Prolog: Monster of Biomacht!

 

Sie bevölkern uralte Märchen und Mythen genauso wie Filme, Comics und die moderne Populär-Kultur: die Ungeheuer. Laut Definition versteht man unter einem Ungeheuer, einem sogenannten „Monstrum“, ein Wesen von großen, gewaltigen Ausmaßen, das jedoch meist nicht real existiert sondern Teil einer Phantasiewelt ist, wobei es immer einen schauerlichen Aspekt mit sich bringt. Demnach bedeutet der Begriff „Monstrum“, der aus dem Lateinischen stammt, wörtlich auch soviel wie „Mahnzeichen“ oder „Mahnmal“ und kann als Schatten-Projektion des menschlichen Denkens, Fühlens und Erlebens gesehen werden. Wie aber verhält es sich mit dem Aspekt der Weiblichkeit in Bezug auf das Dämonische? Dieses Handbuch versucht, eine Sammlung weiblicher Monster und Mischwesen zu liefern, und nährt diese noch mit eigenem dichterischem Material – es ist eine Art Spurensuche, die das monströse Weibliche im Kontext der Gegenwart zu verorten versucht.

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Prolog 2: Das Weibliche als monströse Form?

Wie also verhält es sich mit dem Aspekt der Weiblichkeit in Bezug auf das Dämonische? Eine Sammlung weibliche Monster und Mischwesen wird hier geliefert werden, wobei nur ein kleiner Überblick geschaffen werden soll, der die Bereiche der Literatur und des modernen Mainstream, in den auch weibliche Monster – man denke hier nur Preußlers Hexe oder an die in Moment so populäre „Lilli“ – ihren Eingang gefunden haben, bewusst außer Acht lässt. Was die Überlieferung von „Frauenbildern“ betrifft, so finden wir bereits zu Anbeginn der Menschheitsgeschichte Erzählungen, die sich mit den monströsen Eigenschaften des Weiblichen auseinander setzen. Hier ist der Körper der Frau Sinnbild und Projektionsfläche für die Emotion der Angst und dem Schrecken vor dem Unbekannten. Personifiziert durch die Figur der „Lillith“, die schon im babylonischen Mythos der Enuma Elish auftaucht, findet der weibliche Dämon eine seiner ersten tradierten Darstellungen. Doch auch in der griechischen und römischen Antike treten Figuren besonderer, gleichsam betörender und bedrohlichen Frauen wie die Nymphen oder die Hexerin Kirke auf. Die Überlieferungen von Hexenverbrennungen des Mittelalters zeugen von großer Furcht mächtiger Instanzen vor den Kräften des weiblichen Geschlechts. Dies mag mit der Fähigkeit der Frau zusammen zu hängen, dass sie jene ist, die Leben gebiert – ein geheimnisvoller Akt, der männlichen Wesen ja verborgen bleibt. Lebens- und Todestrieb werden also unbewusst von Geburt an mit dem Weiblichen assoziiert und schaffen so eine Aura des Magischen und Bedrohlichen, die schon die eigene Mutter umgibt und auf alles weitere Weibliche in Hinkunft projiziert und übertragen wird. So schreibt auch Siegmund Freud, dass der Säugling seine mütterliche Instanz wahlweise als behütende Seinsform oder auch als massive „Verschlingerin“ wahrnimmt, was angesichts der Tatsache, dass neugeborene Wesen ja in jeder Hinsicht hilflos sind –sie können weder stehen, noch gehen oder sehen – wenig verwunderlich klingt. Dieser Zwiespalt scheint sich stets auf unterschiedlichste Art und Weise in der Wahrnehmung des „Weiblichen“ manifestiert zu haben. Da unsere Kultur eine patriarchale Struktur aufweist, in der das „Männliche“ sozusagen als die Norm gilt, ergibt sich als logische Konsequenz, dass weibliche Essenzen in den Raum des „Ungewöhnlichen“ und „Bedrohlichen“ abgespalten werden. So dienen diese als wunderbare Projektionsflächen für alle möglichen unangenehmen Emotionen – und Furcht vor einem vermeintlich „äußeren“ Feind schweißt, wie einige historische Beispiele bezeugen, eine Gemeinschaft unweigerlich zusammen. Dies mag ein Aspekt sein, warum sich weiblich-dämonische Rollenbilder in der Menschheitsgeschichte seit jeher auf unterschiedliche Art und Weise fortzusetzen gewusst haben – und das bis in die Gegenwart hinein.

 

 

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BioMachtMonsterWeiber: eine Enzyklopädie von Sophie Reyer. Passagen Verlag 2021

Weiterführend Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht Sophie Reyer der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Die Sprechpartitur Wortspielhalle wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Eine höherwertige Konfigurationentdeckt Constanze Schmidt in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht Zikaden und Hähern nach. Ein weiterer Blick beleuchtet die Inventionen von Peter Meilchen. Ein Essay fasst dieses transmediale Projekt zusammen. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.