Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

21. Juni 2017
Von

Kein Mensch verdient, dafür geehrt zu werden, dass er lebt.

Jean-Paul Sartre

Nur zwei harte Währungen kennt der deutsche Literaturbetrieb. Die eine ist: Geld. Die andere heißt: Authentizität. Sie ist wichtiger als Preise, weil man Preise verachten kann, wenn man authentisch ist. Diese Echtheit ist der Grad der Übereinstimmung zwischen einer Tatsache und deren Darstellung und damit erheblich eleganter als Coolness, weil sie niemanden abschreckt. Sie ist aufregender als Präsenz, weil sie jede Gestalt annehmen kann. Und sie ist unzugänglicher als das, was an den Schreibakademien in Hildesheim und Leipzig abgelaicht wird, denn sie erfordert nur sich selbst. Wir stellen in diesem Onlinemagazin keine an Spezialinteressen hängende Leute mit sozialen Defiziten vor, sondern Lyriker, die das Zeug zu einem echten Klassiker bei Lebzeiten haben. Es ist der redaktionelle Auftrag von KUNO Schlaglichter auf die Szene jenseits des Hipness-Radars zu werfen.

Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.

Romain Gary

Im deutschsprachigen Raum wird an jedem Tag mindestens ein Literaturpreis verliehen. Auszeichnungen und Preise ähneln – Billy Wilder zufolge – Hämorrhoiden, „früher oder später bekommt sie jedes Arschloch.“ Und in den weitaus meisten Fällen sind es die Jurys, die sich für ihren Geschmack auszeichnen. Im Rheinland beruft man sich dagegen auf die lässige Tradition von Christian Dietrich Grabbe und stellt den komödiantischen Widerpart zu einem Literaturbetrieb dar, der über wenig Selbstironie verfügt. Im Jahr 2001 wurde mit dem Hungertuch vom rheinischen Kunstförderer Ulrich Peters ein Künstlerpreis gestiftet, der sich auf den Katholizismus beruft. Der sogenannte Nahbellpreis wurde bereits ein Jahr zuvor lanciert vom unermüdlichen Organisator, Photographen und Lyrik-Performer Tom de Toys, es ist ein Kofferwort, das die Begriffe Nähe, Gebell und Nabel mit sich trägt.

Lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz

Die Gefahr für die Entscheidungsfreiheit der Literaturinteressierten und ihrem kulturellen Horizont wird durch die Bildung von Filterblasen behindert, in denen Leser nur noch konsumieren, was das Feuilleton ihnen vorschreibt und sie nie mit wirklich Neuem konfrontiert werden. Der Nahbellpreis würdigt: „Lebenswerke und öffentliches Engagement von Poeten, die ansonsten in Vergessenheit zu geraten drohen oder im laufenden Literaturbetrieb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten“. Gemäß dem Urkundentext sind lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz ausschlaggebend, um Interesse zu wecken. Bisherige Preisträger sind u.a. die Fragmenttexterin Angelika Janz, die „Rampensau“ Stan Lafleur und HEL, der Archäologe des analogen Alltags. Diese Autoren haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.

Diese Dichtergeneration ist nicht bereit, hinter die Standards einer kritischen Sprachbehandlung und also Wirklichkeitsauffassung zurückzufallen.

Thomas Kling

Aufrecht und aufrichtig beschreiben Nahbell-Preisträger wie Kai Pohl und Clemens Schittko eine Welt, die von Vereinzelungstendenz, Krieg, Armut, Ignoranz der herrschenden Klasse und Artensterben bestimmt ist. Hadayatullah Hübsch durchstreifte mit spähendem Jägerblick erbarmungslos die Städte, als wären sie die Wildnis. Es handelt sich bei den Veröffentlichungen nahezu aller Nahbell-Preisträger um eine hoch kognitive Poetik, die urbane Alltagserfahrung destilliert, auf Gelassenheit heruntergeschaltet und zuweilen das Gezeigte staubtrocken vorträgt. Der Nahbellpreis wird seit dem Jahre 2000 alljährlich am 21. Juni als alternativer Lyrik-Nobelpreis verliehen und ist mit 10 Millionen Euro der höchstdotierte Literaturpreis. Das Preisgeld konnte allerdings bis heute mangels Sponsoren noch nicht ausgeschüttet werden.

Solidarität der Solitäre

Beide rheinische Anerkennungen belegen die Tradition von Christian Dietrich Grabbe, daß es im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg gibt. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen.

 

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Weiterführend →

KUNO verlinkt auf die Befragung des aktuellen Nahbellpreisträgers, dem VerDichter A.J. Weigoni, durch von Tom de Toys.

Ausgezeichnt für: Der Schuber, Werkausgabe der sämtlichen Gedichte von A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Mülheim 2017

Weigoni-Porträt von Leonard Billecke

Die fünf Gedichtbände erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo Hieronymus eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von A.J. Weigoni gestanzt. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind „Gebrauchsspuren“ geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken.

Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich.

WeiterführendMehr zur handwerklichen Verfertigung auf vordenker. Eine Würdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Weiß findet sich auf kultura-extra. Margeratha Schnarhelt ergründelt auf fixpoetry die sinnfällige Werkausgabe. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters. Einen Artikel über das akutische Œuvre,  mit den Hörspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom Täger – last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt.

Hörbproben → Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.

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Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Trans

Twitteratur

Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Edition Das Labor

Ausführliche Informationen finden sich hier.