Schlagwort: Max Dauthendey

Briefe von Max Dauthendey

Ich bin deutscher Schriftsteller und habe in Europa in Petersburg, Berlin, München, London, Stockholm, Paris, Venedig und Sizilien Literatur, Malerei und Musik studiert. So schreibt, Oktober 1897, Dauthendey – und zwar aus Mexiko, das die Reihe seiner außereuropäischen Reiseziele eröffnet.…

Oben am Berg

    Kein Baum glänzte im Abend mehr, alle Blätter löschten aus. Ein paar Stimmen im Feld gingen nebenher, sprachen vom Wetter und zogen nach Haus. Oben am Berg, auf einem offenen Acker frisch gepflügt, Stand ein Leiterwagen und war…

Sommerelegie

    Jeder kommt einmal zu der Erde Rand, Wo das Land aufhört, Wirklichkeit und Zahl, Zur Versenkung, drinnen Jahr um Jahr verschwand; Wo kein Wegmal und auch keine Wahl Zwischen Nacht und Sonnenstrahl, Zwischen Berg und Tal.   Sieh,…

Einsicht

  Mit der Einsicht steigt die Zuversicht.       Weiterführend → Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe…

Warten

  Die in der Sehnsucht warten, wachsen zu Riesen.       Weiterführend → Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von…

Lob der Langsamkeit

  Ein Mensch, der zu langsam ist, der wird nicht so viel Schaden unter den Menschen anstiften als der Mensch, der zu schnell ist.         Weiterführend → Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik…

Und einmal steht das Herz am Wege still

  Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern, Bäume und Hecken, die sich über viele Menschenalter strecken, Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr, Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen. Nach der Farbe von meinen Haaren, bin…

Fern her über eine Flöte

  Wieder ging die Sonne aus, Ging wie jedes Blutes Röte. Sterne suchen überm Haus, Fern her übt noch eine Flöte. Auskriecht eine Sehnsucht leis, Die den Weg für Lust und Nöte Ohne Licht im Dunkel weiß.   Wieder ging…

Herbstnachmittag

  Die Nachmittagsonne muß golden verstauben Ums Glas einer Schale voll weingelber Trauben, Voll rotblauer Zwetschgen und Nüssen holzbraunen; Der Goldstaub spielt drüber mit tanzenden Launen. Es haschen sich Stäubchen, aufglühend im Licht, Hinschwebend verliebt und ohne Gewicht. Die Traube…

Jetzt ist es Herbst

  Jetzt ist es Herbst, Die Welt ward weit, Die Berge öffnen ihre Arme Und reichen Dir Unendlichkeit.   Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub, Die Bäume sehen in den Staub, Sie lauschen auf den Schritt der Zeit.…

Herbstmond

  Der kürbisgelbe Mond auf seinem Geistergang Schwebt überm Bergabhang und lebt Im Abendlicht schon hell der Nacht voraus. Er fliegt mit mir am Bahngeleis entlang Und liegt im Himmel wie ein Schneckenhaus, Hängt in der gelben Weinberglaube Wie eine…

Atemloser August

  Sommermonde machen Stroh aus Erde, Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde, Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden, Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen. Blumen nahen sich mit großen Köpfen, und scharlachen, Blau…

Tal und Berge sehen hell

  Sonne pinselt in dem Tal Hell die weißen Häuserflächen; Malt die roten Giebel grell Und malt Tinten blau wie Stahl. Löscht die Lichter wieder schnell, Schatten eilen gleich den Bächen, Und die Erd‘ lebt wie Gesichter. Berge gehen von…

O, Grille sing

  O, Grille sing, Die Nacht ist lang. Ich weiß nicht, ob ich leben darf, Bis an das End‘ von Deinem Sang.   Die Fenster stehen aufgemacht. Ich weiß nicht, ob ich schauen darf, Bis an das End‘ von dieser…

Wir gehen wie zur Frühlingsstunde

  Die gelbe Sonnenblumenschar schaut über lange Zäune, Und letzter Scharlachmohn beleuchtet rot die Ackerbräune. Unter den Bäumen bei der nassen Straß‘ Liegen die Zwetschgen blau im grünspangrünen Gras. Ein gilbend Stoppelfeld daneben tot im Abend ruht, Und fern in…

Heute in der Nacht

  Heute in der Nacht hört‘ ich auf den Gartenwegen allen Die Kastanien, die aus ihren Bäumen fallen, Auf den Gartenboden prallen, als ob Schritte weiterspringend hallen.   Heute in der Nacht stand der Mond als Wanderer am Tor, Kam…

Du leuchtest mehr als die Zwölfuhrsonne

  Zum Zwölfuhrschlag im Herbsttag stand die Sonne blaß und schief. Aber, Geliebte, Dein Auge, das über das braune Kartoffelfeld lief, Fand noch letzte Mohnblumen rote und Kornblumen blau, Und Dein goldgelb Haargelock stand vor ihnen zur Schau, Wie von…

Der Mond im Nußbaum

  Im Nußbaum blieb der Mond im Astwerk hangen, Liegt wie ein weißes Tier im Astkäfig gefangen Und preßt sein silbernes Fell an die Käfigstangen. Der Mond hat Dir über Brücke und Fluß hell folgen müssen, Ging aus der Stadt…

Mondschein liegt tief in das Haus herein

  Mondschein liegt tief in das Haus herein Wie Milch, die über die Dielen lief. Vor der offenen Tür sitzt Garten und Hain Voll Schattenköpfe, die keiner rief.   Und Wolken kleben am Mond totstill, Sie bleiben über den Wegen…

Die Mondscheinrune

  Die Nacht öffnet ihr Tor, Du kannst in den Himmel gehen, Wo Wege voll silberner Leuchter stehen; So weit die Augen sich dehnen Kannst Du Dich nach Ewigkeit sehnen, – Kommt der Spaziergang Dir nicht doch Noch viel zu…

Wie Tote liegen aufgebahrt im Tag die Tage

    Wenn mal der Spiegel, der Dich täglich zeigt, Von früh bis abend in die Leere schweigt, Und alle Fenster ohne Dich ans Licht hintreten, Und Deine Schritte mir im Ohr verwehten, Und keine Tür den Händedruck von Dir…

Tauben und Sonne

  Über den Dorfdächern lebt nur der Rauch gekräuselt, Und ein Windzug in einer herbstlichen Baumkrone säuselt, Wenn eine Taubenschar mit rauschendem Flug An die blendende Nachmittagluft anschlug. In der Tauben Reich, über die braunen Dachziegel, Ist die Sonne gesetzt…

Spuren des Mondes

  Wir gehen den Spuren des Mondes nach, Unsere Schatten zeichnen sich nur schwach, Sind wie dunkle Geister, die uns begleiten, Die auf den Fersen uns folgen zu allen Zeiten. Ein Baum steht am Weg mit dunklem Dach, An dem…

Feuerzeichen im Abend

  Der Abend schaut über die Fensterkanten Durch herbstliche Laubberge, die braungebrannten. Ich sehe Wolken ihre Lichtersprache schreiben Über den Bergen, die ewig unbeweglich bleiben. Und Wolken fleischfarbig, wie Menschen nackt, Hat eine Sehnsucht und eine Scham angepackt, Die wollen…

Zwei lila Primeln

  Zwei lila Primeln stehn auf der Fensterbank Und blühen, als haben zwei Menschen verliebt denselben Gedank‘. Vor den Wolken draußen, die hochgeschwungen, Stehen die Blumenbündel dunkel gedrungen, Als wachsen zwei Schatten wild aus zwei Töpfen, Als platzt hier die…

Kommst wie stolze Mittagswärme

  Unten bei dem Zaun, wo die letzten Äpfel noch am Zwergbaum sitzen, Seh ich Deinen blonden Kopf zwischen Feld und Garten blitzen. Steigst den Berg herauf, leuchtest auf wie die Sonnenblume warm und sorglos, Als ist diese ganze Erde,…

Deine Hände

  Ich fühle Deine Hände im Haus, Sie gehen wie Blut durch alle Wände Und teilen ihre Wärme aus.   Sie bereiten mitten im Alltagslärme Mir täglich einen Hochzeitsschmaus, Verwandeln Sorgen in Singvögelschwärme.   Wie Sonnenstrahlen auf Erden wandeln Und…

Morgenröte

Geliebte, Auf kupfernen Wegstreifen Kam heute der Morgen gezogen. Du sahst seine Pferde ausgreifen, Die rot der Sonne vorflogen Mit scharlachnen Mähnen und Schweifen.   Sie setzten in Brand die Brücke, Haben Feuer auf Berge geschrieben. Flußwellen wie Fackeln hintrieben…

Auf grünem Rasen

Frühsonne geht im Blauen, wie eine goldne Fee, Will über die Schultern der Bäume schauen. Die Schmetterlinge jagen sich über Baum und Klee, Und Wolken lassen sich tragen Hin über die blauen Gassen, Wie Damen in seidenen Wagen. Du und…

Rote Rosen

  Du hast Deine Hand noch nicht auf die Türklinke gelegt, Als Dir durchs Türbrett der Rosen Brand schon entgegenschlägt. Die Rosen sind Deinem Herzen näher als manches Wort, Sie geben ihr Glück in die Luft und halten doch vornehm…

Sieben Gespenster und die Zeit

Es gehen die Uhren ihren Weg ohne Spuren. Da hocken sie oben in ihren Türmen bei Sonne und Stürmen Und kauen immer die Stundenbrocken, Und haben immer bis Mitternacht Und nicht weiter den Weg gemacht. Sie haben die Zeit dort…

Die Stunde stirbt wie in dem Wind die Frucht

  Es rollen die Äpfel Dir vor die Füße am Weg, Augustwind bläst mit vollen, warmen Backen, Die Ähren stehen struppig, gelb und träg, Und Wolken wandern, wie Berge mit gläsernen Zacken. Mein Haus liegt dort unter den gläsernen Bergen…