Neue Heimat … lieber besser leben.

Wie gelingt einem ein angenehmes, gut situiertes und respektables Erwachsenendasein, ohne dass man tot, gedankenlos und tagein, tagaus ein Sklave des eigenen Kopfes und der angeborenen Standardeinstellung wird, die vorgibt, dass man vor allem total auf sich allein gestellt ist?

David Foster Wallace

Das Leben im Rheinland ist eine unhaltbare Sache, die Menschen erleben eine diffus distanzierte Fassungslosigkeit angesichts der Eigendynamik von Biografie, die sich selbstbewusster Lebensplanung entzieht. Lokalhelden definiert den geschmähten Begriff ´Heimatroman` neu. Heimat ist keine abstrakte Idee, nichts Verklärtes, keine Postkitschkarte, sondern ein gelebtes Gefühl. Es ist das Gefühl, dort bleiben zu wollen, wo man glücklich gewesen ist. Weigoni liebt das Rheinland, deshalb ist sein Roman Lokalhelden auch ein Heimatroman. Er beschreibt den Topos des Nichtorts als Sehnsuchtsort: Das Rheinland! Die Bonner Republik erscheint hier als eine in die Jahre gekommene BRD, eine angeschmutzte Provinz. Diese Region endet an den Rändern der rheinischen Bucht, über die der Roman weißt jedoch weit hinausweist, er erinnert an den vergessenen Zusammenhang von Leichtigkeit und Freiheit in einem untergegangenen „Westdeutschland“. Die meisten Rheinländer zeigen sich unentschlossen, ihre Stimmungslage schwankt zwischen Resignation und Aufruhr. Die untergehende Bonner Republik ist eine Melange aus Erinnerungsfetzen, Klang-, Gefühls- und Geruchsempfindungen, theoretischen Exkursen, obszönen Beschreibungen und Todeserwartung. Abseits der Einflüsterungen des Zeitgeistes folgt Weigoni, das Ich als Anderer dekonstuierend, dem eigenen ästhetischen Wollen.

Woanders weisst du selbst, wer du bist. Hier wissen es die anderen: Das ist Heimat.

Frank Goosen

Das Reinland scheint bevölkert von traumatisierten, psychisch überforderten Existenzen. Die Werte der Demokratie bröckeln, die Frage ist, ob die Verhältnisse stabil genug sind, das auszuhalten. Weigonis Romane operieren konsequent von den Randzonen aus, das Rheinland erscheint darin als eine dystopische Provinz, in zeichenhaften Details erfaßt, wuchernde Einzelheiten dominieren und flankieren die Perspektive der Figuren. Scheinbare Hauptsachen unterscheiden sich nicht von unscheinbaren Nebensachen. Jegliche übergreifende Orientierung wird torpediert. Das geschieht auch in der Art, wie sich Fragmente der Erinnerung übergangslos in Gegenwartsmomente drängen. Wir können noch einmal in die untergehende Bonner Republik schauen, in all ihre Widersprüche, der Selbstgerechtigkeit, Hässlichkeit, Grauenhaftigkeit und größenwahnsinnigen Kleingeistigkeit. Nach dem im ersten Roman Angeschlossenes Sammelgebiet thematisierten Mauerfall lockerten sich die streng geschlossenen Nationengrenzen, zumindest kulturell. In der Literatur gingen Echoräume auf zu fremden Idiomen, in Sprachen von Freund und Feind.

Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt der Rhein anders zu.

Rheinisches Sprichwort

So leise und sacht wie dieser Romancier seinen Text entfaltet, so bestechend authentisch formuliert er seine Gedankenflüsse. Es dürfte schwer sein, einen anderen Autor zu finden, bei dem reine Fabulierlust und unbedingter Formwille zu einer so eigentümlichen Synthese verschmelzen. Das schreibende Ich lässt sich seine Sprache nicht nehmen. Es ist Weigonis Vermögen, in wenigen Andeutungen die Ordnung von Raum und Zeit nachhaltig ins Wanken zu bringen – und mit solchen Verstörungen der Sinne ein poetisches Bild zu schaffen für die brüchige Existenz und die Unbehaustheit. Weigoni demonstriert, wie die Erzählung der Rheinländer aus dem Erzählten ausbricht. Es gibt im Roman keine Hauptfigur, keinen Protagonisten, keine Identifikationsfigur. Dies ist ungewöhnlich. Alle Figuren werden in ihrem Textanteil gleichberechtigt in ihren Mängeln und negativen Seiten geschildert und in ihrem Unvermögen, die Katastrophe zu verhindern. Mehr als Raum-Zeit-Ordnungen interessieren Weigoni Beziehungsfelder und Aggregatszustände, sein Roman ist ein minuziöses Protokoll einer von Wahrnehmung und Wirklichkeit, Bewusstsein und Gewißheit, Erinnerung und Geschichte. Die Lebensgeschichten im Rheinland über halbfertige Leben fransen an zu vielen Enden aus.

Heimat ist nicht gleich Landschaft, aber ohne Landschaft keine Heimat.

In einer Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik tritt dieser Romancier  ganz hinter seine Figuren zurück, seine Gabe der Stimmenimitation ist furios. Mit den Lokalhelden erforscht er die Mythologie des Rheinland, die fiktive, phantasmagorische zweite Haut, die über der Haut des Realen flimmert. Das physische Rheinland, das Weigoni beschreibt, ist durch die Globalisierung verloren gegangen, das macht das gespensterhafte Überdauern dieser Geografie nur umso unheimlicher. Das Buch ist eine herrliche Miscellanea, in welchem Kapitel immer man blättert, liest man sich gleich fest. Dieses literarische Gemisch ist bei aller Vielschichtigkeit trotzdem relativ gut lesbar. Allerdings hat man zwischendurch immer wieder den Eindruck von verloren gegangenen Handlungssträngen, Figuren, die nicht mehr auftauchen und kleinen Geschichten, deren Ende man niemals erfahren wird. Weigoni verbindet intelligente Gesellschaftsanalyse mit persönlichen Geschichten und entwirft ein Szenario, in dem die Widersacher schicksalhaft miteinander verbunden sind. Das ist nicht nur erhellend, sondern auch unterhaltsam. Es werden zahlreiche Stile, Erzählstränge und Perspektiven miteinander verknotet, gegenseitig gespiegelt und zu konterkariert. Diese Lokalhelden mischen sich tief in die Wirklichkeit des Leserlebens. Das Rheinland ist ein Labyrinth in dem sich jeder auskennt. Dieser Roman ist ein zeitkritisches Sittengemälde. Das Gesehene entstammt dem Alltag, zeigt ihn anders als gewohnt, während die Texte die Bilder durch Verweise auf Historie, Literatur oder Erlebnisse unterfüttern. In einem breit angelegten Wimmelbild erzählt Weigoni diese Wegmarken nicht chronologisch, sondern eher archäologisch.

Evolution der rheinischen Moral

Ihr kritisches Potential entfaltet diese Prosa überwiegend im Verborgenen, wo subtil Vorurteile, Rollenklischees und überkommene Erziehungsmassnahmen anklingen. Hier verknüpfen sich die unterschiedlichsten Elemente: Historie, philosophische und literarische Anspielungen sowie unzählige Zeichen und Rätsel. Obzwar im Rheinland aufgewachsen ist es Weigoni nie gelungen, die Landeshauptstadt des Bindestrichlandes als ’seine Stadt‘ zu empfinden, daher vermeidet er in seiner polyphonen Konstruktion jede Pathologisierung dieses Typus, denn mit Soziophobie hat das nichts zu tun. In diesem Roman beweist er ein ungemein scharfes Gespür im Aufdecken und pointierten Verbalisieren der rheinischen Überheblichkeit, seine Schmähungen treffen so pointiert, daß man ihn zu seiner Zielsicherheit beglückwünschen möchte. Lokalhelden ist der raffinierte Versuch einer Annäherung an die Möglichkeit, geschichtliche Wahrheit zu beschreiben und zugleich die Verweigerung eines literarischen Textes gegenüber einer Verpflichtung zum rein Faktischen. Statt der Eindeutigkeit wählt dieser Romancier die Poesie. Er holt sie nicht aus Stimmungen, sondern aus dem geduldigen Entfalten von Widersprüchen, er präsentiert mit den Lokalhelden perforierte Literatur, die Fiktion dokumentiert ihre Herstellung, die Wirklichkeit ihre Fiktionalisierung. Man kann dies als Toleranzedikt begreifen, das freilich das Fremde nicht durch Assimilation und Eingemeindung gewinnen will, sondern umgekehrt durch klare Differenzierung, und das heißt, durch Anerkennung der Andersheit des Fremden. Ihre Existenz ist eine Lebensvermeidungsmaßname. Die Rheinländer sind zu Lebzeiten Hinterbliebene, dieser Roman ist ein berührendes Dokument des Standhaltens gegenüber dem unbarmherzigsten Autor, der uns alle richtet: der Zeit. Nach der Welt und dem Ich, nach dem Text und dem Bild nun die Beziehung. Das Dazwischen. Welt ist im Rheinland alles, was Dazwischen ist.

 

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Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Weiterführend → Lesenswert auch das Nachwort von Peter Meilchen sowie eine bundesdeutsche Sondierung von Enrik Lauer. Ein Lektoratsgutachten von Holger Benkel und ein Blick in das Pre-Master von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert Hintergrundmaterial. Ein Kollegengespräch mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein Recherchematerial ausbreitet. Constanze Schmidt über die Ethnographie des Rheinlands. René Desor mit einer Außensicht auf die untergegangene Bonner Republik. Jo Weiß über den Nachschlüsselroman. Margaretha Schnarhelt über die kulturelle Polyphonie des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen Heimatroman der tiefsinnigeren Art. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs Rezensionsessay.