Autor: Arthur Breinlinger

Die Chronik dieses Tages

von bestenfalls 31 Tagen dieses einen Monats von immer der gleichen Anzahl von Monaten von bestenfalls 100 Jahren in einem Leben. Früher Morgen dieses einen Tages und von allen in ihm  enthaltenen Möglichkeiten sind wieviel, zu dieser Stunde schon, vereitelt…

Wir holen den Anker ein.

Wir legen ab. Wir sind auf hoher See. Wir sind in Seenot. Wir sind nicht die Möwe am Bug. Wir sind nicht der Schrei der Möwe im Mastkorb. Wir sind nicht der Wind in den Segeln. Wir sind im Bewusstsein…

Eben hat er den Bleistift angeschaut,

hat nachgedacht, hat gedacht, dass er weiterschreibe. Eben hat er gedacht, dass er denke, dass er den Bleistift anschaue, dass er gedacht habe, dass er weitergeschrieben habe. Eben hat es geschellt, eben hat es zu regnen aufgehört. Eben hat er…

Es hängt viel davon ab,

welche Bedeutung wir dieser plötzlichen Expansion des Lichts, diesem alles überflutenden Weiß, dieser alles beherrschenden Farbe geben. Wir werden zum Beispiel sagen: dies ist der Sommer des Jahres 1970, dies ist das Weiß des Sommers des Jahres 1970, dies ist…

Sie sind Dichter und Denker.

Sie musizieren gut, sind angezogen wie, sind angezogen von … Bewegen sich wie Worte zum Ende eines Satzes und sammeln sich wieder. Sie sind traurig, sie streifen durch Wiesen und pflücken und gießen Blumen in ihren Gärten. Sie lachen und…

Wie schön,

dachte er, dieses Fahrrad, und sah die Sonne hinter den Speichen, und allerhand lachende Spinnen krochen aus den Ventilen. Er setzte auf den Sattel sich und das Fahrrad in Bewegung, eine Runde zu fahren zum Ruhme Gottes und zum Gedenken…

5 Uhr September

die Nachmittage der Sommer der gewesene Sommer das Licht die Stadt. 5 Uhr September die Stadt brennt die Umarmung Abend der Schlaf die Nacht die Träume der Atem die Luft die Erschütterung Teergeschmack auf der Zunge die Liebe die Verkörperung…

Der kommt ins Zimmer

und klatscht einen triefenden Waschlappen gegen die Wand. Und jetzt ruft da ein Vogel und alle schauen und an der Wand bewegt sich ein Mobile und draußen pumpt die Sonne. Der kam ins Zimmer, sagte nichts, sagte nur dunkel, wie…

Die Gegend hinter den Tränen

wird eine Wüste sein, aber es wird unter der Trockenheit eine wilde Fauna zur Oberfläche drängen, um die Stille zu überwuchern, die tödliche Lautlosigkeit, die Sprache, die sich nicht ausspricht und das Bewusstsein hinter der Sprache, das bersten wird unter…

Um dies sagen zu können,

hier sei die Welt zu Ende, hier gäbe es keine Luft mehr, sollte der Ort bekannt sein, der hier benannt wird. Wenn einer ins Unsagbare geht und immer weiter über das Ende der Welt hinaus und Worte finden will, für…

Nur noch Worte sammeln,

ohne auf ihre Bedeutung zu achten. Nur noch achtlos gesammelte Worte aufreihen, aufschichten wie Holzscheite und sich erwärmen bei dieser Beschäftigung. Die Kälte in kleine Stücke lachen und von neuem beginnen     *** Vom Raben was, von Arthur Breinlinger,…

Vom Raben was

Was er weiß: den Geruch der Jahreszeiten, den Bestand der Wälder, den Geruch der Nadelhölzer, die Unbeständigkeit der Lage. Was er nicht weiß: Die Märchen, die wir uns von ihm erzählen, und dass wir ihm nachfliegen, sobald es Zeit ist.…

Vergleiche mit Vögeln

helfen mir wenig. Auch das Zwitschern der Vögel vergleiche ich nicht mit Worten und Sätzen aus unserer Sprache. Soll ich einen Spatzen mit einem Papagei … Sprachlosigkeit ist nicht vergleichbar. Vergleiche ich die Möglichkeiten, Verglichenes wieder und neu zu vergleichen…

Zeit

Zeiträume, Zeitstrecken, Zeitabschnitte, Zeitspannen, Zeitintervalle, Zeitpunkte. Zwei Zeitpunkte, miteinander verbunden, bilden eine Zeitstrecke. Vier Zeitwände, mit einer Zeitdecke überdacht, bilden ein Zeitzimmer. Die Tür geht auf, die Tür geht zu. Die Tür schließt, verschließt. Wie sieht das aus, wenn ein…

Wer begraben hat unter den Sohlen den Sommer,

hat keinen Weg mehr zu gehen. Wer aber sagt es der Sonne, dass sie ihn nicht mehr quäle, und den Vögeln, die immer noch ihn begleiten, während er rückwärts geht, gebückt, das Gesicht in den Händen   *** Vom Raben…

Es fängt damit an,

dass man fremde Hunde fragt, wie lange sie fort waren, dass man Bücher kauft, ohne zu fragen, wer sie geschrieben hat, dass man die Türen verriegelt, ruhig dasitzt bis zur Dämmerung, dass man Angst hat und die Angst vertreibt, indem…

Wieder glücklich

Der mausfarbene Morgen, die honigroten Beine der Spinnen in der Sonne, in der Luft. Über den Gräsern. Wer seinen Bienenstock in die Stunde des Mittags trägt, in die Gegend freundlich und launisch, wer das Gewicht des Lichts weiß, hat keinen…

Ahnt wohl,

welchem Gefühl entlehnt: diese Gefühle zusammengezogen und schmerzfrei. Wer spürte, was die nächste Wolke bespricht. Wer geht nun einwärts durchs Distelgestrüpp und setzt die lahmenden Vögel vor die Füße der Liebenden   *** Vom Raben was, von Arthur Breinlinger, KUNO…

Wer Antwort wüsste

auf das Herübergefragte. Ich setze auf das Weiße im Schwalbengefieder. Ich hab auf den Sommer gesetzt und kenne, was er ausstreut. Vergesse, im Schatten geblieben, nicht, wer vorübergeht, habe niemand gekannt     *** Vom Raben was, von Arthur Breinlinger,…

Die Menschen die Beziehungen

die Freude die Vorbereitung der Schmerzen die Einigung die Lösungen die Auflösungen die Verknüpfung die Zusammenhänge die politischen Wissenschaften die Wissenschaft von der Politik die Wissenschaft des Geistes die Natur die Bevölkerung der Natur die Begriffe die Begrifflichkeit die Kreise…

Wortler

ist der Name eines Wortes männlichen Geschlechts. Wortler wirft ohne erkennbaren Sinn Geld in Spielautomaten und wartet nicht ab. Wortler besäuft sich ohne zu bezahlen. Wortler schläft in Freudenhäusern im Klo oder in besonderen Fällen und tagsüber in der Besenkammer.…

Nicht eingerahmt

nicht dramatisiert nicht erzählt nicht. Keine Chöre keine Helden keine Sterbenden keine Verlässlichkeit keine Flüge nach Aras keine Tage in Clichy keine Schreie keine Träume keine Lacher keine Konflikte keine Wende keine Wandlung keine Besserung keine. Kein wildes Aufbäumen kein…

Dieser Frühling

und dieser und dieser Frühling oder: ein Fisch, ein Fisch ohne Augen, aber jetzt: im Sommer, als die Vögel von überall her kleine Teile zusammentragen und bauen … Nester nicht, keine Nester, kleine Maschinen ohne Flügel, doch redend wie der,…

Rot. Roter Sand auf dem Weg.

Der sandige Gehweg ist rot. Eine Bank und ein Vogel. Ein Vogel und eine Bank. Der Vogel war tot. Das Blut überm rechten Auge war schwarz oder rot? Oder saß einer im Sand oder über den Vogel gebeugt auf der…

Dabei vergeht eine ganze Zeit:

Gesehenes zu erinnern und Gehörtes, Worte zu finden für den schwer erlernten Gebrauch von Sätzen, von Beziehungen unter Wörtern und Sätzen. Dabei vergeht eine ganze Weile, die ganze Dauer von Augenblicken. Wie lange ist ein Auge ruhig und was geschieht,…