Ein Denkmal für den entkleideten Ton

Manchester ist kein Ort, es ist eine akustische Bedingung

Wer Manchester im Jahr 1979 durchquerte, wandelte durch die Trümmer der industriellen Vernunft. Die karge Musik spiegelt die nackten Fassaden der Baumwollspinnereien wider, deren Fenster wie blinde Augen in den grauen Himmel starren. Martin Hannetts sterile Produktion fängt den Hall leerer Fabrikhallen ein, das metallische Klicken von Relais und das ferne Summen von Transformatoren. Es ist ein urbaner Schock, der sich im Ton sedimentiert hat. Die Musik flieht nicht aus der Stadt, sie wird von ihr umschlossen. Die kühle Schlichtheit der Songs ist das exakte Äquivalent zum grauen Backstein, der keine Ornamente duldet. Hier wird die Stadt nicht besungen – sie schwingt als Resonanzboden der Isolation mit.

Wer diese Stücke hört, betritt keine Konzertbühne, sondern eine Fabriketage nach der Schicht.

Der Bass von Peter Hook ist kein Fundament mehr, das den Rhythmus stützt – er ist das Geländer, an dem man sich durch die Dunkelheit tastet. Wenn die Verzerrung des Punk weicht, bleibt die nackte Saite. Sie schneidet in den Raum wie ein rostiges Messer in kaltes Fett. Das Schlagzeug klopft nicht den Takt des Aufbegehrens; es ist das monotone Metronom einer Maschine, die vergessen hat, warum sie läuft. Stephen Morris schlägt nicht auf Fell, er protokolliert das Verstreichen von Fristen.

Das Cover von Peter Saville ist der Schlüssel zur Akustik: weiße Wellenlinien auf schwarzem Grund. Ein Pulsar, das Signal eines sterbenden Sterns, aufgefangen in der kosmischen Kälte.

Punk war ein brennendes Haus; man wärmte sich an den Flammen und schrie das Unbehagen in die Hitze. Joy Division aber betreten die Brandstätte am Morgen danach. Wo der schnelle, verzerrte Lärm der Gitarren Rauch und Asche hinterließ, steht nun das nackte Gerüst. Die Musik klingt nicht karg, weil ihr etwas fehlt, sondern weil das Überflüssige weggebrannt ist. Es ist die radikale Reduktion auf die Linie. Eine Geometrie der Trostlosigkeit, die erst im Vakuum hörbar wird. Wo früher die Fülle des Sounds die Angst übertönte, schafft Hannett Raum für das Echo. Die Instrumente stehen isoliert im Raum, wie Passanten im Nebel einer Manchester-Nacht. Man hört die Wände des Studios. Man hört das Schweigen zwischen den Noten.

Die melancholische Dialektik dieses Albums lautet: Je schlichter die Mittel, desto erdrückender die Wirkung.

Ian Curtis singt nicht gegen die Welt an; er spricht aus ihrem Fundament. Seine Stimme besitzt die Schwere von sedimentiertem Staub. Ohne das schützende Dickicht aus verzerrten Gitarrenwänden steht dieses Organ ungeschützt da – ein Monolith im leeren Raum. Es ist der Sound des Post-Punk, die Erkenntnis, dass der Aufschrei des Punk verhallt ist, die Ohnmacht aber bleibt. Die Kargheit ist hier kein Mangel an Talent, sondern die präziseste Form der Aufrichtigkeit. Eine Musik, die sich weigert, zu trösten.

 

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Unknown Pleasures, von Joy Division, 1979

Weiterführend Punk erweist sich als eine Cover-Version des Rock’n‘Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem Bananenalbum. Oder war es doch eher der Garagenrock? – Lässt sich von MC Five (Motor City Five) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der New Yorker Proll-Combo ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine Ur-Mutter? Würden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern überhaupt zugeben? – Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakulärste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist Blank Generation der Song, der wohl größer ist, als die Band, die ihn produziert hat. Dies ist das beste Album, das die Buzzcocks nie gemacht haben. Kaum ein Song beschreibt den beginnenden britischen Punk besser als „Oh Bondage Up Yours!“. Es ist ein Zeichen von Chuzpe, wenn sich eine von Männern dominierte Szene, eine Combo von Frauen The Slits nennt. Waren die Pistols die erste Boy-Group? Johnny Rotten predigte Anarchie, The Pop Group praktizierte sie. PiL has his future in a British Steel. Bei The Clash verströmt Strummers Gebrüll geballte Wut, während Jones‘ flammendes Gitarrenspiel den Stil für unzählige Nachahmer prägte. Klingt die Trostlosigkeit des Rust Belt nach Punk oder Industrial Folk? Eine weitere Seitenbemerkung über den Industrial-Punk der Nine Inch Nails aus Cleveland, Ohio. Tuxedomoon entwickelten einen experimentellen Sound, der seltsamer war als der ihrer Zeitgenossen aus den 80ern, indem er Jazz und hypnotisierende Elektronik auf eine Art und Weise einbezog, sie spielten einen hypnotischen Synth-Punk. Die aus dem Album Liaisons Dangereuses ausgekoppelte Single Los niños del parque ist eine der meistverkauften Underground-Singles in Deutschland und später aufgrund der markanten, mit dem Korg MS-20 erstellten Basslinie vielfach gesampelt worden. Eine Würdigung der südafrikanischen Tekkno-Punks Die Antwoord. – Gegen Fresh Fruit for Rotting Vegetables hört sich alles andere wie Pop an. Retten kann uns die Schönheit der Tenorstimme des Punk. The Monochrome Set verkörpert wie kaum eine andere Combo den DIY-Ethos, indem sie kompromisslos ihrer eigenen, einzigartigen künstlerischen Vision folgen. Zu Monarchie und Alltag gibt es einen Bericht zur Lage der Detonation. – Polka trifft auf Punk und möglicherweise waren es die Violent Femmes, die den Gitarren-Schrammelpunk erfunden haben. Die Spoken Word-Poetin Anne Clark präsentiert Lyrics als dunkles Echo der Seele, sie steht darin Siouxsie Siox, dem Urtyp eines Riot Grrrls, in nichts nach. Erinnert sei auch an den Punk-Poeten John Cooper Clarke und den Lo-Fi-Poeten Dan Treacy, Weitere ungelöste Fragen: Stellen die The Ruts mit einem Album das Lebenswerk von The Clash in den Schatten? Wann hört der Substance von Punk auf? Wann beginnt der Post-Punk? Ist das bereits New Wave? Oder stellt Polyrythmik den Höhepunkt dar? Kein Punk, aber das Kronjuwel des Britpop. Die Alben von Wire stellen in beeindruckender Weise dar, was aus Punk eigentlich hätte werden können.