Rheintor · Revisited

Das landläufige Vorurteil, Kunst sei eine Schnapsidee, unterlaufen Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni augenzwinkernd mit dem Verweis auf Heinz Schenks Motto des Blauen Bocks:

Ich lade gern mir Gäste ein!

Obwohl unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird in diesem Projekt die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin-de-siècle-belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden, der existentiellen Werkzeuge hinter sich läßt. Diese Artisten wagen, jeder auf seine Art und Weise, eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht. Das schönste an der vorgestellten Kunst im Rheintor ist es, dass sie das Unverstehbare verständlich macht, ohne es erklären zu müssen.

Verbunden in einem lässigen Gleichklang des Denkens.

Mäander, von Klaus Krumscheid

Das Ergebnis des außergewöhnlichen Zeitzeugenprojekts folgt einer klaren Ordnung aus Kurzbiographien, Lyrik- oder Prosastrecken, einzelnen Schwerpunkten, knappen Definitionen und herrlich unaufgeregten Fotostrecken. Die Fotos zeigen den heutigen Zustand des Rheintors und der jeweiligen Installationen. Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen diese Kompilation zu einer komplexen Lektüre. Die Kunst eröffnet eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Über Verfremdungen drückt Kunst die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Menschen in Zeiten tiefgreifender Veränderungen aus.

Säkularisierung vs. Resakralisierung

Zu Beginn der 21. Jahrhunderts gibt es einen Trend zur Resakralisierung der Kunst. Nicht nur in der Literatur, aber da prominent. Daß darin die Angst vor der Profanisierung wohnt, ist der einfache Schluß daraus. Erschreckend ist in diesem Zusammenhang nicht nur, wie viele deutschsprachige Autoren den gefälligen Neorealismus pflegen, sondern vor allem, daß die Verlage nichts anderes mehr drucken wollen. Die Retro-Künstler arbeiten mit einer arglosen Geläufigkeit, als ginge es darum, die Welt so abzubilden, wie sie ist. Schriftsteller aber sollten wissen, daß die beschriebene Welt immer auch die angeschaute Welt ist, und ihre Welt-Anschauung ist abhängig von einem tückischen Instrument: der Sprache. Weil dieses Werkzeug von Wissenden wie von Unwissenden tagaus, tagein benutzt und auch mißbraucht wird. Der Neorealismus gibt sich mit dem Mitteilungscharakter der Sprache völlig zufrieden. Unerschrocken teilt er uns mit, wie die Helden sich fühlen, welche Klamotten sie tragen und wie der Küchentisch aussieht, an dem sie ihr Bier trinken. Auch der Seelenschmerz, den sie darin ertränken, wird meist ausführlich ausgebreitet. Die Beschreibungsliteratur ist daher so beliebt, weil sie schildert, was wir alle sehen, und erzählt, was wir alle erleben. Die großen Realisten aber wussten, Daß sie die Realität, die sie abzuschildern schienen, nach ihrem eigenen Bild geformt hatten, und sie wussten, Daß ein simples Wort nie nur ein simples Wort ist, sondern einen Nachhall erzeugt, in dem alles mitschwingt, das Ensemble der Wörter drumherum und vor allem auch der Bedeutungsraum, den die Literatur und ihre Überlieferung immerzu verändert. Ihr Geist zwingt sie, alle Dinge, die in einem Gespräch vorkommen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen.

Freibank – Almuth Hickl

Ob Buch oder Bau, Malerei oder Musik – die Menge dessen, was unsere Kultur täglich an Kunst ausstößt, ist unermesslich. Das meiste wird schnell ausgeschieden, manches macht seinen Weg, weniges wird zum Klassiker. Dies durchaus nicht aus Zufall – langwierige Erfindungs– und Entdeckungsprozesse stecken dahinter.

Die Kunstgeschichte hätte viel zu tun, wollte sie sich mit allem beschäftigen, was den Anspruch erhebt, Kunst zu sein. Tatsächlich ist sie in ihrer Wahrnehmung der Kunst höchst selektiv. Sie beschäftigt sich nur mit der kleinen Auswahl bedeutender Kunst. Bedeutend wird Kunst durch ihre ästhetische Qualität. Ist ästhetische Qualität aber nicht wesentlich subjektiv, nämlich eine Frage des Geschmacks? Wie kann eine ästhetische Auswahl denn Verbindlichkeit beanspruchen?

Kulturkonservativismus

Botho Strauss hat kürzlich verlautbart, daß „die Sprache im gesamten Spiel der Reize eine schwindende Sensation darstellt“, Sprache, verstanden „als zentrales, dunkles, suggestives Daseinsorgan, das Gegenteil von ›schönem Stil‹ einerseits und zweckdienlicher Kommunikation andererseits“. Strauss sieht die Gefahr voraus, Daß die Kompetenz für Literatur zivilisationsgeschichtlich abnimmt oder ausstirbt.

Swantje Lichtenstein eröffnet die Ausstellung von Almuth Hickl

Man muß diesen Zweifel nicht unbedingt teilen, aber etwas mehr Zweifel täte dem Kultur-Betrieb gut. In seinem berühmten Kunstwerk-Aufsatz hatte Walter Benjamin noch mit Verwunderung die Tricks notiert, mit denen man einem Darsteller einen glaubwürdigen Schrecken ins Gesicht zauberte: indem man „ohne sein Vorwissen in seinem Rücken einen Schuss“ abgefeuert hat zum Beispiel. „Das Erschrecken des Darstellers in diesem Augenblick kann aufgenommen und in den Film montiert werden.“ Nichts zeige drastischer als dies, so Benjamin, Daß „die Kunst aus dem Reich des ,schönen Scheins‘ entwichen“ sei. Der schöne Schein, möchte man ihn denn von der deutschen Klassik her begreifen, das ist der Triumph des Spiels über die Technik, die Autonomie der Kunst vor den Gesetzen der Realität. Method Acting feiert dagegen einzig die Kraft des Machbaren. Der Star-Virtuose verdient seinen Ruhm mit der Reproduktion von erkennbaren Klischees.

Nichts zu sagen haben und alles aufschreiben. In den ‚Cahiers‘ notiert Paul Valéry, man könne die Sprache auf zweierlei Weise beherrschen: Entweder wie der Athlet seine Muskeln oder wie der Anatom die Muskeln. Ändert sich der Mensch je in seiner Substanz?

Wird er ‚besser’ über die Jahrhunderte der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung?

Eine Frage, die von den Philosophen – im Allgemeinen eine tief zerstrittene Sekte – bis heute trotz allem in erstaunlicher Einhelligkeit mit Nein beantwortet wird. Der Mensch ist einer, der etwas stattdessen tut, so die freundliche Variante der anthropologischen Skepsis in der Diktion von Odo Marquard, immerhin ein Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts. Und ob Immanuel Kant – welcher der Menschheit attestierte, sie befinde sich hin auf dem Weg zum Besseren – recht hat, das möchte man angesichts der neuen Religionskriege wenigstens noch hoffen dürfen. Literatur ist eine Fälschung – eine, die die Wirklichkeit verschwinden läßt, sie eintauscht gegen eine Fiktion, die sich wiederum dreist als Wirklichkeit anbietet und behauptet.

Joachim Paul bei seiner Lseung im Rheintor

Schon Virginia Woolf hat sich über die Unfähigkeit der Leser beklagt, Fiktion als Fiktion zu betrachten und nicht als verschleierte Realität. Ich glaube, diese Unfähigkeit hängt hauptsächlich damit zusammen, daß wir über keine gemeinsame Sprache verfügen, mit der wir uns über Fiktion unterhalten könnten. Fiktion ist verschlüsselt und vieldeutig. Allein eine Zusammenfassung des letzten Romans zu liefern, den man gelesen hat, erweist sich als äußerst schwierig. Hinzu kommt, daß die meisten Leute ohnehin mit sehr abgestumpften Antennen zum Empfang fiktiver Signale herum laufen. Neben einem Narren hielten sich die großen Machthaber nicht selten auch einen Schreiber, der die res gestae festhielt und das Herrscherlob so laut singen sollte, daß auch noch späteren Generationen Kunde von jenen großen Taten wurde. Dennoch haben diese Loblieder den Herrscher selten überlebt; so mancher Nachfolger ging so weit, die in Stein gemeißelten Namen der Vorläufer für alle Zeiten auszulöschen und mit dem eigenen zu überschreiben. Im Schatten der Aufmerksamkeit sollte man sich das erarbeiten, was Roland Barthes die „ecriture“ genannt hat, die Schwester des Stils, aber der Stil ist gewachsen, Teil einer Tradition. Die „ecriture“ entspringt der Ethik der Werkstatt, wenn man die Gruppe aus Mann, Tisch, Stuhl und Klapprechner so nennen darf.

Paul Valéry hatte eingestandenermaßen ein fürchterliches Gedächtnis. Deswegen schrieb er auch über gelesene Bücher als ungelesene. Und das brillant. Die Diskontinuität dieses tatsächlich als essayistisch, nämlich als Versuchsanordnungen zu verstehenden Verfahrens erlaubt es, das Quellenmaterial, welches seine Lebensphasen in höchst unterschiedlicher Dichte abdeckt, in diverse literarische oder historische Kontexte zu fügen und es gewissermaßen wie Filmmaterial mehrfach zu belichten. Kritiker glauben, dem Publikum immer etwas erklären zu müssen, – warum etwas gut oder schlecht, richtig gedacht oder falsch gemacht, preiswürdig oder verdammenswert ist. Kulturkritik war mal Lieblingssport für Bildungsbürger. Oft der einzige, war Sport selbst doch Ausdruck von Kulturverfall. Das Spiel ist eine freiwillige Handlung, ausgeführt als Selbstzweck nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln, begleitet von Spannung, Freude und Ausnahmegefühl. So definiert es der niederländische Kulturtheoretiker Johan Huizinga. Das Spiel gilt aber auch Spiegel des Lebens. War es eine enge Welt, die ihn in immer neue Versuche zwang, Grenzen zu überschreiten?

Der fatale Hang zum Gesamtkunstwerk

Bereits 1849 hatte Richard Wagner in seinem Essay „Die Kunst und die Revolution“ festgestellt, die moderne Kunst stehe unter dem Zwang der Kommerzialisierung und müsse sich unter dem Druck des Kapitals wie jedes andere Produkt auf dem Markt als Ware anbieten und verkaufen. Diese Entwicklung setze die Kunst herab zum bloßen Mittel, zur Unterhaltung für die Massen, zum Luxusvergnügen für die Reichen. Kulturkritik war gar nicht so einfach. Man mußte einiges gelesen und vieles beobachtet, noch mehr aber ausgeblendet haben. Dann verfiel die Kulturkritik selbst dem kulturkritischen als gesellschaftskritischen Urteil: „Dem Kulturkritiker paßt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt.“ – so Adorno 1949.

Peter Meilchen weist auf Rheinkilometer 630

Blieb nurmehr die Überbietung durch Zivilisationskritik. Kritik ist eine zeitlose, eine lautlose Disziplin. Nicht im metaphorischen Sinn, sondern methodisch. Derzeit schreiben viele Theoretiker Bücher zu schreiben, die man an nahezu jeder beliebigen Stelle aufschlagen konnte, um mit dem Lesen zu beginnen. Bücher, die wie ein Puzzle konstruiert sind oder wie ein Labyrinth ohne Faden. Oder Bücher, die ihren Gegenstand auf ihre Form und ihre Erscheinungsweise abbildeten. Was nicht totalisierbar sein soll, darf auch nicht der Form einer linearen Erzählung oder einer stringenten Argumentation folgen, sondern soll vielmehr neue offene Formen der Rezeption und neue Denkweisen hervorbringen. Es gab eine Zeit, da konnten Intellektuelle Popstars sein. Ihre Artikel und Bücher wurden auch jenseits von Universitäten gelesen, weil sie versprachen, das Lebensgefühl einer Generation oder Szene mit einem Gedanken auf den Punkt zu bringen. Denken selber wurde sexy. Auf die Frage, ob sie Drogen nehme, antwortete Ingeborg Bachmann sinngemäß: Ich brauche keine, ich lese. Lesen als Sucht, so viel steht fest, ist im Leben einiger Menschen eine Tatsache; und zwar eine, die den Zusammenhang zwischen Irrsinn und Vernunft aufs Schönste belegt. Markierte dieses Phänomen – Intellektualität als Geste, als Bestandteil von Mode und Zeitgeist – den Höhepunkt der gesellschaftlichen Bedeutung von Kulturkritik, eine Zeit, in der die Figur des öffentlichen Intellektuellen endlich in die Welt hinaus tritt und zu ihrem Recht kommt – oder umgekehrt, war die Popularisierung von Ideen, ein Zeichen des Verfalls, weil sich die Ernsthaftigkeit des Denkens auf dem Marktplatz des Geistes bald inflationär verflüchtigte?

Die Buchbranche hat ihren iconic turn. Daß Anselm Kiefer, einem bildenden Künstler, den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ verleihen wurde, wirft ein Schlaglicht auf die Sprachlosigkeit der deutschsprachigen Literatur. In Paragraf 1 zum Statut des Friedenspreises heißt es, der Preis werde an eine Persönlichkeit verliehen, „die in hervorragendem Masse vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedanken beigetragen hat“.

Seine Bibliothek aus Blei gegossener Folianten kann man jedoch auch dahingehen deuten, daß in Zukunft die Bücher bleischwer in den Regalen liegen werden. Daß der Tod und das Sterben der Finsternis Nahrung geben, ist ein Gedanke des Mystikers Jakob Böhme. Die Vergangenheit ist ausgelöscht und mit ihr die Zukunft: Worin unterscheidet sich, was niemals sein wird, von dem, was niemals war? Es gibt in der Begründung der Preisverleihung einen Satz, der einem das Verständnis an der Entscheidung nehmen kann:

„Anselm Kiefer erschien im richtigen Moment, um das Diktat der unverbindlichen Ungegenständlichkeit der Nachkriegszeit zu überwinden.“ Als der bildende Künstler anlässlich seines 60. Geburtstages auf die Nachkriegszeit angesprochen wurde, bestätigte er die Faszination, welche die zerstörten Städte auf ihn ausübten:

Trümmer sind an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht.

Betrachten wir den bildenden Künstler als Mann des Wortes, kommt folgendes dabei heraus: „Motorrad, Marmor, Jean Genet, Huysmans, Ludwig II. von Bayern, Paestum, Adolf Hitler, Julia, Bilder: Heroische Landschaften; 1970 eigene Bücher über heroische Sinnbilder, Besetzungen, Einschüsse, Staatsexamen, Studienstiftung des deutschen Volkes, Studium bei Joseph Beuys, Düsseldorf.“ Es folgten Mythenbeschwörungen, Nibelungisches und Hermannsschlacht, Runen, also eine Kunst ganz bewusst an die hybride Nazi-Monumentalität anknüpft, Teufelsaustreibung mit den Mitteln des Teufels. Hieronymus Bosch hat sich jedoch geirrt. Die Hölle ist kein Ort unvorstellbaren Schreckens, an dem böse Fabelwesen Unaussprechliches tun. Die Hölle ist die Welt, wie wir sie kennen, mit einem einzigen Unterschied: Es ist alles aus dieser Welt verschwunden, was sich aus der Hoffnung speist und deshalb Hoffnung gibt. Nun muß der bildende Künstler eine Rede schreiben, bleibt zu hoffen, Daß diese nicht so peinlich wird, wie unlängst bei Martin Walser.

Kunst in Zeiten der Totalaffirmation

Der Bewertungsfeuilletonismus klammert die ökonomischen Bedingungen der Kulturproduktion schamvoll aus. Die gehypten Künstler liefern ihren Auftraggebern die medienwirksame ästhetische Überraschung, die sie erwarten, und veredeln diese mit ihrer Signatur. Ergebnis ist nicht zuletzt eine neue gesellschaftliche Rolle der Literatur, glamourös und affirmativ zugleich. Ergebnis ist allerdings auch eine erhebliche Verwirrung, weil die Literatur, mit denen das Publikum tagtäglich mit immer scheinbar neuen Sensationen überflutet wird, alles möglich und paradoxerweise auch alles gleich erscheinen lassen. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, als sie mit einer Tradition der Moderne bricht, die in eine ganz andere Richtung weist: in Richtung der Zurückhaltung, der Reduktion, des Schweigens, der Banalität. Ihre Storys funktionieren so nach Regeln. Erste Regel: Du hast nicht länger als drei Sätze Zeit, um dem Leser plausibel zu machen, warum er deine Geschichte lesen soll. Zweite Regel: Keine Ablenkungen, wenn der Leser an der Angel ist. Dritte Regel: Jede Story mit einem Plot ausrüsten, die auch für einen Roman gut genug wäre – offene Enden unterminieren die Kreditwürdigkeit des Autors. Vierte Regel: Jede Ausnahme muß besser funktionieren als die Regeln eins bis drei. Die Affirmatiker verwechseln das Einfache mit dem Simplen, der Zwang zur Einfachheit bedeutet keine kulturelle Armut, wenn wir uns bemühen, so viel Schönheit als nur möglich einzufangen. Der bewußte, dramatische und vielleicht auch irreversible Bruch mit der Möglichkeit, sinnhaft mit Bildern umzugehen, wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vollzogen: nicht von einem Literaturwissenschafter, sondern von einem Literaten.

Frühes Dokument der kulturellen Krise

1902 veröffentlichte Hugo von Hofmannsthal in der Berliner Tagespresse den fiktiven Brief von Lord Philipp Chandos an Francis Bacon, in dem er die Leere hinter den Worten als Folge der Vertreibung aus dem Paradies des Sprachvertrauens schildert und das Schweigen als einzig möglichen Ausweg suggeriert. Seitdem war dieses Schweigen oder zumindest eine dem Schweigen nahe kommender Reduktion das zentrale Leitbild der Moderne. Ein knappes Jahrhundert später ist die Moderne nicht mehr ganz so modern, wie sie einmal war. Von einigen ihrer Prinzipien mußten und müssen wir uns verabschieden. Es erweist sich, daß die moderne Literaturförderung ein Unternehmen von abgrundtiefer Dialektik ist und der Literatur ebenso sehr schaden kann, wie sie ihr zu nutzen meint. So hat das rein formale Verhältnis zur Literatur zur Folge, daß der Literaturbegriff immer wieder allzu eng an die Kunst, also an die Sphäre der freien Selbstentäußerung des bürgerlichen Subjekts gebunden ist. Es entsteht durch die enge Bindung des Literaturbegriffs ein Konzept des Verantwortungslosen, Verschwenderischen, der subjektiven Selbstentäußerung, das verhindert, daß ganze Bereiche der Literaturproduktion überhaupt noch als solche erkennbar sind. Würde man statt dessen mit einem Kulturbegriff arbeiten, so wie er noch im frühen zwanzigsten Jahrhundert, also etwa bei Georg Simmel, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin, Gemeingut war, wäre es völlig selbstverständlich, in den Visionen der Wirtschaftsführer die vulgär gewordene Lebensphilosophie, das vitalistische Gerede von Wesen und Wille, von Herausforderung, Kraft und Durchbruch, kurz: ganz gewöhnliches gesunkenes Kulturgut zu erkennen.

Langeweile ist keine bestimmbare Eigenschaft bestimmter Gegenstände, sondern beschreibt lediglich unser Verhältnis zu ihnen. Wer sich langweilt, erfährt einen Mangel oder Überschuss des Sinns und erhält damit die Gelegenheit, auf „dumme Gedanken“ zu kommen – das heißt, auf vermeintlich sinn-lose, un-sinnige Gedanken, die sich der Ökonomie von Frage und Antwort, von Angebot und Nachfrage entziehen und so zur Ankündigung eines anderen, zukünftigen Sinns werden. In seiner Büchnerpreis-Rede hat Wilhelm Genazino sich 2004 unter anderem an „Chefredakteure, Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs“ gewandt (und davon könnten sich auch Intendanten, Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler etc. angesprochen fühlen):

Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns nicht länger, was wir wollen!

Gemeinnützige Literaturvermittlung

Edieren heisst schuldig werden, sagte Jan Philipp Reemtsma in feierlichem Ton zur Präsentation der kritischen Gesamtausgabe der Werke Walter Benjamins, in dem vorauseilende Selbstkritik und Stolz einander die Waage hielten. Es komme allerdings darauf an, nach eigenen Maßstäben schuldig zu werden. Literatur besteht aus dem Ineinandergreifen lebendiger Ordnungen, ist also eine der wenigen Waffen, die wir gegen solche Erlebnisse haben. Erinnerung ist die Art von Amnesie, die uns gelegen kommt, ein Gedicht des Jacob van Hoddis lautete 1912 „ Weltende, expressionistische Lyrik: „Dachdecker stürzen ab und geh’n entzwei / Und an den Küsten, liest man, steigt die Flut?“ – Berührung ist der Grund, warum ich gerne lese. Es geht darum, eine Schwelle zu überschreiten, sich auf eine produzierte Realität einzulassen, da kann Literatur Unglaubliches leisten in Sachen Berührbarkeit. Dabei darf Literatur auch gern moralische Anstalt sein, schließlich sind Lernen und Bildung absolut großartige Dinge: „Ach, und in demselben Fluss schwimmst Du nicht zum zweitenmal“, besagt heute, daß im Datenfluss niemand mehr ein zweites Mal taucht.

Katja Butt, Wasserkur

Im Prinzip erfüllt das Web 2.0 die Voraussetzungen, die der Philosoph Jürgen Habermas mit einem herrschaftsfreien Diskurs verband: Die Beteiligten sind in ihrem Status gleich, die Themenwahl ist frei ebenso wie der Zugang. Der Journalismus im Internet ist anders als in der Zeitung. Im Internet setzt sich jeder, der schreibt, dem Widerspruch seiner Leser aus. Im Netz muß man sich die Achtung seiner Leser, die Glaubwürdigkeit verdienen. Einem Zeitungsartikel kann niemand widersprechen. Das www ist ein Segen. Es ist demokratisch. Es ist interaktiv und überwindet die Trennung von Mediennutzer und Medienproduzent. Es kennt keine Grenzen. Es bietet kostenlos eine unglaubliche Fülle an Wissen. Und ausgerechnet in diesem Netz, welches das Handwerkszeug einer besseren, demokratischeren und wissensgesättigten aufgeklärten Gesellschaft sein könnte, machen sich die alten Mächte breit: Manipulation und Monopole. Während Suchmaschinen sammeln, perfektionieren die Sicherheitsapparate von demokratischen Staaten, wegen tatsächlicher und angeblicher Terrorgefahr, die Überwachung ihrer Bürger: von Videokameras über Onlinedurchsuchung, von Vorratsdatenspeicherung bis zu den Fingerabdrücken eines jeden neuen Reisepaß-Besitzers. Doch digitale Speichermedien veralten ungleich schneller als Bücher. Im Unterschied zum Internet entwirft Literatur das Bild einer Ganzheit. Der Autor fügt im Roman Elemente der Vergangenheit zusammen, die im Internet nur als Segmente aufscheinen. Die Masse dieser Information mündet in eine schlechte Unendlichkeit. In der Literatur als symbolischem Prozess dagegen kann es kein Zuviel an Information geben. Es gibt keine einzige Wahrheit, es gibt viele Wahrheiten, entsprechend der unbegrenzten Zahl der Perspektiven, unter denen man die Welt betrachten kann. Das Internet offeriert einen Wust an Wissen, zu viel, als daß daraus eine höhere Wahrheit entstehen könnte. Wo das Internet zerstreut, verdichtet die Literatur. Freilich fasst auch sie damit nur eine von vielen Wahrheiten, die Wahrheit als solche entzieht sich ihr. Mit dem Buch wird nach Musik, Kino und Hörspiel dann das letzte klassische Medium digitalisiert. Auf den ersten Blick bleibt vieles gleich – schließlich sind auf dem E-Book-Reader dieselben Sätze zu sehen wie im gedruckten Exemplar. Allerdings wird dann erstmals auch für das Buch alles virtuell – der Schriftsteller tippt es auf seinem Laptop, der Verlag bearbeitet es im Layout-Programm, Kunden lesen es auf dem tragbaren Bildschirmchen.

Zettelkasten

Von Arno Schmidt stammt die ungeheuerliche Bemerkung, daß er „ein ganzes Konversationslexikon von 1845 mit 34 Bänden“ zur Abfassung seines Opus magnum „Zettels Traum“ habe „Wort für Wort“ lesen müssen, „um mein Gehirn in die Falten jener Zeit zu legen“. Schmidt meinte den „Pierer“, doch die emphatische Attitüde der Verfügung über ein Universalwissen der Zeit, das zugleich seine Epoche abbildet, teilen alle großen Lexika-Projekte vom 18. bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, ganz gleich, ob sie unter den Namen „Brockhaus“ (seit 1809), „Pierer“ (seit 1822), „Meyer“ (seit 1839), „Herder“ (seit 1854) angegangen und aufgestellt wurden. Der Rückblick in die Historie des lexikalischen Wissens zwingt dem Büchermenschen Tage die melancholische Einsicht ab, daß sich eine Epoche schließt.

Jürgen Diehl, Drei unter Wasser

Das Buch als Leitmedium der Aufklärung, des politischen Fortschritts und als Institution eines Wissens, das aus den dicken, mit Leder eingeschlagenen Bänden sowohl Solidität als auch Zeitresistenz sprechen lässt, tritt in den Schatten der neuen Götter, die Schnelligkeit, Aktualität und Mulimedia heißen. Das Weltnetz ist kein Geschäftsmodell für Inhalte. Von Anfang an waren sie einem rapiden Prozess der Entwertung ausgesetzt. Es ist bereits absehbar, daß der Absturz des Weltnetzes wird für künftige Generationen die Folgen haben, die man einmal mit dem weitgehenden Verschwinden schriftlicher Aufzeichnungen zwischen der Spätantike und dem Hochmittelalter vergleichen kann. Man wird sich selbst zur Erinnerung, wir zu einem Menschen, an den man sich nicht mehr erinnern kann. Wer sich nicht findet, kann sich auch nicht verstecken. Wie anders die Dichterinnen und Dichter seit der Romantik geworden sind: In Talkshows und Interviews kommen sie uns entgegen und haben eine Meinung, worüber auch immer, sie sagen uns, was sie denken. Wie anders dagegen ihre Bücher sind, wie wenig die uns über den verraten, der sich, wie man früher einmal sagte, in ihnen ausdrückt, wie auffallend wenig. Wer Daniel Kehlmann ist, was ihn bewegt, ja ob ihn überhaupt etwas bewegt, ihn schlaflos macht, ihm Angst oder Glück einjagt: Seine Bücher sagen es nicht. Die jungen und mitteljungen Autoren unterhalten, kommentieren, zaubern und beschwören, aber: Sie drücken sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie verbergen sich hinter ihrem Können geradezu, als genierten sie sich nicht nur, ich zu sagen, sondern auch ich zu meinen. Das entlastet den Leser. Da kommt ihm keiner zu nahe und rückt ihm auf den Pelz, will etwas von ihm. Da wird das Podium nicht verlassen, die vereinbarte Grenze zwischen Autor und Leser wird immer respektiert. Was einst als Demokratisierung und Befreiung gefeiert wird, ist letztendlich die Entwertung einer Kulturproduktion, die einer Industrie zu Gute kommt, die Kulturgüter als „Content“ versteht, sowie Autoren und Kreative als Inhaltslieferanten betrachtet.

Der VerDichter Weigoni bei der Arbeit

Jorge Luis Borges hat all das mit seiner allumfassenden »Bibliothek von Babel« analog vorweggenommen: die Verbindungen zwischen dem dezentralisierten Internet von YouTube, Blogs und Wikipedia – dem sogenannten Internet 2.0 – seine Erzählungen lassen den Leser zu einem aktiven Teilnehmer werden. Jorge Luis Borges‘ Phantasie läßt einen vollständig digitalisierten und allgemein verfügbaren Mega-Textkorpus erkennen, von dem einige Professoren der Computerwissenschaften träumen. In „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ wird die anonyme Wissensgemeinschaft der Wikipedia vorweggenommen, in „Funes“ die Idee des „Life-Loggers“ Gordon Bell, der mit einem Audiorecorder und einer winzigen Kamera um den Hals, die alle sechzig Sekunden ein Bild produziert, ein manisches Alltagsprotokoll erstellt, um es in digitalen Speichern aufzubewahren. Für den Argentinier haben sich die Dinge immer wieder in einander gegenüberliegenden Spiegeln aufgelöst, die Nähe der Wikipedia zur Bibliothek von Babel liege auf der Hand: Man setzt tausend Schimpansen an die Schreibmaschine, und irgendwann kommt King Lear heraus. Das Weltnetz ist voller Cy-Borges, sie erkennen Zeichen, wohin man blickt. Seit über hundert Jahren haben die Schriftsteller den Glauben an die große, einheitliche Erzählung verloren und experimentieren mit allen möglichen Formen des Fragmentarischen, der Multiperspektivik, der Montage, der Parodie. Unter Naturwissenschaftern hat die Frage nach dem zweiten Gesetz der Thermodynamik etwa den gleichen Stellenwert wie unter Geisteswissenschaftern die Frage, ob man Werke von Shakespeare kennt.

Neue Unübersichtlichkeit

In der globalisierten Welt versucht der Markt, allen Tätigkeitsbereichen seine Gesetze zu diktieren: Auch Verwaltung und Kultur gehorchen den Regeln von Gewinn und Verlust, Angebot und Nachfrage. Das Verlagswesen ist davon nicht ausgenommen. Verleger und Lektoren sind keine bloßen Opfer von profitgierigen Investoren mehr, sondern Akteure, die ihr Metier an die Bedingungen der Globalisierung anpassen und neue Buchformen erfinden, die der neuen Norm gehorchen: Es lässt sich alles verkaufen und kaufen, und zwar so schnell wie möglich. Die Verwechselbarkeit der Verlage führt zu einer Unschärfe der Programme. Es ist ein eminent verlegerisches Problem, weil sich die acht bis zehn ernstzunehmenden Publikumsverlage um dieselben Bücher streiten. Wir haben es mit einer neuen Form von Biedermeier-Mentalität zu tun, mit einer Sehnsucht nach konfliktfreier Wohlfühl-Kultur.

Sephanie Neuhaus, Monotypie

Büchermachen geschieht in einem Konflikt zweier Wertesysteme. Der Neoliberalismus erreicht das Verlagswesen über die Werte der Kommunikationsbranche. Träger dieser Werte sind die großen Medienkonzerne, die in Presse und Digitalfernsehen enorm präsent sind, also in den Vermittlungsmedien, durch die bisher, vor allem durch die Presse, die potentiellen Leser von der Existenz der Bücher erfuhren. Doch diese Konzerne sind finanziell auch sehr stark im Vertrieb engagiert, also in den Netzwerken, die die physische Präsenz der Bücher in den Buchhandlungen oder Buchmärkten sicherstellen. Für einen Medienkonzern dient das Buch dazu, die vielen anderen Aktivitäten des Unternehmens mit einem Inhalt zu versehen: Presse, Filmstudio, Fernseh- oder Radiosendungen, sogar den Vorzugsverkauf in den hauseigenen Buchhandlungen. Alle Medienkonzerne werden strukturiert durch die Norm des Gegenwartkultes, des unmittelbaren Umsetzens von Themen und Produkten, des schnellstmöglichen Auszahlens der Investition. Ihre Zeitschriften konzentrieren sich daher auf die Bestseller, die sich sehr schnell verkaufen sollen und der großen Homogenität der Vertriebssysteme angepasst sind, die wiederum eher dazu da sind, die Verkaufszahlen der Bestseller in die Höhe zu treiben, als dazu, die breite und anhaltende Präsenz von anspruchsvollen Büchern zu gewährleisten. Das Buch ist schon immer eine Handelsware gewesen, die hergestellt, verkauft, getauscht wird.

Bereits 1950 hatte der Schriftsteller Julien Gracq in seinem Pamphlet über „Die Literatur für den Magen“ vor der allgemeinen Geschmacks- und Stielnivellierung nach unten gewarnt, vor zunehmender Anpassung mancher Schriftsteller an das breite Publikum, das Autornamen nur mehr als Markenzeichen begreife und Bücher, falls überhaupt, so konsumiere, als handelte es sich dabei um Ess- oder Schleckwaren. Doch wenn Diderot und Kant von Anfang an darauf bestanden haben, daß es keine Ware wie die anderen ist, dann deshalb, weil das Buch kein nützliches Gut ist wie ein Möbelstück oder ein Bett, sondern ein Erfahrungsgut: Je nach Charakter, Erwartung und Erfahrung wird jeder ein Buch anders lesen. Nur ein Antiquitätenhändler verkauft heute noch ein Bett aus den 1860er Jahren, aber jede gute Buchhandlung verkauft noch Tolstois „Krieg und Frieden“, weil die heutigen Leser sich mit einem neuen Erwartungs- und Erfahrungshorizont hineinvertiefen. Historisch ist das Buch, ob nun Roman oder geisteswissenschaftliche Abhandlung, ein Übertragungsmedium. Es wird heute geschrieben, aber auf der Grundlage einer Reflexion oder Perspektivierung der Vergangenheit, die in die Zukunft weist. Das Buch ist also im Futur ebenso wie im Perfekt oder im Konditional geschrieben.

Art 2.0

Die Kommunikationsbranche gründet auf dem Bild, der reinen Gegenwart, und kümmert sich weder um die Zukunft noch um das Erbe der Vergangenheit. Sie malt in schwarz-weiss, erfindet künstliche Gegensätze, die sie für ihre Slogans braucht. Sie verachtet die Komplexität der Realität, intellektuelle Gedankengebäude, die Erfindung alternativer Welten. Das hat Auswirkungen auf das Buch.

Katja Butt, Wasserkur

Der Lektor neuen Typs umwirbt einen Autor nicht mehr wegen seines Talents, sondern wegen der Bekanntheit, die er bereits in den Medien erlangt hat. Er wird ihn um ein Werk bitten, dessen verkürzte These in den Diskussionssendungen Aufsehen erregt, die wiederum vorbereitet werden durch ein paar schöne Seiten, die man einer großen Zeitschrift verkauft. Die hebt die Geschichte auf ihr Titelblatt, deren Urheber, wie der Autor, auch an der Sendung teilnehmen, damit der Zuschauer das Gefühl bekommt, daß es sich nicht nur um ein Thema handelt, mit dem Papier verkauft wird, sondern daß es wirklich existiert, da es ja in der Zeitung steht, im Buch erklärt und im Fernsehen diskutiert wird.

Es gibt ein ganzes Sortiment von Büchern neuen Typs, das den Werten der gegenwärtigen Kommunikationsbranche mehr folgt als den traditionellen Werten der Welt der Schrift: In den Geisteswissenschaften sind es die kleinen Bücher von etwa 100 Seiten, die sich als Wissensbücher ausgeben, obwohl es sich nur um kenntnisreiche Bücher handelt, in denen eine Meinung als Frucht einer gelehrten Analyse verkauft wird; es sind die Romane, die man „Berühmtheitsromane“ nennt, weil ihre Autoren Medienleute oder Politiker sind. Ein Roman, ein geistes- oder sozialwissenschaftlicher Klassiker ist eine Begegnung: die Begegnung eines Textes und seiner Behauptungen mit einem Leser, den diese aus seinem Normalzustand herausgerissen haben, um ihn in eine Welt zu katapultieren, auf die die Lektüre die Perspektive eröffnet hat. Im Schatten einiger weniger Bücher verschwinden unendlich viele gehaltvolle Titel, Popularität siegt immer über Avantgarde, Resonanzerzeugung und Bestsellerstatus für die einen drückt andere stärker denn je unter die Wahrnehmungsschwelle der literarischen Öffentlichkeit. Solchen Gefahren mochte sich die traditionell auf ästhetische Reinheit bedachte Lyrik bislang nicht aussetzen. Doch das sollte sich nach Abwägung der Risiken unbedingt ändern. Denn publikumswirksame, debatten- und verkaufsfördernde Preise täten hierzulande dem verblassten Status der Dichtung als literarischer Königsdisziplin gut, auch wenn es am stets gefährdeten Nischendasein des zarten Pflänzchens Lyrik natürlich nichts ändern würde.

Es mag paradox klingen und mancher dürfte seine elitäre Nase rümpfen, dennoch: Das Land Goethes, Georges und Bachmanns braucht im Frühjahr und Herbst Buchpreise für Poesie, denn die deutsche Poesie ist schon seit längerem weitaus aufregender als die junge Prosa. Klappern in eigener Sache ist durchaus gerechtfertigt, obwohl es mehr lyrische Bewegung gibt als vor zwanzig Jahren: Es fehlt der Dichtung an „enthusiastischen Fürsprechern. Sie begnügt sich mit einer stabilen Leserschaft von ein paar hundert Verschworenen, mit ein paar klandestinen Zeitschriften und Lesungen an verschwiegenen Orten. Aber irgendwie glaubt sie fest an ihren Nachruhm.“ Und für ein bisschen Ruhm bereits zu Lebzeiten sollten künftig Buchpreise für Poesie in Leipzig und Frankfurt sorgen. Ein großes Buch ist ein Angebot, das seine Nachfrage nach sich zieht, indem es die Leser zu einer Öffentlichkeit versammelt. Leser, die durch eine aktive Komplizenschaft verbunden sind, durch die Mühe ihrer Lektüre, ihr ganz unterschiedliches Verständnis des Buches, ihre persönliche Aneignung des Textes. Ein großer Text wird also zu vielen Kommentaren Anlass geben. Ein großer vermarkteter Bestseller begründet dagegen keine Öffentlichkeit: Er wird für eine bereits existierende Öffentlichkeit hergestellt, die Fernseh-Öffentlichkeit. Der mögliche Leser wird bei sich zu Hause erreicht, in seinem Sessel, inmitten des Getöses der Welt; durch das im Fernsehen propagierte Buch wird er sich in seinem täglichen Leben bestätigt sehen, denn das Werk muß die größtmögliche Anzahl mit dem kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner erreichen. Als Walter Benjamin im Jahr 1936 seinen Essay über «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» an Theodor W. Adorno schickte, war von der Explosion der Verfügbarkeit von Musik im Alltagsleben noch wenig zu spüren; der Siegeszug des Grammophons stand gerade erst bevor. In diesem Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts redet Benjamin über die bildende Kunst und das Theater, er beschäftigt sich damit, was Fotografie und Film daraus machen würden. Über Musik verliert er kein Wort, aber was er heute über die Wirkung von iPod und Internet auf das Musikhören sagen würde, lässt sich leicht ableiten.

Charlotte Kons, Rauminstallation im Rheintor

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks konstatiert Benjamin den Verlust einer Qualität, die er mit dem berühmt gewordenen Begriff der Aura bezeichnet. Aura ist der Hauch des Unerreichbaren, das Berührtwerden durch das Höchste oder, in den Worten Benjamins, «die Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag». In seinem Aufsatz forderte Walter Benjamin, „die Schranke zwischen Schrift und Bild niederzulegen“. Für den Schriftsteller sei der technische Fortschritt die Grundlage seines politischen Fortschritts. Allerdings lag in der „immer nuancierteren, immer moderneren“ Fotografie auch eine außerordentliche Gefahr: Kein Müllhaufen, keine Mietskaserne sei mehr zu fotografieren, ohne sie zu verklären. Benjamin sieht eine Form der Kunstwahrnehmung bedroht, in der das Kunstwerk als etwas Heiliges und Einzigartiges im Mittelpunkt steht. Damit stimmt er in den Chor der Pessimisten ein: Technische Reproduzierbarkeit tötet die Kunst; mühelose Verfügbarkeit zerstört das Erlebnis; Perfektionierung der Mittel macht den Zweck zunichte, für den die Mittel da sind. Es sind Essays, ein Genre, das sich am meisten verändert hat. Historisch, seit Montaigne, Hume und Diderot, ist der Essay eine persönliche, undogmatische Reflexion, in der die Qualität des Stils im Dienst der ebenfalls eher persönlichen als allgemeinen Hypothesen steht. Im 21. Jahrhundert gleicht der Essay eher einem Schlag ins Gesicht: Er ist dogmatisch, denn er verficht eine harsche These, und er ist entschieden in seinen Schlußfolgerungen. Müßte Literatur die Menschen in unserer Multioptionsgesellschaft nicht eher wieder an die grundlegenden Dinge heranführen und eine Ordnung des Geistigen entwerfen, wie sie uns in unserer Hyperinformiertheit abhandenzukommen droht?

Polemisches Zwischenspiel

Wer immer noch streng am Inkommensurablen der Kunst festhält, läuft Gefahr, ästhetisch schwer enttäuscht zu werden, wenn er sich vor dem Umkehrschluss nicht hütet. Kunst ist dumm, sonst wäre sie ja nicht so schön. Kunst neigt seit der Französischen Revolution zu Vereinzelung, Polarisierung und hat einen Hang zum Anorganischen. Sie löst sich als Architektur vom Boden, setzt den Menschen herab, entstellt ihn zur Karikatur und negiert den Unterschied von oben und unten, von Gottes Ebenbild und den Nachtseiten menschlichen Tuns, dem sinnlosen Wüten von Dämonen in Menschengestalt. Die Kunst ist Ausdruck der Zeit nur nebenbei und wesentlich außerzeitlich: Epiphanie des Zeitfreien, des Ewigen in der Brechung der Zeit. Die Leugnung dieses Ewigen ist essenziell auch Leugnung der Kunst. Intelligenz wird bestraft; der gute Geschmack verbietet jeden Witz. Wenn ihn sich doch einer leistet, gilt es gleich als geschmacklos oder, schreckliches Schimpfwort, oberflächlich.

In einem seiner bekanntesten Werke beschreibt der Dichter John Godfrey Saxe, wie sich sechs blinde Wissenschaftler aufmachen, um das wahre Wesen des Elefanten zu erforschen. Der erste rennt gegen die Flanke des Rüsseltieres und behauptet, ein Elefant sei wie eine Wand. Der zweite bekommt einen Stoßzahn zu fassen und widerspricht: Nein, er sei wie ein Speer. Wie eine Schlange, beharrt der dritte, der den Rüssel in Händen hielt. Wie ein Baumstamm, widerspricht der vierte, denn er berührt ein Bein, und so weiter und so fort: Jeder greift und begreift nur seinen Teil und macht sich daraus seinen – falschen – Reim aufs Ganze. Etwa so verhält es sich auch mit der Literatur. Gerade weil sie Laboratorien eines harten gesellschaftlichen Strukturwandels ist, weiß man ihre aktuellen Probleme offenbar nicht recht zu deuten. Jeder klaubt sich seine Sorgen oder Hoffnungen heraus.

Klar scheint lediglich: Der Kultur-Betrieb ist zum Umbau gezwungen, um sich im ökonomischen Wettbewerb behaupten zu können. Der Ansätze und Strategien, Wünsche und Instrumente sind viele. Es wurden weit mehr Romane und Erzählungen verlegt, als die Menschen lesen wollten. Es herrscht eine Überproduktion. Das Weltnetz versorgt flächendeckend jeden jederzeit; Qualitäten wie Kommunikation, Dichte, Anonymität und Liberalität sind nicht mehr zwingend die Literatur gebunden. Hinzu kommt, daß Bücher rasend schnell veralten: Ein Werk, das nicht binnen sechs Wochen die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen könne, sei – so heißt es – erledigt. Der hoch dotierte Deutsche Buchpreis funktioniert nurmehr als Durchlauferhitzer. Allerdings haben hier nur konventionell und gefällig erzählte Texte eine Chance, wobei die Literaturkritik ihre Aufgabe zunehmend darin sieht, den Markt abzusegnen. Hektisch werden neue Literaturmoden kreiert, kurzfristige Trends ausgebrütet, während die Themen und Texte der mitspielenden Erfolgsautoren und Jungstars einander immer ähnlicher geraten. Die gegenwärtige Literatur verausgabt sich momentan nicht im einfachen Dagegensein; sie ist deswegen aber noch längst nicht affirmativ. Die Literatur, wie alle Kunst, beharrt darauf, in seinem Kern Träger von Passionswissen zu sein, also glaubhaft zu erzählen von denen, die Leiden und Leidenschaften bis zum Ende durchlebt haben. Dieses Passionswissen ist eine Art Dunkelkammer, in der man sich verändert. Es beginnt ein Lernen, das genau das Gegenteil von Souveränität bedeutet.

Dieser Verlust imprägniert aber gleichzeitig gegen den Terror der globalen Warenwelt und das Reich der rasenden Märkte. Hier resüieren Schriftstellerdarsteller wie Jonathan Littell. Dieser Autor hat ein theoretisch überdeterminiertes und literarisch hoffnungslos unterbelichtetes Traktat geschrieben. Der Text gibt – abgesehen von dem faszinierenden Stoff – literarisch nicht viel her. Der Stil bleibt schlicht, bald bieder, bald pathetisch, dem Gemüt des Helden angepasst. Und das Erzählmuster, streng chronologisch, erschöpft sich irgendwann. Warum die ganze Aufregung?

Allseits flexible Menschen

Eher folge ich einer Auffassung Walter Benjamins, der in der Geschichte ein schlummerndes und auf Erlösung harrendes Potenzial erblickte, als dessen Adressaten die Gegenwart sich begreifen sollte, für die mémoire involontaire, die man die wahre Erinnerung nennen mag. In seinem Essay über den Flexiblen Menschen illustrierte Richard Sennett, was seine Lehrerin Hannah Arendt vor einem halben Jahrhundert in ihrer philosophischen Abhandlung über die Vita Activa am Horizont heraufdämmern sah: eine Welt, in der die übergroße Mehrzahl der Menschen zu bloßen Anhängseln eines kapitalgetriebenen technologischen Prozesses werden. Erneuerung kommt nicht aus der Beschwörung der „guten Dinge“ oder bedrohter Tugenden, von denen wir bis auf Weiteres annehmen wollen, daß sie mit den wachsenden Notlagen wieder sprießen werden, sondern aus der Einsicht in den Zwang der epochalen Notwendigkeiten – und dem Willen jeder neuen Generation, sich eine Heimat zu bauen, in der sie und ihre Kinder leben können.

fund A mente, Künstlerbuch von Stephanie Neuhaus

„Natalität“ hieß das bei Hannah Arendt, und ihr Feld ist die Politik. Entweder ist der Mensch die Zukunft des Menschen oder seine Vergangenheit. Seine Gegenwart kann er nur sein, wenn er auf die Konturen des Tiers, das er enthält und das seine Infrastruktur ist, reduziert wird. Das mußte den sterblichen Menschentieren mal dringend gesagt werden. Während das Denken des 20. Jahrhunderts noch lange nicht zu seinem Ende gekommen ist, ist das Subjekt des Denkens schon längst im neuen Jahrhundert angelangt. Und während dieses erste Denken seinem Abschluss entzogen scheint, ist ihm als Denken des neuen Jahrhunderts, einem Denken der Gegenwart, auch sein eigener Anfang verborgen. Das Denken der Gegenwart hat seine Vergangenheit noch vor sich und seine Zukunft ist immer schon zu viel Gegenwart, als daß es ein Innehalten für es gäbe. Das Denken ist immer schon zu spät und der Augenblick des Jetzt immer zu früh. Dinge geschehen, und wenn sie nicht geschehen wären, wäre auch nicht viel weniger passiert. An große Ereignisse, zumal politische, die in ihrem Leben etwas verändert hätten, können sich die globalisierten Menschen nicht erinnern. Wovon leben eigentlich die Gespenster, die Judith Hermanns Erzählungen bevölkern?

Der Anthropologe Hellmuth Pleßner hat den Menschen als ein exzentrisches Wesen beschrieben. Im Unterschied zum Tier, das in seiner biologischen Spezialisierung distanzlos lebt, wie es ist, und keine Außensicht auf sich selbst hat, sieht sich der Mensch umgeben von einem weiten Horizont unterschiedlicher Möglichkeiten und vergleichbarer Existenzen. Offen zur Totalität und zur Zukunft erfährt er sich dabei als jemand, der sich bewusst zur Welt verhalten und immer wieder korrigieren muß, der sich Ziele setzt, sich irren und scheitern kann, jemand, der im Chaos der Möglichkeiten und Widerstände nach Sinn und Zusammenhang sucht, jemand, dessen Welterfahrung und Selbsterfahrung untrennbar ineinander verschränkt sind und sich in unentwegter Reibung ständig erneuern. Zu Klagen vor Gerichten führen nicht alle Bücher, in denen existierende Menschen mit ihren Schwächen beschrieben werden. Zu Klagen führen Bücher, deren Schriftsteller einem extremen narzisstischen Selbstbild frönen. Fehlleistungen des Autors kann sein Erzähler nicht wettmachen. Der Zugang zur Wirklichkeit ist keine Sache des Willens; er führt durchs Nadelöhr. Realität wird durch eine Art narrativer Aufmerksamkeit wiedergegeben. Einem Klischee entkommt man noch nicht, bloß weil man es als Klischee entlarvt hat. Von Aristoteles bis zum Bundesverfassungsgericht wird darüber gestritten, wie nah an der Wirklichkeit sich die Literatur befindet. Erfindet sie eine eigene Welt, bezieht sich auf ihre Umwelt, und wenn, auf welche Teile ihrer Umwelt?

Bildvorrat der ausgehenden Moderne

Wir leben in einer Ära, in der sich künstlerisches Schaffen vor allem an der Nachfrage und an konkreten Aufträgen orientiert. Langfristige, geduldige Investitionen, Aufbauarbeit für Museen, Festivals, Institutionen aller Art sind in der Medienlandschaft kaum zu verkaufen. Gefragt sind Kulturprojekte, die eine möglichst schnelle und publikumswirksame Umsetzung gestatten, Unikate, nicht jährlich wiederkehrende institutionelle Projekte. Kulturförderung reagiert mit einem neuen Förderleitbild auf Zwänge eines Medienbetriebs, in dem jeder Inhalt auf seine Quotentauglichkeit hin überprüft wird. Es wird Kunst für die Inneneinrichtung einer Bank in Auftrag gegeben oder für die Verschönerung eines Parks. Es gibt zu wenig Künstler, die von einer Idee getrieben werden, die eine Berufung haben. Ich vermisse jedenfalls oft den geistigen Gehalt. Gehalt gibt es in der Kunst aber nur dann, wenn Künstler etwas Grosses erreichen und etwas Neues sagen wollen – es genügt nicht, Daß sie irgendetwas Lustiges basteln.

Heidrun Grote

Das Echte und Authentische, so scheint es, ist für die meisten so erledigt und abgehakt war wie eine Truppenparade auf dem Roten Platz oder das Grab Jim Morrisons auf dem Friedhof Père Lachaise. Jean Améry behauptet in seinem grossen, dunklen Essay „Über das Altern“, mit fünfundvierzig fange alles schon an: das Alter, der Abstieg, der Selbstverlust. Mal sehen, wir lange sich dieser Verfall noch hinauszögern lässt.

Der reine Künstler wie auch der reine Wissenschaftler sind Produkte der aus dem Buchdruck entstandenen Industriegesellschaft, wie Vilém Flusser sagt. Derartiges Spezialistentum hat etwas abgründig Häßliches, genau wie die Industrieschlote aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Worte wie Selbsterfahrung, Ganzheitlichkeit und Utopie sind als magische Vokabeln verschlissen. Die überindividuellen Ekstasen der tragischen Feste der Antike, stellte Roland Barthes 1953 fest, seien heute in den Sport ausgewandert. Nur die großen Sportereignisse könnten die Leidenschaften so bündeln wie einst Tragödie und Satyrspiel. Zieht man dies in Betracht, klingt der Slogan der Fußball-EM „Let’s go narrisch“ nicht mehr ganz so hirnverbrannt. Zumindest im barocken Österreich scheint der Sinn für die entgrenzenden Kräfte sommerlicher Spiele noch nicht vollends abgestorben zu sein, man fischt die Botschaften aus dem Wörtersee. Das romantische Genie, der Künstlerheld, hat längst abgedankt.

Das Medium ohne Message

„So stellen sich alle kommerziellen Interessen, die Medien der allgemeinen Verbreitung zuführen wollen, ausnahmslos auf „Unterhaltung“ als eine neutrale Taktik ein. Auf eine auffallendere Vogel-Strauß-Politik könnte man gar nicht kommen, denn sie gewährleistet eine optimale Durchschlagskraft für jede Art von Medium. Die alphabetische Gesellschaft wird immer für einen militanten Einsatz von Presse, Radio und Film unter Einnehmen von Standpunkten eintreten, der eine Verringerung der Wirksamkeit zur Folge haben würde, nicht nur des Radios, der Presse und des Films, sondern auch des Buches. Die kommerzielle Taktik der Unterhaltung gewährleistet automatisch eine optimale Geschwindigkeit und Wirkung bei jedem Medium, und das für das psychische und soziale Leben in gleicher Weise. So wird daraus eine komische Methode der Selbstzerstörung, die jene anwenden, die auf Fortdauer und nicht auf den Wandel bedacht sind.

In Zukunft wird die einzig wirksame Kontrolle der Medien die thermostatische Form quantitativer Zuteilung annehmen müssen. Genauso wie wir heute versuchen, den atomaren Fallout unter Kontrolle zu bekommen, werden wir eines Tages versuchen, die schädlichen Nebenwirkungen der Medien zu kontrollieren. Das Bildungswesen wird als Zivilschutz gegen die gefährlichen Nebenprodukte der Medien reorganisiert werden. Das einzige Medium, gegen welches unsere Erziehung heute einen gewissen (Zivil-)Schutz bietet, ist das Medium des Buchdrucks. Das Bildungswesen, das auf dem Buchdruck basiert, hat bisher noch keine Verantwortung in anderer Richtung übernommen.“

Das schrieb Marshall McLuhan 1964. Die „Gedankenbombe“ ist ein gegenkulturelles Kommunikationskonzept. Entwickelt wurde sie von Greenpeace und fußt auf Ideen des Medientheoretikers McLuhan. Die Grundidee ist einfach: Mit den Techniken moderner Werbung und Markenentwicklung sollen die Ziele der neuen sozialen Bewegung erreicht werden. Im McLuhan steckt ein großartiger Ansatz einer Wahrnehmungs- und Bewusstseinstheorie, man muß es nur abheben. Aber wer würde das heutigentags lesen wollen?

«There’s a stranger in the house no one will ever see / But everybody says he looks like me», heisst es mit schwarzer Paradoxie in einem Song des britischen Sängers Elvis Costello. Ich bleibe im Versteck des Wissens. Wenn Philosophen öffentlich das Wort ergreifen, in Angelegenheiten von allgemeinem Belang, dann riskieren sie, daß man ihnen jene Sentenz an den Kopf wirft: «Si tacuisses, philosophus mansisses.» Dabei wollten sie womöglich doch nur der Weltweisheit, die sie ihrer Berufsbezeichnung gemäß lieben, Geltung verschaffen – Weltgeltung, könnte man sagen. Philosophie ist Spracharbeit nicht nur, aber auch, und zwar wesentlich. Weil Texte ihre Leser belasten und belästigen, muß jeder dafür Busse tun, daß es ihn gibt und das geschieht am besten durch einen guten Stil. Nicht nur dem Leser hilft die Leichtigkeit des Textes. Auch der Schreibende brauche sie als Form – nicht bloß, um den Ernst der Themen erträglicher zu machen, sondern um sich auszuhalten: um sich selbst an den Schreibtisch zu locken. Der skeptische Denker zeichnet sich durch Mehrsprachigkeit aus. Er eignet sich die Pluralität der philosophischen Zungen an und wird dadurch frei von einer jeden und zugleich frei zu einer jeden. Dadurch wird es möglich und nötig, daß der Vielsprachige seine eigene Sprache sucht. Seit etwa einem Jahrhundert heißen die öffentlich auftretenden Weltweisen „Intellektuell“». Jedenfalls steht eine Rolle dieses Namens für sie wie für alle anderen zur Verfügung, die mit Köpfchen und mehr oder weniger wortgewandt öffentlich intervenieren – mahnen, sich empören, appellieren, kritisieren. Meist tun Philosophen das nur im Nebenberuf; sie schlüpfen nicht dauerhaft in die Rolle des Intellektuellen. Die Umstellung der Kommunikation von Buchdruck und Presse auf TV und www hat zu einer Erweiterung der Öffentlichkeit und zu einer Verdichtung der Kommunikationsnetze geführt. Das Projekt im Rheintor ist ein Reflex darauf.

Der wünschenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. Im Weltnetz verlieren die Beiträge der Intelligenzija die Kraft, einen Fokus zu bilden. Der Intellektuelle muß sich aufregen können – und soll doch so viel politische Urteilskraft haben, daß er nicht überreagiert. Das Hinterherhecheln ist jedenfalls keine Zeitform, die dem Denken gut bekommt. Dort, wo das Hecheln im Medien- und Bildungsbetrieb die Leitgeschwindigkeit geworden ist, hat nicht nur der öffentliche Intellektuelle ein Fokus-Problem. Dort hat jedwedes Denken ein Fokus-Problem, jedenfalls ein solches Denken, aus dem Urteilskraft und nicht das Abhaken irgendwelcher Stichworte spricht.

Dort, wo Zeiterfahrung nur noch als Fristerfahrung vorkommt, hat Denken in übergreifenden Perspektiven kaum Chancen. Damit wird aber auch der Unterschied zwischen „wichtig“ und „dringlich“ eingeebnet. Alles Dringliche wird für wichtig gehalten, das Wichtige selbst gerät aus dem Blick, weil die Last des vorher „zu Erledigenden“ es gleichsam erdrückt. Übrig bleibt das unbestimmte Gefühl, daß man zu „nichts“ mehr kommt – weder im Handeln noch im Denken. Das die Intelligenzija aber auch in ihrem Hauptberuf zumeist kritisch tätig sind – schließlich wissen sie von Kant, daß der «kritische Weg allein noch offen» ist -, kann man mit Fug von der Kritik als ihrem Beruf sprechen. Seither ist Kritik eine Praxis des Sich-Distanzierens. Kritik zielt auf Krise, sie erzeugt Irritation nicht nur bei anderen, sondern auch beim Kritiker selbst. Die so genannten Neuen Medien sind ein grausames Folterinstrument anonymer Kommunikationsverhinderer. Dieser verschwörungstheoretische Gedanke über Aktivisten und Hacktivisten kommt einem regelmäßig, wenn man sich durch einen Kasten voller Spam-Mail wühlt. Wenn das Medium dermaßen die Message ist, haben andere Inhalte leider keine Chance. „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben“, sollte diese auf Boethius zurückgehende Weisheit recht hätte, dürfte man dann aus ihm folgern, daß Philosoph nur der sein kann, wer stets schweigt?

Birgit Jensen, Gruenmann

Andrea Fraser, Künstlerin und Professorin in Los Angeles, veranschaulicht, womit die Topsammler der Welt ihr Geld verdienen (Industrie, Luxusgüter, Hedgefonds, Private Equity) und mit welchen Tricks sie es vermehren (Insiderhandel, Steuerhinterziehung, Bestechung). Wie Frasers Analyse zeigt, „arbeiten viele unserer Mäzene aktiv daran, das politische und finanzielle System zu erhalten, das ihren Reichtum – und die Ungleichheit – bewahrt und noch über viele Jahrzehnte wachsen lassen wird“. Künstler, Kuratoren, Museumsleiter und andere Nutzniesser dieses Systems machten sich also mitschuldig, auch wenn sie vordergründig kritische Reden schwängen. „Trotz der radikalen politischen Rhetorik, an der in der Kunstwelt kein Mangel herrscht, herrschen Zensur und Selbstzensur vor, wenn es darauf ankommt, ihre wirtschaftlichen Bedingungen zu hinterfragen.“ Frasers Forderung an die Protagonisten des Betriebssystems Kunst, „ihr kulturelles Kapital aus diesem Markt zurückzuziehen“, ist ehrenwert. Ihr Vorschlag, eine neue Autonomie der Kunst durch „vollständig institutionalisierte Strukturen“ zu etablieren, die imstande sind (nicht nur) das kulturelle Kapital zu produzieren und angemessen zu verteilen, erscheint jedoch mehr als illusorisch.

Über den Katalog der klassischen Werke wacht weder ein hohes Amt noch ein Rat von Experten. Zudem werden sich die Fachleute nie einig, solange sie über den Wert oder Unwert von Kunstwerken debattieren. Müssten sie sich ausdrücklich einigen, um einen Klassiker zu küren, dann wäre der Katalog wohl leer geblieben. Allerdings scheint es dann, wenn sie und ihr Publikum des Streitens überdrüssig geworden sind, zu einer stillschweigenden Art Einigung zu kommen. Irgendwann nämlich ist dann doch ein Urteil gefallen, dem sich alle, die weiter mitreden wollen, beugen müssen.

Es gibt Kunst und Galeriekunst.

Ed Kienholz

Auf dem Hochseil des Kunstzirkus ist nicht viel Platz. Event-Ausstellungen und trendige Messen mit immer jüngeren Künstlerstars geben weltweit den Ton an. Da müssen sich selbst staatlich geförderte Museen etwas einfallen lassen, um ihre nicht immer taufrischen Sammlungen aufmerksamkeitswirksam zu präsentieren.

Während die Frage: „Was will uns der Maler sagen?“, längst verpönt ist, wird die Frage: „Was wollen die Bilder?“ durch den Fragenden geadelt, daß den ausgestellten Bildern ein bestimmtes Wollen eingeschrieben sein kann. Bilder stellen ‘Lebensformen’ dar, die unerbittlich durch Begierden, Sehnsüchte angetrieben werden – dies geht oftmals einher mit einer Negierung des Künstlers.

Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdü, das Labor dokumentiert die Durchlässigkeit zwischen den Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unmöglichen. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. Diese Art zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentität, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Künstler machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet, als selbstbestimmte Individuen zu überleben.

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Rheintor, Linz – Anno Domini 2011, Edition Das Labor 2011

Limitierte und handsignierte Auflage von 100 Exemplaren

Exemplar 1 – 50 liegt ein Holzschnitt von Haimo Hieronymus bei.

Weiterführend →

Photos der Reihe im Rheintor und der Veranstaltung in Kunstverein Linz. Bei KUNO präsentieren wir Essays über den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu lösen ist. Lesen Sie auch KUNOs Hommage an die Gattung des Essays.