Mein Klassiker, ein Metatext zu T. S. Eliots The Hollow Men

1. September 2014
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Ich fahre in das Gedicht hinein wie Joseph Conrads Erzähler Marlow in Herz der Finsternis. Ob ich den Kongo hinauf fahre oder den Mekong, das ist egal. In Apocalypse now bin ich Captain Willard. Ich will ins Herz der Finsternis, zu Mr. Kurtz, den Menschenverächter und Ausbeuter, der an sich selbst zerbrach. Ich sehe ihn, wenn ich in den Spiegel schaue und bin milde mit mir: A penny for the Old Guy…

I. Wir sind kaum besser als Mistah Kurtz, hohl, ausgestopft mit unseren Rollen, die wir spielen und spielen müssen, um zu überleben, haben Stroh im Kopf: „We are the hollow men…“ Unser Leben ist schon wie das der Toten, wir leben nur in einem anderen Totenreich. Ich bin blind, und doch hoffe ich auf Erkenntnis, die ich mir vorstelle aus der Perspektive derer, „who crossed over“.

II. Ich fürchte mich vor der Selbsterkenntnis, wenn ich unsere Welt in Trümmern sehe. Das ahne ich. Wenn ich mich und die Welt so sehe, wie ich befürchte, kann ich sie aus den Angeln heben wie Archimedes. Ich kann vielleicht jetzt schon durch die Maske der Poesie sagen, was ich im Nebel meiner Ahnungen erschaue. Du musst dein Leben ändern!

III. Das hier, wo ich lebe, ist das tote Land, das wüste Land, über das ich noch einmal schreiben will. Darüber ein verblassender Stern, die Hoffnung, meine Sehnsucht, mein Geburtsstern, aber ohne die drei Könige. Ich bin allein, wenn ich mich gebäre, und bleibe tot, wenn ich leben will, finde keine Lippen, die ich lieben will, nur mich, nur mich aus Stein. Das ist meine Strophe der Sehnsucht.

IV. Wenn ich lebe, sehe ich nicht, wie hohl ich bin. Ich habe nicht die Jenseitsperspektive. Ich kann die Perspektive nicht leben. Aber ich kann sie denken. Meine Ahnung ist wie ein Wissen. Unsere Sterne sterben im Schwarz dieses hohlen Jammertals, das so ein armseliger Sammelplatz ist. Wir suchen den anderen wie uns selbst. Nichts sehen wir. Unser Leben ist ein Hohlweg. Und die Sterne, unsere Hoffnungen, sind utopische Orte. Es gibt kein Paradies. Paradise lost. Wie kann es Hoffnung geben, wenn wir leer sind? Angesichts des Denkbaren verzweifle ich.

V. Unser Totentanz ist nicht so lustig wie in der Zeit der Pest. Da konnten wir noch hoffen. Jetzt sehen wir nur noch Schatten. „Between the idea / And the reality / Between the motion / And the act / Falls the Shadow.“ In uns hinein fällt der Große Schatten. Unsere Religion ist leerer Ritus, ein hohler Ritus der Verzweiflung… „For Thine is the Kingdom“. Dein? Wer bist du? Ich sehe dich nicht. Dich gibt es nicht. Es gibt keine solche Liebe. Mir fehlt ja die Liebe zu mir selbst. Ich bete ins Leere. Ich bin geboren, aber ich lebe nicht. Ich sehne mich nach dem anderen Totenreich, denn „Life is very long“: Immer siegt der Schatten, der meinen armen Tanz so dunkel einfärbt, dass nichts mehr strahlt. Ich habe keinen Funken, den ich noch aus mir heraus schlagen kann.

Wir sind Leichen von Ideen. Stotternde Lust. Fallendes Gestammel. Denn dein ist das Leben…? Hohlformeln helfen dir nicht! Drei Mal sage ich: So gehen wir unter! Sag endlich: Du! Sag endlich: Mein ist das Leben! Nimm es an!

***

In der KUNO-Reihe “Mein Klassiker” würdigten A.J. Weigoni das 2:1 der wahren B’russia gegen den EffCeh. Enno Stahl Big New Prince von The Fall. Eine Würdigung von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

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