Sprachinstallation · Revisited

Auf dem in einem dunklen Orange-Farbton gehaltenen Umschlag sind die Namen von Stefan Weidner, Barbara Köhler und Oswald Egger in weißen Buchstaben abgedruckt. In welchem Verhältnis stehen sie zur Kunststiftung NRW?

In der Vorbemerkung zur Geschichte der 1989 gegründeten Stiftung in Nordrheinwestfalen verweisen Fritz Behrens, Präsident, und Ursula Sinnreich, Generalsekretärin der Stiftung, auf die Funktion der Poetikdozentur, die in Erinnerung an den 2005 verstorbenen Dichter Thomas Kling, einem Meister der Sprachinstallation, 2011 gemeinsam mit der Universität Bonn eingerichtet wurde. Sie soll literarische Produktionserfahrung für den Nachwuchs fördern und damit einen doppelten Effekt bewirken: Herausragende Autoren mit einer Lehrtätigkeit auszeichnen und junge, an Literatur interessierte Studierende einen „ganz neuen Blick auf ihren Forschungsgegenstand“ (S. 11) ermöglichen.

2011 übernahm Stefan Weidner, Islam-Spezialist, Übersetzer aus dem Arabischen und Essayist, als erster die Poetik-Dozentur. Ihm folgte 2012 mit Barbara Köhler eine Lyrikerin, Sprachgestalterin und Prosaautorin. Oswald Egger, ein Weggefährte von Thomas Kling an dessen langjähriger Wirkungsstätte, der Raketenstation Hombroich, südlich von Düsseldorf gelegen, gestaltete 2013 die Dozentur, die nach Ansicht der Repräsentanten der Stiftung NRW „ein radikaler Gegenentwurf zum akademischen Lehrbetrieb“ (S. 12) war. In der Person des vielfach ausgezeichneten experimentellen Dichters sei der Brückenschlag zwischen Literaturhaus Bonn, Universität Bonn, vertreten durch Prof. Jürgen Fohrmann, der Raketenstation Hombroich und dem Thomas-Kling-Archiv gelungen.

In seinem einfühlsamen Essay über den so jäh aus dem Leben gerissenen Dichter setzt sich Hubert Winkels, renommierter Literaturkritiker, aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem „sanften Berserker“ auseinander. Er prüft Thomas Klings Arbeitsweise unter Verweis auf eine katalogbegleitende Ausstellung im Universitätsmuseum Bonn 2013/14, und er  bewertet sein Werk auf der Grundlage eines Wechselverhältnisses von realem physisch-sozialem Körper und Textkorpus, um festzustellen, dass sich aus der körperlichen Präsenz „in einer langgezogenen Substitutionsbewegung etwas Neues  an (ihre) Stelle setzt.“ Unter Verweis auf die Erscheinung von Thomas Kling, der „ein leibhaftiger starker und scharfer Redner war“ (S. 20), plädiert er angesichts der doppelten Verkörperung des Dichters – als  anekdotisch-erzählerische Erinnerung und als textliche Vergegenwärtigung –  für eine Aufarbeitung von Kulträumen der Erinnerung, für die es jedoch in unserer Wissen beschwörenden Kultur keinen Platz gebe. Dennoch hätten die germanistischen Ausstellungmacherinnen Kerstin Stüssel und Gabriele Wix mit dem Konzept der „Schreibszene“, einem „Korpus aus Rhetorik, Poetik, Sprachgeschichte, aus Schreibtechnologie, Psycholinguistik, aus der Gestik des Schreibenden, der Schreibsituation, der Körperhaltung u.s.w.“ (S. 21) eine neue wissenschaftliche Zugangsform entwickelt, in der das Tätigkeitsfeld des Dichters erfasst sei.

Noch entscheidender für Winkels ist die Person von Thomas Kling, deren umfassende Bewertung so eingeleitet wird: „Wie ist sie sagbar, ohne sofort … zu noch mehr Text zu werden…?“ In seinen folgenden Ausführungen setzt er sich mit dem Schlüssel zu Klings Produktion auseinander. Ihre Stimmigkeit, die Lust am szenischen Auftritt, einer Installation von Klang und Bedeutung, mehr noch: in der Rolle als Solitär sein Publikum zu provozieren, solche Elemente hätten ihn in die geschriebene Sprache hineingetragen,  mit dem Instrument seiner Stimme. Sie habe mit all ihren sprachlichen, klanglichen, dialektalen und idiomatischen Funktionen, ihrer Umsetzung in anderen Sprachen wie auch regionalen Färbungen, wie z.B. dem Niederrheinischen als der Umgangssprache von Kling, eine auditiv-materielle Dimension seines Schaffens hervorgebracht, die sich in der Wahrnehmung zu einem unverkennbaren Kling-Sound verdichtete. Neben zahlreichen anderen Merkmalen (Schreibweise, Interpunktion, Rhythmus, Bildlichkeit) weise die Kling-Dichtung auch eine visuell-bildkünstlerische Aussage auf, die sich aufgrund der Zusammenarbeit mit der Malerin und Fotografin Ute Langanky, seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau, herauskristallisierte. Und die Persönlichkeit des Dichters? „Mit Thomas Kling umzugehen setzte Angstfreiheit voraus.“ (S. 26) Mit diesem Satz dringt sein langjähriger Freund in die innersten psychischen Dimensionen eines Dichters ein, der im Totentanz, wie Winkels betont, die Auferstehung gefeiert habe. Mit diesem Verweis auf Klings unstillbare Neugier auf archaische Rituale verknüpft Winkels auch seinen Bericht über die gemeinsamen Orte, an denen Dichter und Kritiker in und rund um die Raketenstation Hombroich lebten. Auf diese Weise gelingt es ihm, seinen Leser/innen  eine umfassende, vielschichtige Vorstellung einer bedeutenden Dichterpersönlichkeit zu vermitteln.

Die drei von der Stiftung auserwählten Stipendiaten werden durch je eine Laudatio vorgestellt. Es sind Professorinnen und Professoren, die Literaturwissenschaften unterschiedlicher Spezialisierungen vertreten: Sabine Mainberger über den Islamexperten und Übersetzer Stefan Weidner; Kerstin Stüssel über Barbara Köhler, einer experimentellen Dichterin, die seit Anfang der 1990er Jahren mit Gedichtbänden wie „Deutsches Roulette“ und „Blue Box“, aber auch mit poetologischen Abhandlungen nationale und internationale Aufmerksamkeit  erregte; Thomas Fechner-Smarsly über Oswald Egger, dessen Werk sich durch Sprachmagie und Naturlyrik auszeichnet. Die Beiträge von Weidner und Köhler beziehen sich partiell auf die Poetik von Thomas Kling, während Oswald Egger, gegenwärtig als Programmleiter auf der Raketenstation Hombroich tätig, seine enge poetologische Verbindung zum Werk des „Ungeheuer Horaz“ in der Laudatio von Fechner-Smarsly kommentieren lässt. Auf die jährliche Organisation der Antrittsvorlesungen der Thomas-Kling-Stipendiaten machen zwei Doktorandinnen und eine wissenschaftliche Hilfskraft der Universität Bonn in ihrem gemeinsam komponierten Poem „hofgarten, zehzeh (3)“ aufmerksam, dessen (teilweise) Entschlüsselung erst dann gelinge, wenn man Klings Gedicht „ratiner hof, zettbeh (3)“ kenne. Mögen solche artistischen Entschlüsselungsaktionen nicht nur die Rezeption eines außerordentlichen poetischen Werkes befördern, sondern auch Wege aufzeigen, um die konservierten Artikulationsformen des Dichters im engen Kontakt zu den entstandenen Textformen zu untersuchen. Mit dem zweiten Band ihrer Schriftenreihe hat die Kunststiftung NRW einen bedeutenden Beitrag zur wissenschaftlichen und musealen Aufarbeitung der Gegenwartslyrik geleistet.

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Von Sprache sprechen. Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Herausgegeben von der Kunststiftung NRW. Düsseldorf (Lilienfeld Verlag) 2014, 120 S., 14,90 €. ISBN 978-3-940357-39-7 (Schriftenreihe der Stiftung NRW Literatur, Bd. 2).