Ein Relais zwischen Räumen, Zeiten und Medien

Das transmediale Format fordert sowohl Künstler als auch Zuschauer heraus, konventionelle Denkweisen zu hinterfragen. Es ermöglicht eine Reflexion über die Grenzen traditioneller Erzählstrukturen und fördert Innovation in der Kunst.

Das literarische Projekt „Wortspielhalle“ stellt eine faszinierende Zusammenarbeit zwischen der österreichischen Autorin und Komponistin Sophie Reyer und dem deutsch-ungarischen Schriftsteller und Hörspielmacher A. J. Weigoni dar. Erschienen 2014 als Buch mit beigefügter CD in der Edition Das Labor (Mülheim an der Ruhr), es handelt sich um eine Sprechpartitur, ergänzt durch Inventionen des Künstlers Peter Meilchen.

Das Werk wurde mit dem Förderpreis lime_lab im Rahmen des steirischen herbst ausgezeichnet, der experimentelle, medienüberschreitende Hörspiele fördert. „Wortspielhalle“ ist somit nicht nur ein gedrucktes Buch, sondern ein transmediales Experiment, das Sprache, Klang und Performance vereint.

Die „Wortspielhalle“ von Reyer und Weigoni stellt ein wegweisendes Experiment an der Schnittstelle von Literatur, Akustik und digitaler Vernetzung dar. In einer Ära, die zunehmend von „berechnender binärer Intelligenz“ geprägt ist, setzen die Autoren der algorithmischen Vorhersehbarkeit eine radikale, spielerische Sprachkunst entgegen. Zentrales Element ist die Auseinandersetzung mit der Bi-Textualität und dem Einfluss künstlicher Intelligenz auf unser Denken. Reyer und Weigoni nutzen das ´Wortspiel` nicht als bloßen Kalauer, sondern als Methode, um die festgefahrenen Strukturen der Sprache aufzubrechen. Es geht darum, die „Dialektik der Aufzehrung“ – den Verlust von Bedeutungstiefe in der digitalen Kommunikation – durch poetische Verdichtung zu kontern.

Sophie Reyer, geboren 1984 in Wien, ist eine vielseitige Künstlerin: Sie schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke und Libretti, komponiert elektronische Musik und tritt als Soundpoetin auf. Ihre Arbeiten überschreiten oft Genregrenzen und integrieren visuelle sowie akustische Elemente.

A.J.Weigoni (1958–2021), geboren in Budapest und später in Düsseldorf ansässig, war ein experimenteller Lyriker, Prosaist und Hörspielautor. Bekannt für seine Arbeit mit Sprache als akustischem Material, produzierte er zahlreiche Hörspiele und Performances. Beide Künstler teilen eine Affinität zur Heterophonie – der Vielstimmigkeit – und zur Dekonstruktion traditioneller Formen.

Als Sprechpartitur ist das Buch explizit für die performative Umsetzung konzipiert. Die Texte sind nicht nur zum Lesen, sondern zum Vorlesen, Sprechen und Hören gedacht. Die beigefügte CD enthält Aufnahmen enthält Aufnahmen aus dem Tonstudio an der Ruhr, die die akustische Dimension unterstreichen. Peter Meilchens Inventionen – visuelle Elemente – ergänzen das Ganze zu einem multimedialen Ensemble. Das Projekt positioniert sich als Gegenprogramm zur Banalität des Alltags. In Zeiten digitaler Kommunikation und künstlicher Intelligenz betont es die „heterophone Stimmgewalt“ der menschlichen Sprache – ihre Vielstimmigkeit und Innovationskraft. Wie bei einem Hörspiel gelten Regeln, die neu erfunden werden müssen. Sprache wird hier als Material behandelt, das geschnitzt, gestöpselt und performt wird, um Intuition und Konstruktion in Balance zu bringen.

Die „Wortspielhalle“ ist ein Paradebeispiel für transmediale Literatur im 21. Jahrhundert. Sie überschreitet die Grenzen des Buches, indem es Text, Klang, Performance und visuelle Kunst verknüpft. In einer Epoche, in der Literatur zunehmend digital und interaktiv wird, erinnert das Projekt an die ursprüngliche Verbindung von Lyrik und Musik – von der antiken Leier bis zur modernen Soundpoesie. Diese Poesie widersteht der Standardisierung und feiert die Freiheit der Sprache als Tochter der Freiheit.

Das Werk wurde nicht nur preisgekrönt, sondern auch in Ausstellungen präsentiert (z. B. anlässlich „50 Jahre Krumscheid / Meilchen“ im Kunstverein Linz) und in Plattformen wie KUNO oder MetaPhon weiterverbreitet. Auszüge sind als LiteraturClips und Audioaufnahmen verfügbar, was die performative Natur unterstreicht.

Als Mixed-Media-Projekt demonstrierte es frühzeitig, wie eine „Storyworld“ über verschiedene Kanäle hinweg konsistent gestaltet werden kann. Jedes Medium erfüllt dabei eine eigene Funktion. Die beiliegende CD zur Erweiterung der Texte in den akustischen Raum. Dieser Ansatz inspirierte nachfolgende Projekte dazu, den Vorteil jedes Mediums (Video, Audio, Foto, interaktive Elemente) optimal zu nutzen, statt Inhalte nur zu kopieren.

Die „Wortspielhalle“ ist ein Manifest für die Freiheit des Wortes. In einer Welt, in der Algorithmen bestimmen, was wir lesen und wie wir kommunizieren, schaffen Reyer und Weigoni einen autonomen Raum – eine „Halle“, in der Sprache wieder unberechenbar, klangvoll und menschlich sein darf. Zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt die „Wortspielhalle“ ein inspirierendes Beispiel für kollaborative, experimentelle Kunst.

In einer Zeit, in der Sprache oft reduziert und algorithmisch vereinfacht wird, mahnt das Projekt: Die wahre Kraft der Worte liegt in ihrer Vielstimmigkeit und ihrem Spiel. Sophie Reyer und A. J. Weigoni haben mit „Wortspielhalle“ einen Raum geschaffen, der einlädt, hineinzutreten und mitzuspielen. Es zeigt, wie Literatur durch Klang und Spiel vitalisiert werden kann – eine Halle, in der Worte nicht verstummen, sondern nachhallen und neue Räume eröffnen.

 

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Vor zehn Jahren erschien: Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014

Cover: Frühlingel von Peter Meilchen

Weiterführend → Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Eine höherwertige Konfiguration entdeckt Constanze Schmidt in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht Zikaden und Hähern nach. Ein weiterer Blick beleuchtet die Inventionen von Peter Meilchen. Ein Essay fasst das transmediale Projekt Wortspielhalle zusammen. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.