Vorspiel zum Tod

 

Als Angelina wieder einmal auf eine kulturelle Selbstbestätigung angewiesen ist, geht sie allein ins Theater. Da ihr die Zeit wegläuft, muss sie sich mit einer Droschke transportieren lassen.

»Ins Theater wollen Sie?«, erkundigt sich der an Travis Bickle erinnernde Taxifahrer mit Leidensmiene. »Wenn ich Andacht will, geh‘ ich in die Kirche. Wenn ich Schönheit will, geh‘ ich in den Wald. Ich hab‘ einen Haushalt mit zwei Frauen. Da brauch‘ ich kein Theater.«

Angelina schenkt dem Vorstadtmacho statt des Trinkgelds die Andeutung eines süss–sauren Lächelns, öffnet die Tür selbst und schreitet über den zugigen Platz.

 Auf dem Spielplan steht das Stück eines furchteinflössenden Jungdramatikers, der in der Hitparadenkultur die vorderen Plätze belegt und über den sich deshalb sämtliche Feuilletonisten in den höchsten Tönen geäussert haben. So ist Angelina auch nicht erstaunt über die Menschenschlange, die sich vor dem Kassenhäuschen gebildet hat. Selbst Vorbestellte werden nicht bevorzugt behandelt.

Kulturverliebter Geldadel in gedeckter Designerware. Ohnegleichen, wie sich Damen in schulterfreien Roben bei der Wagenauffahrt aus den Ledersitzen schälen und dabei manieriert die Hälse verdrehen. Das Hysterisch–Hochhackige bei den Damen trifft auf das Viril–Hochgetunte bei den Herren. Rüschenärmel, Goldknautsch und rückenfreie Bikini–Striemen spiegeln hier die Verlegenheit eines Menschen, der sich gut kleiden will – und dabei realisiert, dass er hierfür kaum noch über Massstäbe und Erfahrung verfügt. Lernfähige Abonnenten legen bereits Pelz und Zylinder an der Garderobe ab. Schlürfen zur Einstimmung an langstieligen Champagnergläsern. Verzehren die obligaten Austern und überlegen sich, wo sie anschliessend noch einen netten Abend verbringen wollen. Ein Altpunk knutscht seine Metallbraut. Sie lässt ob der Heftigkeit seiner Umarmung ihre Bierdose fallen. Der Gerstensaft benetzt den Mamorboden. Die Anstehenden übersehen die Pfütze geflissentlich und stellen sich im Halbkreis drumherum. Man weiss nicht genau, ob das nicht schon zum Vorspiel des Stücks gehört, legt deshalb Liberalität und multikulturelle Toleranz an den Tag und ist stolz auf dieses Feigenblatt. Es wird immer Menschen geben, die anderen Menschen dabei zuschauen wollen, wie sie direkt vor ihren Augen eine Geschichte durchschreiten. Die spucken, schwitzen, riechen und nur das sein wollen, was sie sind: Menschen in Verkleidung. Leidenschaft und Beherrschtheit, zwei Seelen, eine Sehnsucht und das Theater als begehbare Aufklapp–Version der Bürger–Widersprüche.

Operettenhafte Selbstdarstellungsrituale. Neben Angelina platzt ein Gebissträger voll Besitzerstolz aus den Smokingknopflöchern. Für Männer seines Alters ist eine junge Frau eher eine Art Accessoire als ein Mensch. Sie denken, es lässt sie attraktiver aussehen. Er unterhält eine Blondine mit aufgepolstertem Dekolleté mittels der wortgetreuen Kopie der ansässigen Tageszeitung und unterlässt es dabei nicht, seine eigenen metaphysischen Kommentare abzugeben. Mit seinem penetranten Organ beschallt der Rezeptionskrüppel die ganze Eingangshalle. Das Artgroupie hält ihre Scheinwerfer an Daddy Dandys Lippen geheftet, als würde über diese Wülste die Milch der Weisheit fliessen. Hinter diesem Pärchen steht ein langhaariger Altlinker mit Parka, der sich angewidert eine Zigarette dreht. Er bittet den Blaubart um Feuer und bläst ihm den Rauch ins Gesicht.

Achsensprung. Der Weg zur Hochkultur beträgt nun noch eine Etage. Sie nimmt die Stufen geschwind. Stösst dabei fast mit ihrem Verströmten zusammen. Ignoriert ihn mit Gratisverachtung. Weist sich beim Personal mit der Eintrittskarte aus. Das stumpfe Braunrot der Säulen findet sich bei den Sitzen des Saals wieder, während die holzgetäfelten Wände der drei umlaufenden Balkone eine Spur mehr gelblich getönt sind. Gewellte Vorhänge über dem obersten Balkon und über dem Leuchter in Form eines überdimensionierten Heiligenscheins verstärken den Gesamteindruck. Sie gleitet in den Sessel. Sinkt in den Plüsch ein.

Rückblende. Angelina schliesst die Augen und lässt mit ihrer Suchmaschine den Film des vergangenen Tages Revue passieren, ohne sich darüber klar zu werden, welche Szene sie eigentlich herbeisehnt… kommt nicht drauf und hebt sich die Beantwortung der Fragen für ihre nächste Sitzung bei der Analytikerin auf.

Szenenwechsel. Der Saal wird abgedunkelt. Der Vorhang tut wie ihm geheissen. Angelina zieht die Lider hoch. War sie schon von Florin auf einen sehr existentialistischen Beginn hingewiesen worden, so huscht ihr beim Anblick dieser zerlumpten Gestalt, die sich, sitzend auf einem Stuhl, der zugleich das einzige Requisit auf der riesigen Bühne darstellt, in vertikaler Weise einen Revolver an die Schläfe hält, ein spöttisches Lächeln über ihre Mundwinkel.

»Guten Abend allerseits. Ich erschiesse mich jetzt… sie fänden das merkwürdig? Weil das Stück so beendet, der Vorhang in seine ursprüngliche Form zurückfallen und Sie dann das Theater umgehen verlassen müssten… Die veröffentlichte Meinung fände diese Form sicher sehr avantgardistisch…«, an dieser Stelle stoppt er mit gekonnter Kunstpause. Das ist lustvolle Schauspielkunst–Vorzeigekunst, legitimiert durch einen selbstironischen Schalk.

Kommunikationsguerilla. Die Regie lebt nie vom Regieeinfall, sondern von der Behauptung, der Schauspieler erschafft vor unseren Augen jenen Moment, aus dem das Wort, der Gedanke, der Ausdruck entspringt. Udo Gruber zu sehen ist ein Vergnügen. Selbst wenn er Texte exekutiert, macht er das charmanter als andere. Sein Schauspielerschweiss fliesst und spritzt, manchmal erkaltet er auf einem angststarren Gesicht. Ein Underdog mit Clownsgesicht wird geschlagen und getreten, trotzdem hält er den blutigen Kopf mit letzter Kraft aufrecht. Die Bestie Mensch gibt die Hoffnung nicht auf, es könnte einmal besser werden. Möglicherweise ist dieser unbeugsame Funke eine unter viel Grausamkeit, Leid und Idiotie verborgene letzte Spur des Göttlichen.

Diese Inszenierung bekommt Spannkraft, weil sie Konflikte nicht ausmoderiert. Das Stück ist eine eine logisch–semantische Massenkarambolage, eine Interpretationsmaschine, zu der lauter verschiedene Gebrauchsanweisungen herumliegen. Nützliche, schöne, sogar gefährliche. Man muss Handlungssplitter selbst zusammenfügen und kann nie sicher sein, ob das Ergebnis stimmt. Was aussieht wie Theater, ist eine Versuchsanordnung zum Thema: Handeln lernen.

Produktives Rumhängen. Räume für biographische Schattenspiele. Keine grell beleuchtete Exzentrik der Leidenschaften wird vorgeführt, sondern eine Intensität der Gefühle, mit stilistischer Souveränität herbeigezaubert. Die Brüche in den Sprachebenen erzeugen das Zwiegespräch. Echt ist der Bühnenmensch durch die Wahrhaftigkeit der Gefühle, in der er all seine Künstlichkeit erdet. Metaphysischer Schüttelfrost, getarnt als Lachkrampf. Udo Gruber hat das Stück so akkurat und durchsichtig beatmet, als sei es heute schon ein Klassiker.

Das Stück wirkt am Premierenabend wie eine jener urbanen Locations, wo sich die intellektuell getönte Jeunesse dorée gern die Zeit vertreibt. Jedes Wort, jede Geste wirkt wie pure Selbstverständlichkeit. Gruber vergewissert sich mit jedem Wort seines Lebens. Er ist ein Namenloser, der viele Identitäten hat, er erklärt sich, und nie ist klar, ob nicht alles ein Gaukelspiel ist. Wer als Typ nicht für voll genommen werden will, der muss den Mund voll nehmen, und er muss doppelt so laut schreien, wenn er mit der Hypothek einer proletarischen Herkunft belastet ist. Bei ihm bricht die proletarische Rotzigkeit und Vitalität durch. Das Spiel ohne Pause zwischen den Akten hat ihn sichtlich mitgenommen. Er bewegt sich im Zustand höchstmöglicher Verzerrung an den Grenzen des Irrsinns. Kein Schaum vor dem Mund. Kein Gliedergezappel, kein exhibitionistisches Gebrülle oder Gestammel. Ein verzweifeltes Aufbegehren wider die Konventionen mit Hilfe möglichst krasser Tabuverletzungen landet zwangsläufig in der Konvention des Unkonventionellen. Das Publikum lacht und weint an dieser Stelle. Lacht, weil es weinen möchte, und weint, weil es tatsächlich zum Lachen ist: so viel Verkrampfung im eigenen Schmerz. Je mehr sich das Publikum der Aufgabe enthoben sieht, einen Charakter zu entziffern, je mehr sie ihn sowohl im Voraus, als auch im Rückgriff auf die Tradition verstehen, desto machtvoller entfaltet sich in uns das Wissen um die Unausweichlichkeit des Schicksals. Es hätte nicht anders kommen können, sagen sie sich, und das verleiht diesem Stück Film das Gepräge einer attischen Tragödie.

Recherche theatrale. Angelina nimmt wahr, wie die Körpergenauigkeit des Protagonisten die Genauigkeit der Sprachwahrnehmung fördert. Nachdem der Sprachwitz mit dem dramaturgischen Seziermesser herausziseliert wurde, geht der Protagonist mit schelmischem Kichern ab. Dabei verliert sich die Distanz, aber man muss bei dieser Arbeit mit Scham umgehen können. Zur einen Hälfte Clown, zur anderen Hälfte Albtraumgnom, zeigt der Bühnenkünstler, dass Liebenswürdigkeit und Grausamkeit miteinander vereinbar sind und dass eine Ratte, selbst wenn sie gelernt hat, Männchen zu machen, doch immer eine Ratte bleibt. Der Akteur wirft einen letzten Blick in die Innereien des Weltgekröses. Begibt sich mit schlurfendem Gang an die Grenze des Verstummens. Sein Selbsttötungsinstrument lässt er provokativ auf dem Stuhl liegen.

Showdown mit fragmentierter Bewegungssprache. Verweigerungstheater, das Anti–Unterhaltung aus Überzeugung betreibt und letztendlich Depression und Langeweile zum Ziel hat. Zu Unrecht vermutet der Regisseur, im Skandalösen liege auch das ästhetisch Fortschrittliche – diese Verbindung hat in der klassischen Moderne existiert, längst gehören auch die wildesten expressionistischen Ausbrüche in den Grundbestand der ästhetischen Konvention. Wahrscheinlich ist der Bühnenarbeiter eingeschlafen. Die Scheinwerfer leuchten die kahle Bühne sinnlos aus. Das Bild dient zur Illustration eines Gemeinplatzes, als wäre dieser eine Entdeckung. Der Vorhang will nicht fallen. Die Handlung ist nichts, nur das Handeln zählt. Es bleibt eine Aufführung, in der viel geredet und ungeheuer viel gespielt wird. Unter Verbrauch von viel Schweiss wird aus dem Material ein bisschen Katharsis herausgestampft. Ein Sehnsuchtssymbol für den vergeblichen Drang nach Zuneigung und Liebe. Letzte Überreste menschlicher Wärme sind getilgt. Das Theater hat die Gewissheiten des Körpers verloren, seine Oberflächen aufgebrochen und sucht panisch nach Resten von Naturwahrheit.

Angelina nutzt diese Atempause, um als zweite den Allgemeinplatz zu verlassen. Müdes Abklatschen begleitet sie zum Ausgang. Im traditionellen Sprechtheater hat der Schauspieler den Traum vom Individuum zu erfüllen. Es schmerzt ihr Dasein, weil sie intelligenter ist als die anderen, ganz altmodisch integer. Die funktionale Gesellschaft, in die sie hineinscheitert, ist zugleich eine theatralische, worin die Menschen, indem sie sich jeweils situativ anpassen, wie Schauspieler agieren, dabei eins mit ihren Rollen und Masken werden, die sie je nach Gelegenheit wechseln, und Begeisterung, Empörung, Interesse oder Betroffenheit spielen, wo dies erwartet wird. Diese Menschen brauchen eine vorstellbare Figur, um das Unglück, das ihnen widerfährt, einordnen zu können. Die Gefühle ihrer Mitmenschen sind verwahrlost, ihre Versuche, dagegen anzukämpfen, gescheitert. Sie müssen sich selbst Schmerzen zufügen, um überhaupt noch etwas zu spüren.

Traditionsgläubigkeit von Kulturverwesern. Hüstelndes Bildungsgelächter entweicht der Staublunge, es macht sich hysterische Heiterkeit beim enervierten Publikum breit und doch nehmen die Besucher das Gefühl mit, dass sie ein bisschen klüger geworden sind, dass sie einen kulturell wertvollen Abend verbracht haben, dass sie ein Teil von diesem grossen Projekt waren, das manche Bildung nennen. Es sind treue Menschen. Treu den politischen Ideen, den Vorlieben und den Mitstreitern aus früheren, besseren Tagen. Das nachlässig gekleidete Abo–Publikum ist peniblen Interpreten der modernen Klassiker immer zugetan. Es erwartet Figuren, die so geschnitzt sind, wie sich jeder Schulfunk–Autor das ausgehende Mittelalter vorstellt. Applaudiert artig und mokiert sich hinterher über die bemühte Modernität der Aufführung. Theater sollte, nach Angelinas Ansicht, von der Selbstbespiegelung lassen, sonst wird es von der eigenen Tradition kannibalisiert. Fort mit den Sprachmasken, Lebendigkeit sollte die Devise lauten. Die mythische Dimension grosser Kunstwerke, ihre museale Unantastbarkeit, ihre Meisterwerkideologie in Frage stellen. Das Prinzip Erkennbarkeit und Nähe befreiend wirken lassen. Das Schauspiel muss das Leben spiegeln, nicht die Kulisse. Theater wäre dann kein Traum oder eine Sehnsucht, sondern die natürliche Vorbedingung des Lebens.

Themenwechsel. Auf der Heimfahrt in der Strassenbahn entdeckt sie zwischen müden Gesichtern ihre liebste Lieblingsfreundin Charlotte. Sie erzählt aufgeregt von einem trümmrigen Trash–Movie, das sie an diesem Abend gesehen hat. Ein melancholischer Polizei–Kommissar verbirgt seine auratische Einsamkeit hinter einer Sonnenbrille und setzt seine physische Geschmeidigkeit in reine kinetische Energie um. Der Körper als Gefäss und Projektil. Mit einem Zahnstocher im Mund erledigt er seine Gegner beidhändig im Laufen, im Fliegen, im Fallen. Der Film handelt weniger von der Konzentration und Reaktion, Geschicklichkeit, der Verhältnismässigkeit von Schnelligkeit und die Hundertstelsekunden zwischen Leben und Tod. Der Regisseur hat das Gefühl für die Schönheit und den Rhythmus der Action. Wie bei einem Musical hat er die Bewegungen genau so gefilmt, wie er es sich ausgedacht hat. Die Schwerkraft scheint in diesem Ballistikballett aufgehoben. Charlottes guter Geschmack besteht darin, sich einen schlechten zu leisten.

Angelina hat darüber eine Hymne im ansässigen Käseblatt gelesen. Da sie ein von Zwängen des Narrativen befreites Kinos bevorzugt, nimmt sie sich vor, beim nächsten Anfall kultureller Selbstbestätigung ins Kino zu gehen.

 

 

***

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Coverphoto: Anja Roth

Weiterfühend →

KUNO übernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus Neue Rheinische Zeitung und von Jo Weiß von fixpoetry. Enrik Lauer stellt den Band unter Kanonverdacht. Betty Davis sieht darin die Gegenwartslage der Literatur, Margaretha Schnarhelt kennt den Ausgangspunkt und Constanze Schmidt erkennt literarische Polaroids. Holger Benkel beobachtet Kleine Dämonen auf Tour. Ein Essay über Unlust am Leben, Angst vor’m Tod. Für Jesko Hagen bleiben die Untoten lebendig.