Eiszeit

 

Karl Richter hat knochenhart gearbeitet. Der Fahrstuhl der Wohnmaschine spuckt ihn in den Flur aus. Er will seine Wohnungstür öffnen, als sich Eleonore Knippenkötters Kopf in den Hausflur reckt. Sie ist ein kapriziöses Puppenwesen, das Glamour mehr behauptet als verkörpert, zupft ihr Gesicht ebenso rabiat vor dem Spiegel zurecht wie Strümpfe, die von der Wäscheleine gefallen sind.

»Haben Sie schon gehört?«, rückt sie die Sorgenfalten im Dekolleté zurecht.

»Die Welt ist untergegangen«, schnoddert er ein flop of the pops herunter und gibt ein Stelldichein zwischen Ewigkeit und Spiessigkeit:

»Noch schlimmer. Die Heizung ist ausgefallen!«, kreischt das aggressive Nervenwrack. Ihre Sätze sind so bohrend spitz und gefährlich wie die Absätze ihrer Pumps. Wie zur Bestätigung senkt sie die Lider über ihrem Grabplattenteint und verhüllt mit einem Schwung die Butzenritze. Frauen wie sie scheitern gründlicher, weil sie vom guten Leben träumen, insbesondere von der Liebe.

»Was denn, im ganzen Haus?«

»Meinen Sie etwa, nur bei mir?«

»Wir wohnen in komischen Käfigen«, gibt sich der Quirkyalone gewohnt lakonisch und dreht den Schlüssel im Schloss herum.

»Aber wir haben doch jetzt Wochenende, da kommt doch kein Handwerker mehr«, leistet sie Schwerstarbeit im Steinbruch deprimierender Fakten.

»Hat denn jemand die Hausverwaltung verständigt?«

»Was denken Sie denn?«

»Dann brauchen wir uns ja keine Sorgen zu machen«, kanzelt er sie ab. Lässt die Wohnungstür aufschnacken. Ihm ekelt vor dem Pathos der falschen moralischen Entrüstung. Er betritt schnell seine Wohnung, um vor weiteren Nachfragen sicher zu sein. Seine Nachbarin gehört zu dem Typ der gealterten Blondine, die sich wahrscheinlich immer noch fragt, warum sie in ihrer Blütezeit der Jugend kein Filmproduzent entdeckt hat. Eleonore als Schönheit zu bezeichnen hiesse, die Höflichkeit sehr weit zu treiben. Sie ist ein Porzellanpüppchen von gespreizter Noblesse, ihr Parfum ist zu schwer, das Make–up aufgespachtelt, mit der aufgebauschten Haartracht mumifiziert sie sich selbst. Mehr und mehr schottet sie sich gegen die Wirklichkeit ab, bis sie kein Zweifel mehr erreicht. Eine tragische, aber auch eine unerträgliche Gestalt: hochfahrend und halsstarrig.

Auf Zehenspitzen der Nostalgie. Eleonore Knippenkötter hat eine auf den Platz fixierte, immobile Art, ihr Leben zu führen, der einen Sinn fürs Minutiöse und Minimale lehrt. Weil ihr gekochte Eier nicht gelingen wollten, hatte ihr Gatte vor dem Ableben eine zündende Idee. Sie solle seine Asche in eine Eieruhr füllen… Seine Überreste führen in der Sonderanfertigung eines Glasbläsers ein bewegtes Dasein. Immer wenn die Eieruhr durchgelaufen ist, denkt Eleonore an ihren Mann und obendrein ist das Frühstücks–Ei butterweich. Passend zum braunen Toast, der gleichfalls nicht länger braucht. Alles hat wieder seine Ordnung, fehlt lediglich der passende Kerl dazu. Eleonore Knippenkötter begrüsst Karl Richter in regelmässigen Abständen an der Haustür, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, sie hat ihn als Nachfolger ausersehen und präsentiert ihm unter durchsichtigen Hauskleidern ihre Miederwaren. Diese Nähe ist ihm peinlich, was sie voneinander wissen, verlässt nie die Sphäre eines Gerüchts.

»Vielleicht schaun‘ Sie ja später auf ’nen Schnaps ‚rein!«, macht sie einen letzten Versuch, bevor er die Tür zuzieht. Sie zuckt mit den Schultern und fragt sich bei jeder neuen Begegnung, ob diese das Wagnis des Weiterlebens lohnt.

So sehr er unter ihrem Eindringen in sein reduziertes Leben leidet, die Warnung von Miss Ele ist angemessen. Seine Wohnung atmet ihm tiefkühl entgegen. Den zusätzlichen Grund dafür findet er in die Küche. Inmitten von Glasscherben liegt ein Lederball auf dem Fussboden. Er stellt die Arbeitsschuhe ab, streift die Filzschuhe über und ist auf leisen Sohlen unterwegs. Reinschlüpfen und Wohlfühlen. Der Stoffpantoffel, glaubt er, ist das Beste, was man nach Feierabend anziehen kann. Der Lederschuh brennt am Abend an den Füssen, der Pantoffel hingegen ist etwas Leichtes am Fuss, wenn man die Strassenschuhe auszieht. Als Pantoffel–Liebhaber schätzt er überdies keine modischen Experimente. Grau–, grün– oder braun–karierter Filz und weinrotes Polyester, das sind die Farben und Materialien, die in jeder Saison für Puschen gefragt sind und von seinem Orthophädieschuhmacher passgenau für seine lädierten Füsse angefertigt werden.

Karl ist eine Durchgangsstation für Gegenstände. Dinge kommen zu ihm, und dann gehen sie wieder. Er will den Fussball lässig mit dem Aussenrist wieder nach draussen befördern. Trifft nur den Torpfosten. Vom Fensterrahmen prallt der Ball unglücklich zurück. Streift die Kaffeemaschine. Räumt den Automaten vom Tisch. Vorsichtig steigt Karl über die Scherben. Öffnet den Kühlschrank. Greift nach der Flasche Rum. Setzt den Kessel auf die Herdplatte. Bereitet einen Grog nach dem Motto: Rum muss, Wasser kann, Tee darf.

Cosmos Clandestin. Karl lässt die erste Tasse über den Gaumen in den Magen hinuntergleiten. Da das Wasser weiterhin dampft, greift er nach den Teebeuteln. Setzt die nächste Tasse auf. Schlürft. Denkt nach. In seiner Sinndiagnose baut er auch das Zufällige und Sinnlose in fragwürdige Gesamtdeutungen ein.

Marmor des 20. Jahrhunderts. Sein Blick streift standardisierte Wohnmaschinen: Orthogonal organisierte Punkthochhäuser stehen in der Landschaft wie halbverfaulte Zahnstummel herum, Supermarktgeschwüre, die sich breiig in die nicht vorhandenen Stadtzentren ergiessen. Trübsinnige, am jämmerlichen Raster der Wohnraumspekulation ausgerichtete Zeilenbauten aus Waschbeton. Architektur ist zuständig für die räumliche Begründung von Identitäten. Diese heruntergewohnten Silos sind ein Produktionsversuch menschlicher Heimat. Im Stahlbetonskelett wirken die Wohnungen so, als seien sie nur die mit belanglosem Müll vollgestopften Schubladen in einem Regal, das schon vor einiger Zeit im Keller der Gesellschaft vergessen wurde. Wohlstandsschrott. Kein Bühnenbildner hätte sich diesen Brutalismus besser ausdenken könnte, um die geistige Verwahrlosung dieser Zeit räumlich zu inszenieren: vorgehängte Balkone, endlose Klingelschilder, schmucklose Lochfassaden, dünnste Fassadenapplikationen, raumlose Eingänge, flache Dächer und sockellose Kuben. Das Leben in diesem Ghetto ist gekennzeichnet durch die Ballung von Bedrängnis. Hier lebt eine Unterklasse von Aussortierten, die weder eine Chance am Arbeitsmarkt haben noch für die Reichtumsproduktion benötigt werden. Bisher gab es immer einen Gegenvorschlag, im 18. Jahrhundert war es das Bürgertum, das sich gegen die Fürstenherrschaft auflehnte, später begehrte das Proletariat auf. Heutigentags steht keine Schicht mehr bereit, die den Fortschritt vorantreiben könnte. Karl vermisst den Resonanzboden für eine Debatte.

Beim Blick auf die ausglühhende Herdplatte kommt ihm die Erleuchtung. Wenn der Herd funktioniert, muss der Durchlauferhitzer selbstverständlich auch die erforderliche Wärme liefern, weil dieses Gerät gleichfalls elektrisch betrieben wird. Er geht in das Badezimmer. Dreht den Wasserhahn auf. Lässt die Wanne mit heissem Wasser vollaufen. Durch den Nebel, den das Aufeinandertreffen von kalter Luft und heissem Wasser verursacht, geht er zurück in die Küche. Dreht die Schnellkochplatte auf. Braut eine Thermoskanne voll mit Grog.

»In der Badewanne bin ich Kapitän«, grölt er, nachdem er sich mit dem Inhalt der Thermoskanne von innen her gewärmt und entspannt hat. Karls Problem ist nicht der Alkohol. Seine Schwierigkeit ist das Leben, das er führt. Er schämt sich gewisser Gefühle, trinkt, weil die Drinks ihm schlagartig die Angst nehmen. Raus aus der Schwermutshöhle. Seine Art, mit Trauer umzugehen, hat sich wesentlich geändert. Er hat einen Ort gefunden, ganz tief in sich, aus dem spricht jemand, und zwar anders als jemals zuvor. Hier ist die Einsamkeit gedächtnislos. Dinge gewinnen eine zusätzliche Daseins– und Sinndimension, weil sie immer auch so wie etwas anderes sind. Das schenkt ihm eine grosse Freiheit, die seinem Leben den Schmerz nimmt. Sein Problem ist nicht, traurig zu sein. Karls Handikap ist, sich dafür selbst zu hassen. Er ist derart stimuliert von den Dingen, die um ihn herum passieren, dass er fast die Fähigkeit verloren hat, in sich hineinzulauschen.

Von Zeit zu Zeit betätigt er den Wasserhahn. Lässt heisses Wasser aus dem Durchlauferhitzer nachlaufen. In einer somnambulen Stimmung schläft er ein. Lässt sich in die Schwerelosigkeit herabsinken. Empfindet sich als losgelöst, fragmentarisch und verantwortlich für das, was er von seiner Geburt an bis zum Tod mit sich selbst macht. Ist ein Spielball im Lebenskalkül der anderen und weiss sich schlitzohrig zu wehren. Muss nicht mehr bestürzend authentisch in eine Rolle schlüpfen. Erlebt sich in einer melancholischen Geschichte von verlorener Unschuld und Erwachsen–Werden. Empfindet das Leben als einen harten Beruf, der von seinem Herzen gemeistert wird. Träumt davon, auf einem Skateboard die Strasse entlang zu fahren, während es langsam dunkel wird, die Luft ist lau, der Körper erhitzt… phantasiert von einem tropischen Strand. Angesichts der Palmwedel im Wind glaubt er, die kühlende Brise auf hitzefeuchter Haut zu spüren. Vollbusige Mädchen mit Bambusröckchen tragen kleidsame Blumen im Haar. Das Verlangen ist Flux. Beim Sex im Netz entkörperlicht sich die Begierde. Aus der subversiven Nymphe wird eine Frau zwischen Hexenkraft und Hystorien.

Pralle Gegenwärtigkeit, gelackte Oberfläche mit schrillen Farben. Roter Sonnenschirm. Grellgelber Strand. Türkisfarbenes Meer. Er springt hinein. Schmeckt das Salz. Taucht tief hinab. Sieht den mannigfaltigen Fischarten dabei zu, wie sie sich gegenseitig fressen. Als er endlich auftaucht, bemerkt er ein paar Pinguine, die auf einer Scholle spazieren gehen. Die Tiere winken ihm zu. Abrupt erwacht er in einem neuen Traum.

Karl Richter liegt in der Badewanne. Kann sich nicht mehr bewegen. Ist in sich selbst zurückgesunken. Ein Rohrbruch verwandelt die Betonwüste namens Realität in eine Oase der Gegenwirklichkeit. Das Wasser ist zu einem Eisblock gefroren. Sein Kopf schaut heraus. Die Hände sind handlungsunfähig. Er fühlt sich doppelt betrogen. Erst nimmt ihm der Wandel der Optionen in der Geschichte des Bewusstseins die Transzendenz, dann weigert sich die beste aller Welten auch noch, in den Stand des Hier und Jetzt einzutreten.

 

 

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Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Coverphoto: Anja Roth

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