Angeschmutzter Realismus

Das Gossenheft ist eine neue Richtung in der Literatur.

Dr. Ulrich Janetzki / LCB, Berlin

A. J. Weigoni hat sich mit Trivialmythen beschäftigt, die sich in Groschenheften, in der Schlagermusik, im Kino und in Fernsehserien manifestierten. Als Medienautor ist er ein Spieler, den die technischen Entwicklungen der Medien faszinieren, weil sie schier unendliche Möglichkeiten der Neuordnung von Formen und Zeichen eröffnen. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und luzide Reflexionen von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an.

Die Leute denken, es ist Jerry Cotton und merken dann, daß man ihnen Literatur angedreht hat.

(Aktuelle Stunde / WDR)

Die Überhöhung von Kunst zur Kunstreligion ist in der modernen Wohlstandsgesellschaft selbstverständlich geworden. Daher ist es kein Zufall, daß Jaguar die Großstadt zum Schauplatz hat. Die topografische Orientierungslosigkeit gehört zum moralischen Orientierungsverlust und zur kognitiven Verwirrung. Weigoni nutzt die sogenannte Popkultur als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, hier geht es um das abgründig Komische, das virtuose Spiel mit den Giftschränken unserer Identität, die latent explosive Mischung trivialer Mythen mit kulturkritischem Gedankengut. Dieser Mix aus krimineller Energie und Aktionismus ist abwechslungsreich und kulminiert in der Erkenntnis: Kitsch ist gesammelte Sehnsucht. Jaguar ist eine ‚Melancholödie’, die in einer großstädtischen Kneipen- und Kunstszene spielt, das Akademieumfeld der Landeshauptstadt NRWs und die Szene der Ratingerstraße sind ahnbar. Historischer Bezug der Figuren ist der Rock’n’Roll. So denken und handeln sie auch: schnell, hart und laut. Dabei verfangen sie sich in ausgelegten Fallstricken. Schneider und Zonker sind Figuren in einem Spiel von Dr. h.c. Paul Pozozza. Pozozza ist Repräsentant eines Systems, an das er nur glaubt, weil es Profit bringt. Die Malerin Vera Strange ist nicht nur ein Inbegriff romantischer Künstlerexistenz, sondern ein spätes Aufleuchten der Moderne in einem ungleichzeitigen Kontext. Weil Romantik der letzte Versuch ist, in der Kunst etwas Ganzes zu schaffen und die Moderne das Bewusstsein ihrer notwendigen Zerrissenheit einschließt, dann ist sie ein Repräsentant von beidem. Dazwischen steht die Galeristin Grazia Terribile. Sie hat ideelle Vorstellungen, die sie materiell umsetzt. Ein klarer Fall von Artnapping? – Alles stimmt, aber es ist nicht unbedingt wahr, denn es geht um Sachverhalte, die nicht aufgeklärt sind. Was hat die Malerin Vera Strange mit Datenschmuggel zu tun?

Montiert wie ein Film. Die Szenen wechseln rasend schnell, die Figuren berühren sich wie Kugeln auf dem Billardtisch.

Süddeutsche Zeitung

Auch Zwerge haben einmal klein angefangen. Aus Monstern werden Zombies

Im Gossenheft Monster finden sich die Entwurfsskizzen, aus denen Weigoni die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. Ein guter Einstieg in ein Werk, das unter Weigoni-Kennern als sein bislang zugänglichstes gilt. Diese Erzählungen sind haarsträubend, abstoßend, rührend und  witzig, man  liest von Dystopien und Alltagskrisen, Tragödien und Peinlichkeiten, bis man das eine kaum noch vom anderen unterscheiden kann. Das Verrückte ist in diesen Erzählungen das Normale und umgekehrt. Literatur kann ein Medium der Selbstbestimmung sein. Und diese bringt der Literatur neue Werte. Die Suche nach Identität und Ausdruck zieht sich durch Weigonis Werk. Sie exerziert den Schmerz der Sprachlosigkeit, den Verlust körperlicher und seelischer Integrität in Lyrik, Prosa und Drama bis an den Rand des Erträglichen. Der Schock soll die repressiven Muster zertrümmern. Weigoni sucht das Monströse im Normalen und das Normale im Monströsen, seine Verdichtungen schließen sich in ihrem Gehalt an die Wirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert an. Die Eindringlichkeit seines Schreibens hängt mit dem tiefen Referenzraum seiner Poethologie zusammen. Die Erzählungen haben einen formal innovativen Ansatz, man erkennt die Figuren unmittelbar an ihrer unverwechselbaren Sprache, die so brennscharf die Realität abbildet und den Lesern neue Wahrnehmungsmöglichkeiten verschafft. Diese Prosa verfügt über den unbe­dingten Willen zur Gegen­wärtig­keit. Dabei gelingt es Weigoni das Schwere leicht und das Leichte schwer zu machen. Apokalypse paart sich mit Heiterkeit, Phantastik mit Präzision, dialogischer Witz mit Zitat und Selbstironie. In virtuos ineinander verschachtelten, zwischen historischen Ereignissen springenden Erzählpäckchen führt dieser Romancier sämtliche Schicksale und Handlungsstränge die er in den Zombies ausgelegt hat in Cyberspasz zusammen.

Warum halten wir Serientäter, die ungestraft ihre Schwerverbrechen begehen, für große Künstler?

Betty Davis

Enthalten, ein Quentchen Tarantino

Als vorerst letztes Gossenheft wurde mit Unterstützung von Dietmar Pokoyski Massaker produziert. Das in diesem Gossenheft geschilderte nördliche Ruhrgebiet erweist sich in Wanne-Nord als eine Landschaft von unwirklicher Ruhe. Kalte Metaphorik trifft in diesem Gossenheft auf eine prosaisch-komprimierte Sprache und allegorische Elemente. In dieser Prosa wird analysiert wie “das Verbrechen auch das Produkt der Gesellschaft ist, es legt ihr Wesen offen. Jacqueline, die Hauptfigur in Massaker, ist die Manifestation eines Verbrechertypus’, der erst durch die Globalisierung entstehen konnte: ein sich selbst entfremdeter Mensch, der in der Anonymität des Ballungsraums seine Psychopathien auslebt. Gewalt ist für Jaqueline eine Notwendigkeit. Es geht in ihrer Natur um den Kreislauf von Vernichtung und Erneuerung.”, schrieb Betty Davis. Die Hauptfigur Jacqueline erscheint als klassisches Motiv der männermordenden Hexe, gefährlich wie Tollkirschen und verführerisch wie Lulu. Sie ist der Würgeengel des Mannes, zugleich selber dem Untergang geweiht. Wie wir alle.

Als Tag für die Vorstellung dieses Krimis war der 11. September 2001 vorgesehen.

 

 

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Jaguar, Neo-Noir-Novelle von A.J. Weigoni, Krash-Verlag 1989

Monster, Stories von A.J. Weigoni, Krash-Verlag 1990

Massaker, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001

Diese Gossenhefte sind längst vergriffen und werden unter Sammlern für Preise um 20,- Euro gehandelt. Die sorgsam edierten Erzählungen und Novellen von A.J. Weigoni sind in einer Werkedition im Schuber erhältlich:

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Weigoni-Porträt: Anja Roth

Weiterführend →

In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das Kollegengespräch von A.J. Weigoni mit dem echten Bastei Lübbe-Autor Dieter Walter. Eine Würdigung von Massaker durch Betty Davis lesen Sie hier. Die Hörfassung unter dem Titel Blutrausch hören Sie in der Reihe MetaPhon.