegs nur über religiöse Überzeugungen funktionsfähig werden. Es geht um eine Erweiterung des literarisches Feldes.

In den Gesprächen mit den Autoren: Karlheinz Barwasser / Holger Benkel / Patricia Brooks / Barbara Ester / Klas Ewert Everwyn / GRAF–X / Wolfgang Kammer / Bruno Kartheuser / Axel Kutsch / Jens Neumann / Ulrich Peters / André Ronca / Ioona Rauschan / Dieter Scherr / Robert Stauffer / Angelika Voigt / Dieter Walter / Eva Weissweiler wird ein Blick in die Arbeitszimmer der Schriftsteller der 1990er-Jahre geworfen. Man erfährt viel über ihre Arbeit an Lyrik, Prosa, Drama und über Arbeitstechniken im Studio, auf der Bühne oder im Internet. Und das aus erster Hand.

Gefährliche Briefschaften

Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Leben, Film und Literatur, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen die Kollegengespräche zu einer komplexen Lektüre. Die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit des Schreibens aber wiegen die Beschwernis der labyrinthischen Gedankenwege, die lesend nachvollzogen werden müssen, wieder auf. Die Literatur eröffnet eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Literatur ist nicht nur Dekor des Lebens, das neue Gesellschaftsmodell benötigt neue Literaturformen. Über Verfremdungen drückt Literatur die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Menschen aus. In Zeiten tiefgreifender Veränderungen verschwimmen deshalb auch die Grenzen zwischen den so genannten Literaturproduzenten und dem so genannten Publikum.

Die Literatur ist weniger als jeder anderer Bereich bereit, die Fixierung auf das, was ist, also auf die Realitäten, die man vorfindet, zu akzeptieren. Genau deswegen entwickelt sie die Dynamik, die eine Gesellschaft dringend braucht, wenn sie nicht auf der Stelle treten will. Das ist Aufgabe der Literatur, nicht der Kulturpolitik.

 

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Coverart: Almuth Hikl

Um den Bücherberg nicht zu vergrössern war dieses Buch als Printing on demand erhältlich. Die digitalisierten Daten konnten  abgerufen und in kleineren Stückzahlen gedruckt werden.
Dieser Band war als bibliophile, limitierte Vorzugsausgabe erhältlich über: Ventil-Verlag, 55116 Mainz

Aus Recherchegründen hat der vordenker die Kollegengespräche zuerst ins Netz gestellt. Sie können hier abgerufen werden. Die Kulturnotizen (KUNO) haben diese Reihe in loser Folge ab 2011 fortgesetzt.