Versuch der Selbstbewahrung

Vom Theater in Temeswar kommend, verstand sich die vielseitige Künstlerin Ioona Rauschan als Spielleiter. Als Alternative zur Zentralgewalt des Regisseurs hat sie verschiedene Ansätze entwickelt und bei dem Stück Señora Nada gemeinsam mit der Sprecherin, dem Klangkomponisten und den Autor umgesetzt. KUNO will sie daher nicht darauf reduzieren, eine Regisseurin zu sein:

Filmemachen ist mein Brotberuf, Gestaltung meiner Denkweise, Literatur mein intimstes Dasein. Ich möchte mich durch das, was ich geschrieben habe, irgendwann definieren lassen können. Nun ist das Internet eine virtuelle Babelbibliothek, eine – zugegeben – kuriose, unerwartete Abwandlung der Borgesschen Vision. Für Borges war Literatur ein unendlicher Fluss und Schriftsteller die anonymen Quellen, die diesen ständig ernähren.

Ioona Rauschan (1955 – 2010)

Mit der Ortlosigkeit ist die Bewegung als allein lebendiger und Leben zeigender Vorgang verbunden, diese belegte KUNO mit dem Monodram Unbehaust. Die bewußte Zerlegung der Sprache und Denkgesetze verbindet auch in Señora Nada zugleich Assoziationskraft und Musikalität, die ihre Entstehung einem hörbaren Denk- und Willensakt verdanken, dem Prinzip der Collage der Bewußtseinsebenen. Dieses Collagieren durchstößt den natürlichen Zusammenhang der Dinge und der Sprache und erschafft gerade dadurch ein Reich der Töne, Träume und Mythen. Der Bewußtseinsstrom von Erinnerungen befähigt die Sprecherin Marina Rother, Wirklichkeit zu transzendieren und eine von ihr losgelöste, absolute Welt der Imagination zu schaffen. In den zusammenhanglosen, kontrastiven Bildern wird die Grundspannung von Leben und Geist, Natur und Kunst, Realität und Imagination wirksam.

Señora Nada ist ein lyrisches Monodram über das Überwinden von Trauma und Schmerz durch Erkenntnis dank des Eindringens in die unoffenbarte Zwischenwelt. Die Welt zwischen Haben und Sein, zwischen Bestimmung und Freiheit, zwischen Jetzt und Immer.”

Ioona Rauschan, Spielleiterin des Hörspiels

Als ein Höhepunkt des im Schuber enthaltenen Hörbuchs ist sicherlich die Hörspiel-Produktion Señora Nada zu bezeichnen, in vielen Phasen ist es ein literarisches Halluzinogen. Am Anfang steht ein Ton, Geräusche wie von wispernder Brandung, ein Rauschen in ewiger Wiederkehr. Ein Styx scheint Wellen an den Strand zu schlagen. Sanft strandet der Fluss sein Wasser. Das letzte Wasser, der letzte Fluß. Es schält sich mit jeder Minute eine ehrfürchtige Hör-Spiegelung heraus. Sein Denken ist ein wagemutiges Suchen und Tasten nach immer neuen Perspektiven, das keine endgültigen Tatsachen präsentieren will, ein Nachdenken von Ton und Sprache; in diesem Monodram provozieren die Artisten mit einem ‘stream-of-consciousness’ durch Inhalte und nicht durch Dolby-Surround.

Lyrik sollte man hören. Sprechen und Hören von Lyrik erinnert daran, dass es hinter jeder Dichtung zuallererst eine Stimme gibt.

Edgar Selge

Ioona Rauschan, Regisseurin der Nada

Interpreten aller Art sind auf der Suche nach dem Wesen des Menschen – Regisseure, Schauspieler, Instrumentalisten – sind re-kreative, also nachschaffende Künstler im Dienste der kreativ-schöpfenden Autoren und Komponisten. Das ist nicht weniger als die Conditio sine qua non der Kunst. Die Regieseurin Ioona Rauschan hat dies sinnfällig umgesetzt. Ihre Inszenierung ist in ihren Abläufen, Crescendi und Dynamikzyklen so präzise komponiert, daß man von einem Hörspiel sprechen muss, einer  Mundwerkoper. Gesprochene Sprache fungiert als Authentizitätsträger. In ihrer Inszenierung begleitet Täger die Schauspielerin Marina Rother mit einer Musik der befreiten Melodien. Er öffnet mit seinen rhythmischen und melodischen Ideen dem Hörspiel neue Horizonte, in denen die gedanklichen und emotionalen Impulse quasi ihre eigene Dramatik und Form zu definieren scheinen. Seine Komposition zu Señora Nada ist durchsetzt von minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das Klangbild wird von experimentellen Klängen zu Trivialklängen in Bezug gesetzt. Die Vertonung Tägers fügt sie – mit allen Kontrasten von Tempoverläufen, Klangdichten, dynamischen Abstufungen – über die Wortbedeutungen hinweg zu einer einleuchtenden Zyklik. Klänge und Strukturen sind eigenartig: ähnlich und doch immer wieder neu, streng und doch offen. Dem Zuhörer verlangen sie in erster Linie ein gewisses Maß an Geduld ab, die aber auch oft belohnt wird, mit unvergleichlich atmosphärischen Sequenzen, die poetische Dichte und interpretatorische Offenheit auf geradezu beglückende Weise miteinander verbinden. Die Widersprüche der Señora Nada sind Ausdruck einer geistigen Unruhe, die sich mit der herrschenden Wahrheit nicht versöhnen will. Das Zuhören führt an ein Zeitempfinden heran, wie es in dieser Weise selten zu erleben ist. Jedes Kunstwerk erinnert an den Geist und die Erweiterbarkeit des menschlichen Horizonts. Dieses Werk hat das Bewußtsein geöffnet und nicht einfach nur die öffentliche Nachfrage nach Schönheit bedient.

Als ich dieses Hörbuch hörte, war ich schlichtweg begeistert. Bei Hörbüchern und Hörspielen wird oft der Begriff “Kunst” verwendet. Ich rede eher vom “Handwerk”. Als ich Gedichte von A.J. Weigoni lauschte, war für mich sofort klar: Das ist wirkliche Kunst! Dieser Mensch ist ein wahrer Wortakrobat, ein Liebhaber der Sprache, ein Kenner des Mediums. Weit weg vom Mainstream ist Gedichte von Weigoni für Liebhaber der “Sprachkunst” und für intellektuelle Unterhaltung DER Geheimtipp. Solch eine liebevolle Inszenierung hat eine Auszeichnung verdient, deswegen: ‘Beste Lesung’.

Simeon Hrissomallis, Begründung für den Hörspielpreis Ohrkanus

Lyrik als Klanggebilde wird oft vernachlässigt, weil das Schreiben eine lautlose Disziplin ist, eine, mit der man, um buchstäblich Gehör zu finden, sich immer erst ans Notenpult stellen und das Geschriebene mit erhobener Stimme vorlesen muß. Die Performance ist in der Literatur lediglich ein sekundärer Akt, es gibt ein anderes Medium, das deutlich direkter auf das Gehör zielt: das Hörbuch. Das plurimediale Potenzial der Schrift wird erst auf diesem Medium zur Gänze ausgeschöpft. Das Hörbuch Gedichte stellt die Gesamteinspielungen des Lyrikers vor, die zwischen 1995 – 2015 im Tonstudio an der Ruhr  in der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Tom Täger entstanden sind.

 

 

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Señora Nada ist enthalten in: Der Schuber, Werkausgabe der sämtlichen Gedichte von A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Mülheim 2017

Der Schuber wurde handgefertigt von Olaf Grevels (Vorwerk Kartonagen) – Photo: Jesko Hagen

Die fünf Gedichtbände erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo Hieronymus eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von A.J. Weigoni gestanzt hat. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind „Gebrauchsspuren“ geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken.

Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich.

Weiterführend → Mehr zur handwerklichen Verfertigung auf vordenker. Eine Würdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Weiß findet sich auf kultura-extra. Margeratha Schnarhelt ergründelt auf fixpoetry die sinnfällige Werkausgabe. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters. Einen Artikel über das akutische Œuvre,  mit den Hörspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom Täger – last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt.

Hörbproben → Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.

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