Altertumsforscher des gegenwärtigen Abhandenkommens

Poesie ist eine Erkenntniskraft.

Elke Erb

Die uns bekannte Welt besteht ganz wesentlich aus Sprache. Ererbter Sprache. Und nirgendwo drückt sich die Sprache im nachbabylonischen Zeitalter direkter aus, als in Gedichten, dieser heikelsten Gattung im Biotop der literarischen Infrastruktur. Wovon man nicht sprechen kann, darüber lässt sich dichten. Während die Lyrik die Zeit verlangsamt und die Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen in seinen Grenzen lenkt, suchen Gedichte zugleich auch die Gegenwart des umgebenden Kontextes. Dieses Zusammenspiel zwischen Offenheit und Geschlossenheit ist essenziell für die Phänomenologie der Poesie. Den schätzungsweise 50.000 ernsthaft um eigene Lyrik bemühten Autoren stehen circa 500 Leser gegenüber, die einen Lyrikband käuflich auch tatsächlich erwerben, und zwar auch nur den besten eines betreffenden Jahrgangs.

A.J. Weigoni weiß, wie man Dichtung zu Klang macht.

Dr. Tamara Kudrjawzewa

Man kann das Hörbuch Gedichte aber auch als fernes Echo auf Niklas Luhmanns Liebe als Passion hören, als ein Kompositum, das zwischen phonetischen, pictografischen und onomapoetischen Formen oszilliert. Es ist nicht die Dissonanz, die A.J. Weigonis Lyrik auszeichnet, sondern die Kraft, mit der er diese Dissonanz erzeugt. Er ist nicht nur ein Virtuose der Sprache, er ist ein Meister in der Kunst ständiger Metamorphosen – und blieb sich gleichwohl treu ein Leben lang.

Die Weltflucht ist ein populärer Topos in der Literatur. Im lyrischen Monodram Señora Nada beschreibt Weigoni eine Melancholerikerin. In dieser Hörspielfassung paart sich ein trügerischer Naturalismus, listig mit einem Wiedererkennungs– und Verfremdungseffekt. Diese bibliophile Erstausgabe ist leider vergriffen, umso erfreulicher ist es, daß dieses Monodram in einer Hörspiel-Version auf dem Hörbuch Gedichte erhältlich ist (Und jüngst in den Parlandos wieder greifbar ist).

Es gibt in der neueren Literatur nicht viele überzeugende Langgedichte. Das Geheul von Ginsberg, Der Untergang der Titanic von Enzensberger – und es ist nicht übertrieben, wenn man in diesem Zusammenhang auch das lyrische Monodram Señora Nada von A.J. Weigoni erwähnt, vielleicht das faszinierendste deutschsprachige Langgedicht der letzten Jahre.
Axel Kutsch

Bei Señora Nada provoziert Weigoni, mit einem stream–of–consciousness durch Inhalte, und nicht durch Dolby–Surround. Darin wird er von Tom Täger begleitet mit einer Musik der befreiten Melodien. Seine Komposition zu Señora Nada ist durchsetzt mit minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das Klangbild wird von experimentellen Klängen zu Trivialklängen in Bezug gesetzt. Der Poesiebegriff mutiert von der Textgattung zum Klangerlebnis. Dies verdeutlicht auch die Hörspiel-Inszenierung der Regisseurin Ioona Rauschan, ihre Rauschans Deutung ist texttreu, eine Texttreue, die bis zwischen die Zeilen geht. Diese Inszenierung ist so intensiv, man hat den Eindruck, als könnten Worte Wellen schlagen.

Wesentlich dazu trägt die Schauspielerin Marina Rother in der Rolle der Señora Nadabei. Sie interpretiert ihre Rolle so leise, klar und eindringlich, dass der Text einerseits zum Bild wird, anderseits zu Sprachmusik von schmeichlerischer Sinnlichkeit. Ihre bruchstückartigen Bekenntnisfragmente laden zu einer intellektuellen und geistigen Nähe ein. Die lyrische Rede vollzieht sie als eine Form von Rollenrede.

Die Letternmusik ist ein im ontologischen Sinn strikt nihilistischer Hörtext. Dass wir es zugleich mit einer hoch artistischen Demonstration, einem verbalen Theaterspiel zu tun haben, wird nicht zuletzt signalisiert durch die Einteilung der Texturen in fünf Akte mit musikalischer Bezeichnung der jeweiligen Tempi und Stimmungen, ausgezeichnet vorgetragen vom Autor.

Prof. Dr. Franz Norbert Mennemeier.

Wetzt Weigoni bereits bei Lettermusik im Gaumentheater Silben und Konsonanten so scharf, dass Schere unweigerlich Papier schneidet, so läuft er bei Dichterloh zur geahnten Höchtform auf. Seine Lyrik ist auf der Höhe der Zeit, der poetologischen Kern wird in diesem Kompositum ofenbar: das Abwesende beschreibbar zu machen, indem es als semiotisch umschlossene Leere erscheint, die das Anwesende imaginiert. Weigoni nutzt die sprachlichen Konventionen zu, um sie gleichsam zu desavouieren und dem individuellen Sprechakt anzuvertrauen. Er gestaltet dieses Kompositum in vier Akten zu einem ‚Ohr-Ratorium’ und beweißt bei Dichterloh ein feines Gespür für Timing und die richtige Tonlage. Hier wird aus Klang und Inhalt eine Kombination gewoben.

Weigoni und  Täger spüren der Sprache vor allem als akustischem Phänomen nach.

Dr. Christiane Schlüter, Buecher-Wiki

Der Kollege Hagedorn und ich sind uns einig, den Hörbuchpionieren Täger und Weigoni kommt das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben. Wieder erschienen sind die »Gedichte« in der Reihe Ohrenzwinkern, eine zeitgenössische Form, über Kunst- und Literaturgeschichte nachzudenken. Die formschönen DVD-Hüllen sind eine Zierde für jedes Bücherregal. Damit zusammenkommt, was zusammen gehört.

 

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Parlandos, Edition Das Labor, Bad Mülheim 2013

Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus

Probehören kann man ab Januar 2013 das Monodram Señora Nada in der Reihe MetaPhon. Und auch die Hörspielfassung von Unbehaust ist in der Reihe MetaPhon auf vordenker.de zu hören.

»Gedichte«, Hörbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2011 – Eine Hörprobe findet sich seit Juli 2011 hier.

»Letternmusik«, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Der Remix ist hier als mp3 zu hören. – Das Original kann zum Vergleich hier gegenhören.

Eine limitierte Auflage des Hörbuchs Prægnarien von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, Mühleim an der Ruhr 2013 – Bestellung des Hörbuchs über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Bilder der Prægnarien-Performanmce von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen. Probehören kann man auf MetaPhon. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni hier. Bewegte Bilder unter und eben: HIER.

Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über:info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Weiterführend →

Matthias Hagedorn, Sprechgesänge

Holger Benkel, rettungsversuche der literatur im digitalen raum

Christine Kappe, Ein Substilat