Mein Klassiker, Lazy Sunday von den Small Faces

25. September 2014
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Close my eyes and drift away

Wäre ich ein paar Jahre älter, gäbe es keinen Zweifel an meinem Klassiker. You Really Got Me von den Kinks ist die paradigmatische Rock-Single, ein unerreichtes Modell für alles, was danach kam. Fünf krachende Akkorde, die beißende Stimme von Ray Davies und ein zu vernachlässigender Text. Leider ging ich, als die Platte vor fast exakt 50 Jahren, am 4. August 1964, herauskam, noch in den Kindergarten, wo Oberschwester Maria Augusta ein drakonisches Regiment führte. Die Kinks durfte ich erst viele Jahre später kennenlernen, als sie mit Lola die Gender-Diskussion vorwegnahmen.

Also doch die Small Faces. Die hatten sich 1968 schon weit von ihren soulinspirierten Anfängen als entfernt – statt der in der Mod-Szene üblichen Schnellmacher nahm man fleißig LSD und spielte dem Geist der Zeit entsprechend ein psychedelisches Konzeptalbum ein, die legendäre Platte Ogden’s Nut Gone Flake. Die gegen den Willen der Band ausgekoppelte Single Lazy Sunday  sollte ihr größter Hit werden. Ich war gerade zehn geworden, als der Song Platz 3 der deutschen Charts erklomm, und hörte die Geschichte von Sänger Steve Marriot und seinen spießigen Nachbarn, die für „Raver“ nicht übrig haben, wahrscheinlich zum ersten Mal bei meinem sechs Jahre älteren Cousin, der ein Tonbandgerät sein eigen nannte. Und ich verstand kein Wort. Aber selbst wenn ich damals schon Englischunterricht gehabt hätte –Marriots mit übertriebenem Cockney-Akzent gesungener Text wäre mir, vom Titel und der Endzeile („Close my eyes and drift away“) abgesehen, ein Rätsel geblieben. Aber gerade das war das Faszinierende an diesem Stück Musik, in dem sich der scheppernde Sound der Music-Hall mit Vogelgezwitscher und Kirchglocken mischt. Ein bisschen über drei Minuten dauert das Ganze, die ideale Länge für einen Popsong.

So stilbildend wie „You Really Got Me” ist “Lazy Sunday” nie geworden. Was ein Robert Plant Marriotts Gesangstechnik zu verdanken hat, hört man eher bei anderen Geniestreichen der Small Faces wie dem großartigen Kracher „Wham Bam Thank You Mam“. Aber mein Klassiker bleibt „Lazy Sunday“, ein kleines, zwischen Revolte und Volkstümlichkeit changierendes Meisterwerk des Pop, dessen Potential seinen ambitionierten Schöpfern verborgen geblieben war.

***

In der KUNO-Reihe “Mein Klassiker” würdigte A.J. Weigoni das 2:1 der wahren B’russia gegen den EffCeh. Enno Stahl Big New Prince von The Fall. Matthias Hagedorns Würdigung ging an die Fernsehserie Raumpatrouille. Ulrich Bergmann näherte sich The Hollow Man von T.S. Eliot an. Peter Paul Wiplingers Klassiker ist der Maler Valentin Oman.

 

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