Mein Klassiker, Paris

21. Oktober 2014
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Gut, nachdem anfängliches Ignorieren der Bitte um einen Beitrag keine dauerhafte Lösung darstellte, ich die Hartnäckigkeit eines federführenden Redakteurs unterschätzt hatte, nun also doch meine Gedanken zum Thema. Bevor der erste Satz in den Rechner getippt wird, ein kurzes Zögern.

Was ist denn nun mit klassisch gemeint?

Neidvoller Blick auf das Englische, das sowohl classical als auch classic als Übersetzung bietet – das eine auf die Epoche bezogen, das andere als die Bezeichnung für etwas Hochwertiges, häufig in Bezug zu Kunst und Literatur verwendet. Deutliche Eindeutigkeit, die im Deutschen der Deutung überlassen wird. Also weiter im Text. Um ganz sicherzugehen, mit der für diese Reihe richtigen Bedeutung meine Überlegungen fortzusetzen, lese ich zunächst noch einmal den Beitrag von A.J. Weigoni und gewinne zwar nicht das Spiel, aber immerhin die Erkenntnis, dass auch Fußball ein Klassiker sein kann.  Also scheidet die Epoche aus, diese borussische Episode fand definitiv in der Neuzeit statt, wenn auch nicht in der neuesten. Also Aufgabe klar, ein erster Erfolg, auf dem es sich ausruhen lässt. Am nächsten Tag, vielleicht auch am übernächsten, geht’s weiter.

Literatur, Musik, Film, Sport, die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß. Individuell bedeutsam, vielleicht auch prägend, soll das Erlebte gewesen sein. Das Thema Fußball ist mit dem 2:1 gegen den EffCeh schon abgearbeitet, bleibt also die Frage, was sonst den hehren Ansprüchen einer Seite, die sich Kulturnotizen nennt, genügen könnte. Der Begriff Kultur zielt dabei per definitionem auf zwei Ebenen ab, die es zu vereinen gilt: In erster Linie Ratio, diese jedoch sicherlich immer verbunden mit Emotion. Ohne Emotion wird eine Arbeit, sei es im Bereich Kunst, Theater oder Literatur, niemals einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gleiches gilt dementsprechend für die Reihe „Mein Klassiker“, hier allerdings wohl eher in umgekehrter Reihenfolge. Nach dem erneuten Lesen der Bekenntnisse meiner Vorgänger in dieser Rubrik habe ich mich nun für eine Stadt entschieden, die im Laufe der Jahre zu meinem Klassiker geworden ist. Auf dem Gebiet dieser Stadt lebte bis zum Eintreffen der Römer der keltische Stamm der Parisii. Mit Caesar und den Seinen entstand die Stadt Lutetia, aus der sich die heutige Hauptstadt Frankreichs entwickelte.

Paris mag manch einem als abgenutzt erscheinen, besungen, bedichtet, belichtet. Die Erwartungen sind hoch, wenn man sich auf den Weg hierher begibt. Nicht ohne Grund trifft den einen oder anderen, vornehmlich den anderen, den Japaner nämlich, das Paris-Syndrom. Und zwar genau dann, wenn er von seinen illusorischen Vorstellungen Abstand nehmen muss und ihn die Realität einholt. Nach der Lektüre des Reiseführers, der die endlosen kulturellen Möglichkeiten aufzählt, die Paris zu bieten hat, nebenbei bemerkt ein umfangreiches Unterfangen, hat besagter Tourist sich mit einer sehr konkreten Vorstellung auf den Weg gemacht. Doch angekommen in der Stadt der Liebe und der Lichter findet er sich flugs auf dem harten Boden der Realität wieder. Bauchlandung, nur kurz nach der Ankunft auf dem Aéroport Charles-de-Gaulle. Denn auch in Paris gibt es ein Müllproblem, die Taschendiebe leben hier im Paradies, die zahlreichen Obdachlosen, kurz SDF (sans domicile fixe) genannt, in der Hölle. Und hier wie anderswo sprießen natürlich die Fastfood-Filialen wie Pilze aus dem Boden. Ein tief sitzender, jedoch leider mehrmals jährlich vorkommender Schock, dem diese Stadt ihren Namen gegeben hat und der tatsächlich zum körperlichen Zusammenbruch führen kann.

Und dennoch, es muss mein erster Besuch in dieser Stadt gewesen sein, der die Grundlage für die magische Anziehung gelegt hat. Das Abitur gerade in der Tasche, nahezu ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen, mit dem Zug aus dem Süden des Landes kommend. Natürlich haben auch wir das komplette Programm absolviert, soweit die Füße trugen oder die Métro (Betonung schön französisch auf der letzten Silbe!) fuhr. Doch was in Erinnerung geblieben ist, sind weniger die Bauwerke, andere Hauptstädte Europas waren auch schon erkundet worden, als vielmehr dieses sagenhafte Gefühl unendlicher Freiheit. Liberté. Die Freiheit, endlich aus der kleinen Stadt im Sauerland in die Welt zu kommen. Nur mit der besten Freundin, ohne festgelegte Agenda. Es sind für uns nicht die Labels großer Modeschöpfer auf den Champs-Elysées, es ist eher der Saxophonist am Ende eines Ganges auf dem Weg zur nächsten Metro, der tiefe Spuren hinterlässt. Oder vielleicht auch der Gitarrist vor Sacré-Cœur.

Und immer wieder die Fahrten in der Metro, immer wieder dieser typische Geruch. Das Quietschen. Die endlosen Gänge. Die Hektik. Und die Menschen. Menschen unterschiedlichster Couleur, ein Abbild sämtlicher Kulturkreise, vereint an diesem Ort, an dem alle gleich sind. Egalité.

Noch heute berühren mich die Bilder der Fashion Week mit den austauschbaren Models im Hochglanzformat nicht, es sind eher die Schwarz-Weiß-Fotografien eines Robert Doisneau, die mich ansprechen. Auf den ersten Blick alltägliche Bilder von alltäglichen Menschen, Eindrücke eines harmonischen Zusammenlebens, vielleicht sogar mit einem Hauch von Fraternité?

Seit meinem ersten Besuch sind viele Jahre vergangen, und viele Erinnerungen sind hinzugekommen. Keine mehr so prägend wie die erste, doch das Innehalten, das Einatmen, das Insichaufnehmen der Geräusche, der visuellen Eindrücke, des Geruchs dieser Stadt, dieses synästhetische Erlebnis ist geblieben. Heute begleiten mich häufig junge Menschen, wenn ich nach Paris fahre, und jedes Mal dieser unglaubliche Moment, wenn man mit der Metro bis zur Station Bir-Hakeim fährt, einige Meter läuft und plötzlich, als die Häuserzeile unterbrochen wird, für den Paris-Neuling völlig überraschend, zur Linken der Eiffelturm in den Himmel ragt. Dieses Staunen, das Leuchten in den Augen der Jugendlichen, dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Auch wenn nur eine Viertelstunde und 100 Fotos später das Leuchten einem Anflug von Panik Platz macht, wenn die schwer bewaffneten Soldaten unter dem Turm patrouillieren, eine Tatsache, die auch heute noch 9/11 geschuldet ist.

Natürlich ist Paris weit davon entfernt, ein perfekter Ort zu sein. Doch wahrscheinlich liegt gerade darin der Reiz. Die Erkenntnis, dass auch diese Stadt nicht das letzte Paradies auf Erden ist, macht sie menschlich, liebenswert für alle die, die sich auf sie einlassen. Ganz emotional. Und noch ein abschließendes Wort für diejenigen, die sich ganz rational dorthin begeben möchten: Ein guter Reiseführer ist im Buchfachhandel schon für wenig Geld käuflich zu erwerben.

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In der KUNO-Reihe “Mein Klassiker” würdigte A.J. Weigoni das 2:1 der wahren B’russia gegen den EffCeh. Enno Stahl Big New Prince von The Fall. Matthias Hagedorns Würdigung ging an die Fernsehserie Raumpatrouille. Ulrich Bergmann näherte sich The Hollow Man von T.S. Eliot an. Peter Paul Wiplingers Klassiker ist der Maler Valentin Oman. Joachim Feldmann spricht Lazy Sunday von den Smal Faces den Klassiker-Rang zu. In einem Kollegengespräch zwischen A.J. Weigoni benennt Mischa Kuball den Lauf des Pheidippides vom Schlachtfeld in das 42 km entfernte Athen als seinen Klassiker.

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