Keine wahllose Verwandtschaft

 

Die Moderne, jene Epoche der technischen Reproduzierbarkeit, hat die ´Aura` des Kunstwerks zerstreut wie Staub im Wind der Geschichte. Walter Benjamin, der Flaneur der intellektuellen Abgründe, hätte in A.J. Weigoni einen Verwandten erkannt – einen, der in den Fragmenten der Lyrik die verlorenen Schichten der Erinnerung aufspürt. Weigonis Werk, ein Labyrinth aus Poesie, Performance und experimenteller Prosa, widersteht der Flachheit des Digitalen, indem es die Materialität des Wortes betont.

Weigoni repräsentiert das zeitgenössische Wort als Palimpest, in dem jede Schicht von Bedeutung auf die nächste wirkt. Wie Walter Benjamin es in seinen tiefgreifenden Analysen der Kultur verstanden hat, ist das Werk eines Schriftstellers nicht nur die Summe seiner Teile, sondern ein Zusammenspiel von Geschichte, Sprache und Erfahrung.

Weigoni greift oft auf die Fragmentierung der modernen Existenz zurück. Seine Texte sind nicht mehr linear; sie reflektieren die Vielschichtigkeit der heutigen Gesellschaft, ähnlich wie Benjamin die zersplitterte Wahrnehmung des modernen Lebens beschreibt. In einer Welt, in der jeder Augenblick durch Bilder und Klänge saturiert ist, sucht Weigoni nach dem Authentischen im Vergänglichen. Seine Sprache ist sowohl poetisch als auch analytisch, sie schafft es, das Momentane festzuhalten und gleichzeitig den Fluss der Zeit zu betonen.

Ein zentrales Element in Weigonis Werk ist das Spiel. In Anlehnung an Benjamin erinnert der Autor den Leser daran, dass Geschichte nicht linear verläuft, sondern in Schichten jongliert. Jedes Wort wird zum Zeugen einer Epoche, die sich in den Gedanken und Emotionen einfängt. Die Ruinen sind nicht nur Dinge des Vergangenen; sie laden den Leser ein, den Kontext neu zu bestimmen und die Bedeutungen zu hinterfragen.

Während Benjamin in seiner Betrachtung von Aura und Kopie unterstreicht, bringt Weigoni die Frage nach der Echtheit von Erzählungen ins Spiel. In Zeiten der Reproduzierbarkeit wird das Originelle rar, und doch wagt Weigoni, in den Abgründen der menschlichen Erfahrung zu graben – immer auf der Suche nach dem Funken des Wirklichen. Sein Werk eröffnet somit einen Dialog über das verlorene Sein, die melancholische Wiederentdeckung des Unsichtbaren in einer Welt, die sich stetig wandelt.

Wie Benjamin in seinen „Denkbildern“ die Stadt als Text entschlüsselt, so sammelt Weigoni in Bänden wie „Dichterloh“ die Reliquien der Literatur. Seine Gedichte sind keine bloßen Reproduktionen; sie evozieren die Aura des Einmaligen, jene „ferne Nähe“, die Benjamin der Kunst zuschrieb. In einer Zeit, da das Buch zur Ware wird, publizierte Weigoni bei der „Edition Das Labor“, einem Refugium für die artistische Avantgarde. Hier verschmelzen Klangpoesie und visueller Text, erinnert an Benjamins These vom Verlust der Erzählkunst durch die Information. Weigonis Performances, oft in Kollaboration mit Künstlern wie Frank Michaelis, machen die Sprache zum Ereignis, zum dialektischen Bild, das im Stillstand der Geschichte aufblitzt.

In der Konstellation der Gegenwart erscheint das Werk von A.J. Weigoni nicht als bloßes Schriftwerk, sondern als ein Passagen-Werk der Postmoderne, in dem die Trümmer der Hochkultur mit dem Strandgut des Digitalen kollidieren. Benjamin hätte in Weigoni den Sammler erkannt, der im Trödelmarkt der Sprache nach jenen dialektischen Bildern sucht, die im Moment ihrer Erkennbarkeit aufblitzen.

Weigonis Ästhetik ist eine der Montage. Wie der Flaneur, der die Pariser Arkaden durchstreift, durchmisst Weigoni die semantischen Räume zwischen Hörspiel, Lyrik und Essay. Er praktiziert ein „Eingedenken“ genannte Archäologie des Wortes, die sich weigert, die Geschichte als lineare Fortschrittserzählung zu akzeptieren. In seinen „Unschärfen“ wird die Aura des Kunstwerks nicht durch technische Reproduzierbarkeit vernichtet, sondern durch eine bewusste Fragmentierung neu zur Disposition gestellt. Es ist eine Literatur des Chocs, die den Leser aus der bürgerlichen Versunkenheit reißt.

Man betrachte Weigonis Arbeit am „Vexierbild“: Hier wird die Sprache zum optischen Unbewussten. Was bei Benjamin die Fotografie leistete – das Sichtbarmachen von Räumen, die das menschliche Auge übergeht –, leistet bei Weigoni die Intermedialität. Seine Texte sind Partituren, die erst im polyphonen Raum zwischen Autor und Rezipient ihre wahre Materialität entfalten. In Weigonis Werk erkennt man die Benjamin’sche Warnung: Die Reproduzierbarkeit entzaubert, doch der Poet rekonstruiert. Seine Lyrik, fragmentarisch und assoziativ, fordert zur Konstellation heraus, zur Konstruktion neuer Sinnwelten. So bleibt dieser „VerDichter“ ein Zeuge der verborgenen Geschichte der Literatur, ein Sammler in der Epoche des Verlusts.

Dieser Autor ist ein Lumpensammler der Metaphern. Er bückt sich nach dem Abseitigen, um es in der Montage des Textes zu politisieren. In der Melancholie Weigonis schwingt stets die Hoffnung auf eine Rettung des Vergangenen mit – eine messianische Stillstellung des Geschehens inmitten des medialen Rauschens. So steht Weigoni wie der Angelus Novus vor den Ruinen der Sprache: Das Antlitz der Zukunft zugewandt, während er die Trümmer der Tradition zu einem neuen, provisorischen Ganzen fügt.

 

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Vor zehn Jahren erschien: Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014

Cover: Frühlingel von Peter Meilchen

Weiterführend → Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Eine höherwertige Konfiguration entdeckt Luther Blissett in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht Zikaden und Hähern nach. Ein weiterer Blick beleuchtet die Inventionen von Peter Meilchen. Ein Essay fasst das transmediale Projekt Wortspielhalle zusammen. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.