GUMMIKINDER

 

es lebte einst der junge ferdinand, der aß jeden tag hunderte süße gummibären. und eines tages, als er sich an die nase faßte, war sie ebenfalls zu gummi geworden, daß man sie eindrücken konnte. er indes dachte, das macht nichts, man kann auch mit gumminase riechen. doch eines nächsten tages, da er sich den mund abwischte, waren seine lippen aus gummi und hingen übers kinn hinab. er hingegen dachte, das macht nichts, man kann auch mit gummilippen essen. und aß die gummibären ohne unterlaß. und eines weiteren tages hatte er augen aus gummi, die murmeln gleich in ihren höhlen rollten. und bald war der gesamte kopf gummi. und es folgten die arme, die beine, der bauch und so fort. bis der ganze kerl wie weichgelutscht dastand und klebrig glänzte. da lachten die andern kinder, denn jedes einzelne körperteil, vom linken ohr bis zur rechten kleinen zehe, wackelte wie pudding.

ferdinand aber lief voller scham und angst in den wald und mochte keines der kinder mehr leiden. und durchquerte hastend dunkles dickicht, worin ihm ein riesiger vogel begegnete, der mit krachenden flügelschlägen davonflog. und als ferdinand sich endlich besann, hatte er längst jeden weg verloren. und stand erschöpft vor einer einsamen schlucht und wußte nicht weiter. und begann die wilden tiere zu fürchten. und hielt nach einem hohen baum ausschau, worauf er die nacht verbringen könnte. da ging plötzlich ein windhauch durch die wipfel der bäume. und vom nahen felsengebirge kam auf einem weißen pferd eine fee geritten, die in ein eng anliegendes wasserfarbenes gewand aus samt gehüllt war. sie beugte sich zu ferdinand herab, strich ihm übers haar und sagte, sie wisse von seiner not, und sie allein könne ihn wieder zum menschen aus fleisch und blut werden lassen.

ferdinand fühlte sich erleichtert ob der verheißungen der fee und kletterte zu ihr aufs pferd. und sie ritten, vorbei an brombeergesträuch und wilden heckenrosen, die ihren weg säumten, davon ins finstere innere des waldes, wo sie ihn absteigen hieß und das pferd an einem pfahl festband. bald passierten sie einen engen und niedrigen eingang, der auf der abfallenden seite eines hügels hinter dichtem gebüsch verborgen lag, gingen eine eiserne treppe hinab und liefen durch halbdunkle unterirdische gänge. bis sie jäh im hellen licht hielten. dort erblickte ferdinand in unmittelbarer nähe ein raumschiff. und die fee hob ihn hinauf und bestieg selbst die kapsel. und nicht lange und ferdinand hörte das rauschen beim abheben der rakete und bestaunte die erdkugel mit ihren meeren, und vor ihm lag das weite all.

und nachdem sie einige zeit geflogen waren, erschienen steinige landschaften vor ihnen. das war der mond. das raumschiff landete. und ferdinand dachte, die fee würde ihm nun hinaushelfen. doch wie erschrak er, als eine hexe mit giftroten augen und struppigem schopf vor ihm stand, deren kalkgefärbtes gesicht nur mühsam die schuppige und behaarte haut verbarg. und er erkennen mußte, daß sich die fee verwandelt hatte.

die hexe griff ihn rasch an seinen haaren und stellte ihn zu einer menge anderer kinder, die gleichfalls aus gummi waren. dann ließ sie die kinder in reih und glied antreten und sprach: »heute endlich fiel mir das neunundneunzigste gummikind in den schoß. und so kommt der ersehnte tag. meine diener kochen schon das wasser im großen kessel, um euch hineinzuwerfen, daß ich die haut von euren knochen ziehn und mir zum trocknen hängen kann. denn die menschen der erde verstoßen und verfolgen mich alte frau. und daher muß ich fortan auf dem monde leben. hier aber ist es kalt und dunkel, und ich friere. und darum werd ich mit euren knochen mein haus mir bauen, das mich schützt und wärmt. und eure häute sollen mich zudem bekleiden und bedecken. dies sei euer dank dafür, daß ich euch befreit hab vom menschen.« und als sie gesprochen hatte, begannen die kinder zu klagen, und weinten und flehten.

die hexe unterdessen schritt ungerührt davon zur tat und betrachtete minutenlang lüstern das brodelnde wasser. die kinder standen jetzt wie erstarrt, ehe sie, eines nach dem andern, ihren kleinen finger mit dem kleinen finger ihres nachbarn berührten, bis sie auf diese weise alle, hand bei hand, verbunden waren. daraufhin trat der junge ferdinand hervor und flüsterte, sie sollten die hexe mit gewalt ergreifen. und eines der mädchen sagte, man müsse sie mit neunundneunzig gummifingern vollstopfen, dann würde sie ihre zauberkraft verlieren. kurzerhand biß sich jedes kind einen seiner kleinen finger ab. und die stärksten der kinder überfielen die hexe gemeinsam von hinten und zwangen sie durch die kraft ihrer masse im kampf zu boden. und steckten ihr die gummifinger in den mund, daß sie manche mehrmals erbrechen mußte. und kannten keine gnade mehr und ließen nicht locker, bevor nicht alle neunundneunzig finger endgültig verschluckt waren. da wurde die hexe selber zu gummi und schrumpfte und fiel in sich zusammen. und die kinder warfen sie ins kochende wasser. und sie ging unter darin und verdampfte. und nur ihr kopf schaute noch einmal für momente mit traurigen augen hervor.

die diener der hexe aber hatten, als sie bemerkten, was geschah, vor schreck das weite gesucht und das raumschiff gestartet. und waren mit allen vorräten geflohen. und so saßen die neunundneunzig gummikinder nun allein samt ihrer verbliebenen achthunderteinundneunzig finger. und es fehlte ihnen alles zum leben. und sie hungerten und froren. und aßen und tranken bald die klebrig zähe flüssigkeit, die vom körper der hexe noch übrig war. und wenn sie nicht alle miteinander gestorben sind, dann haben die einen die andern geschlachtet und aufgegessen und aus den knochen der toten ihr haus gebaut.

 

 

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traumnotat aus reise im flug, von Holger Benkel, Verlag blaue Äpfel, Magdeburg 1995

Weiterführend

 

In einem Kollegengespräch ergründeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie – und ihr allmähliches Verschwinden. Das erste Kollegengespräch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie hier.

kindheit und kadaver, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie hier.

meißelbrut, Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. Eine Rezension finden Sie hier.

Gedanken, die um Ecken biegen, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2013

Essays von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 – Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie hier. Auf KUNO porträtierte Holger Benkel die Brüder Grimm, Ulrich Bergmann, A.J. Weigoni, Uwe Albert, André Schinkel, Birgitt Lieberwirth und Sabine Kunz.