Schwarzbuch · Revisited

16. Februar 2016
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Unserer Gegenwart ist die Zukunft abhanden gekommen. Die von der Technologie überwachten Menschen sind bis auf wenige Ausnahmen zum bloßen Konsumenten degradiert. Poesie zählt zu den wichtigsten identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung. Es geht auf den Kulturnotizen (KUNO) um die Frage der poetischen Produktion. Es entstehen neue Textformen, mit denen die Gesellschaft sich von sich selbst erzählt: Soziale Poetik, Sound–Poetik und Social Reading. Geht das Verständnis für die Kulturleistung Poesie verloren, zerfällt Gemeinschaft buchstäblich aufgrund von mangelndem Verständnis. Hans Magnus Enzensberger hat sich einst kundig gemacht und die Leser gezählt. In seinem Essay „Meldungen vom lyrischen Betrieb“, abgedruckt in dem Band ZICKZACK, hat er das Ergebnis der vorgestellt:

Die Zahl von Lesern, die einen neuen, einigermaßen anspruchsvollen Gedichtband in die Hand nehmen, lässt sich empirisch ziemlich genau bestimmen. Sie liegt bei ±1354.

Die Anfänge einer Gegenreaktion sind mit dem Schwarzbuch der Lyrik 2016 sichtbar. Das sogenannte „Jahrbuch der Lyrik“ ist der ferne Gegenpol in einer Diskussion, in der sich viele einig, vielleicht manchmal allzu einig sind. „Alle großen Gedichte haben den Wert von Dokumenten. In ihnen ist die Sprechweise des Verfassers enthalten, eines wichtigen Menschen. Aber eine neue Kunst wird endlich ihren Gebrauchswert nennen und angeben müssen, wozu sie gebraucht werden will.“, verlangte Bertolt Brecht von Gedichten gesellschaftliche Brauchbarkeit und von Kunst Dokumentarcharakter. Polit-Ästhetische Fragen kommen in der Debatte meist zu kurz. Grund für KUNO sich mit einem Braumeister der Distillery zu unterhalten. Also Butter bei die Fische:

KUNO Hat Lyrik einen Auftrag?

© “lauter niemand”

Clemens Schittko: Da die gesellschaftliche Relevanz von Lyrik nach wie vor gegen Null geht, würde ich sagen: Nein. Doch das finde ich gar nicht so schlecht. So kann man wenigstens „alles“ sagen, ohne befürchten zu müssen, dafür gleich ins Gefängnis zu kommen.

? Was kann sie heute, da alle in den sozialen Netzwerken längst die Hauptrolle ihres eigenen Lebens spielen, leisten?

! Lyrik könnte zum Beispiel das, was in den sozialen Netzwerken läuft, reflektieren. Denn die allermeisten Gedichte sehen leider immer noch so aus wie vor 20, 30 Jahren, so als gäbe es das ganze Posten, Kommentieren, Gefällt-mir-Klicken, Sich-Befreunden etc. einfach nicht.

? Ist stellvertretendes Sprechen noch zulässig?

! Solange es Menschen gibt, die sich nicht trauen, anderen Menschen ganz offen ihre Meinung ins Gesicht zu sagen, ist diese Frage unbedingt zu bejahen.

? Braucht Wirklichkeit eine poetische Form?

! Das kommt darauf an, was man unter Wirklichkeit und Poesie versteht. Für die einen ist Alkoholkonsum Poesie, für die anderen ist es das Spielen eines Computerspiels. Zu sagen, diese Dinge seien per se nicht die Wirklichkeit und nur eine Flucht aus selbiger, ist Quatsch. Wer bestimmt, was zur Wirklichkeit gehört und was nicht?

? Ist Lyrik nicht tatsächlich, schon ihres sagenhaften Alters wegen, ein bisschen altmodisch – jedenfalls für junge Menschen?

! Die musikalische Gattung Lied ist mindestens genauso alt. Insofern dürfte sich heutzutage auch niemand für Popsongs interessieren, deren Songtexte übrigens Lyrik sind. Auch die Sprache der Werbung könnte man durchaus als Lyrik begreifen. Immerhin wird dort sehr selten etwas behauptet, was irgendeiner Wahrheit entspricht. Ich glaube, je mehr der Alltag von Lyrik durchdrungen ist, umso weniger bekommt man mit, dass es so ist.

? Gibt es noch eine Kritik?

! Ja, aber sie kommt heutzutage mehr und mehr als Werbung daher, weil sie meint, so der Lyrik zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen zu können. Allerdings passiert genau das Gegenteil: Je mehr die Kritik eher mittelmäßige Lyrik lobt, umso mehr fühlen sich die Lyriker bestätigt, weiterhin so zu schreiben, wie sie schreiben. Mehr Ehrlichkeit wäre gut. Doch Ehrlichkeit setzt Mut voraus.

? Ist der sogenannte “Artivismus”, der künstlerisch inszenierte politische Aktivismus die Lyrikform, die der Lyrik eine neue Bedeutung und Legitimation verleihen könnte?

! Das hängt in erster Linie von der Gegenseite ab, also inwieweit diese bereit ist, so etwas wie „Artivismus“ zuzulassen, und sei es nur als Provokation, als Skandal. Momentan sehe ich diese Bereitschaft nicht. Gegen Einwände von außen bzw. unten ist man weitgehend immun. Wo die Gelder insgesamt immer knapper werden, klammert man sich nur noch mehr an seine eigene kleine Position.

 

Weiterführend →

Auch Bertram Reinecke hat sich dieses Themas angenommen. Lesen Sie seine Replik. Und nachdem das Jahrbuch der Lyrik 2015 für Furore gesorgt hatte, vor allem deshalb, weil „sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht [darin] findet“ (Heike Kunert in der ZEIT), schien es geboten, ein Druckwerk vorzulegen, das die Vielfalt der Lyrik in einer brisanten Gegenwart anschaulich macht. Herausgekommen ist das Schwarzbuch der Lyrik 2016 mit dem Titel Fünfzigtausend Anschläge.

Das Schwarzbuch ist sehr schön geworden, könnte einschlagen, ein Hit werden.

        Joachim Wendel

Fünfzigtausend Anschläge, Schwarzbuch der Lyrik 2016, Herausgegeben von der Epidemie der Künste zu Berlin am See. Erscheint im Verlag Distillery, Berlin

60 Gedichte von 39 Schreibenden. Mit einer Titelgrafik von Joerg Waehner und einem Motto von Christine Sohn.

Gedichte von Gerd Adloff, Michael Arenz, Christoph Bruckner, Ann Cotten, Gerald Fiebig, Lütfiye Güzel, Jonis Hartmann, Katrin Heinau, Katja Horn, Lilly Jäckl, Angelika Janz, Alexander Krohn, Jan Kuhlbrodt, Gregor Kunz, Robert Mießner, Pega Mund, Niklas L. Niskate, Hermann Jan Ooster, Bert Papenfuß, Martin Piekar, Kai Pohl, Jannis Poptrandov, Bertram Reinecke, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Jürgen Schneider, Kristin Schulz, Christine Sohn, Michael Spyra, Lutz Steinbrück, Brigitte Struzyk, Su Tiqqun, HEL Toussaint, Tom de Toys, Joerg Waehner, A. J. Weigoni, Ralf S. Werder, Sebastian Wippermann.

Mit ergänzenden Beiträgen zur Entstehung des Schwarzbuchs. Weitere Zitate von Theo Breuer, Peter Engel, David Hoffmann, Eric Ahrens, Herbert Hindringer, Lukas Palamar, Sofie Lichtenstein und Markus Prem. Mit Klappentexten von Marina Büttner und Christoph Bruckner sowie einem Einbandzitat von André Hatting. Grußworte von Hans Magnus Enzensberger, Cindy aus Marzahn, Marcel Reich-Ranicki, Michael Braun und Johann Wolfgang von Goethe.

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