Ein Substilat

2. Juni 2013
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Mir fällt ein Wort ein und ich weiß nicht, ob es aus dem Buch herausgefallen ist oder noch darinnen steht. Mir fällt ein Wort auf und ich weiß nicht, ob es aus dem Buch herausgefiltert wurde oder ein Rechtschreibfehler ist. Ich lese ein Wort und ich weiß nicht, ob ich es nicht eigentlich gehört oder erfunden habe. Ich stolpere über ein Wort – ob es sich dabei verändert hat oder ich? Jedenfalls möchte ich mit diesem Wort über das Buch schreiben, zumal der Autor des Buches mir nahelegt, dass ich nur mit eigenen Worten wirklich andere berühren kann, und da das Buch mich berührt hat, soll eine Besprechung des Buches auch berühren.

Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus

Das Wort heißt »Substilat« und die Parlandos von A.J Weigoni sind offenbar soetwas. Der knapp hundert Seiten umfassende Band, der Langgedichte und Zyklen aus zwei Jahrzehnten enthält, versetzt mich in einen sprachkritischen Zustand. Sub-, diese Vorsilbe, die eigentlich Untersilbe sein will, sowie gleich der erste Text, Protzkloete und Gierschlunk, eine Subtext ist, der die Sprache unterwandert, hinterfragt, durchleuchtet, angelehnt an die Form einer alten, indischen Fabel zerpflückt er Sprichwörter und entblößt die Motive der Menschen. 15 Jahre lang verfolgt ein Schakal auf Drängen seiner Frau hin einem Stier… Gier, ins Absurde gesteigert, oder sexuelle Lust getarnt als sexueller Frust?

Subtil, subtexilis, » = fein unter anderes gewebt« finden wir bei Señora Nada ein nicht ausgesprochenes aber ahnbar nahes Drama, welches unter dem Asphalt eines spanischen Platzes schwelt, auf dem eine Frau sitzt, die allem entronnen ist – allem, nur nicht sich selbst. Es dämmert bereits und Weigonis Sprache transportiert eine Tragik, die uns verfolgt. Der Kellner bringt ein Telegramm, eine Kapelle spielt zum Tanz auf, die Kirche tauscht Gläubige gegen Tauben, der Abend nähert sich der Erinnerung und nährt Hoffnung, nähme das Meer zum Tausch gegen das von vergessenen Fernsehern erzeugte Wetterleuchten. Wetter läuten.

WortFelder, eigentlich ein Begriff aus der Linguistik, eine Gruppe von Wörtern mit ähnlicher Bedeutung, die sich gegenseitig ergänzen, auch abgrenzen, wobei es offene und geschlossene Wortfelder gibt. Bei Weigoni spazieren wir in ein offenes Wortfeld, erleben den Ablauf eines Jahres in 29 Kürzestgedichten, nackte Aeste peitschen / den Luftzug der seiner / seits sueffisantes saeuselt, sehen Buchstaben innig verschmelzen, Düsternisse, Nebelleben, mit Gedankenhumus überleben wir den Winter. Und weiter.

Holzschnitt aus Unbehaust von Haimo Hieronymus

Am besten gefallen mir die beiden letzte Stücke. Unbehaust. Ist schrecklich, aber der Text gibt auch die Möglichkeit eines In-der-Sprache-Wohnens. Das ICH kämpft mit dem Auflösungsprozess des Körpers, das Bewusstsein widersetzt sich diesem Verenden und zersetzt das gesellschaftliche Zusammenleben; wie fühlen sich Einzelteile an, was ist fremd, was ist eigen, was ist der Unterschied zwischen zur-Ruhe-Kommen und Sterben, zwischen Schweigen und Verstummen, das Fragen webt einen Kokon, das Werte-Syndrom ist in Auflösung begriffen… Distanz ist der Schluessel. (…) In den Traeumen versucht mein Koerper wieder / mit dem Geist ins Reine zu kommen & / sich zu entschlacken…

Das Reden dagegen ist locker, lapidar erzählt; im Kontrast zum Sprechen und Sagen zieht es uns mit, zieht uns fort, zieht uns runter, gibt dem Titel noch die Würze, auf Italienisch.

Und schlussendlich kann ich sagen, ja, Substilat ist das treffende Wort, etwas, was es eigentlich schon längst geben müsste, sowie die extra für dieses Werk geschaffene Ligatur Ue, Sub sowieso, und -stilat? Ja: die kristallienen Wörter, teils zerbrochen, teils das Sonnenlicht reflektierend, sind ja ein Destillat.

Komm/Unikat/Ion

geStammelKneipe

oder : verORTung der ruhigen aus/

schweifungen

lustRum after lustRum

that-oder dis-kurse

AssoziantionsKettenglieder

=wildwuchs von signifiKanten

TransformaTor

& das gesprochene wOrt

(:aus NeubauZyklus)

Im ganzen Internet finde ich nur in einer Novelle von dem Romantiker und Schauergeschichtenschreiber Charles Nodier: »Ich hatte noch keine Zeit zum Nachdenken«, sagte der Substilat(…) Gewissen Dingen ist durch Nachdenken auch nicht beizukommen. Gewisse, wesentliche Dinge im Leben müssen geschrieben, beschrieben, zerschrieben, eingeschrieben, verschrieben werden, sowie es Weigoni in seinen Parlandos tut.

Post scriptum, post auditum.

In welches Medium die Parlandos am besten transponiert werden könne, Ton oder Bild? Ich vermag es nicht zu entscheiden.

Holzschnitt aus Unbehaust von Haimo Hieronymus

So höre ich gern und mit Begeisterung Unbehaust, gesprochen von Bibiana Heimes, toncollagiert von Tom Täger. Als Fan aller möglicher Techno- und Industrial-Stücke fahre ich schonmal voll auf den rhythmischen Sound des raschelnden Papiers ab. Es ist nicht nur der Schreibvorgang, der die Geräusche verursacht – ich stelle mir ein Tier mit Krallen oder spitzem Schnabel vor, welches sich durch ein von mir (?) um mich herum errichtetes Papierhaus frisst. Ist der Eindringling mir feindlich oder freundlich gesonnen, frage ich mich. Bin ich es selbst? Zuweilen klingt es aber auch wie ein zischendes Atmen. Sind Atmen und Sprechen aber nicht dasselbe? Doch die glasklare und dennoch warme Stimme der Sprecherin behauptet etwas anderes.

Gemeinsam mit dem Künstler Haimo Hieronymus ist mit Unbehaust in der uräus-Handpresse (Halle) ein Buch entstanden, welches den mechanischen Akt des Schreibens sichtbar macht, schon durch die unterschiedlich tief, in unterschiedlichen Grautönen eingestanzten Buchstaben. Die zweifarbigen Holzschnitte sind ein Aufruf in Rot und Schwarz, in Tier und Pflanze, in Geäst und Organ. Ein Buch, was sich gut anfühlt, schwer in der Hand liegt und … riecht – etwas Wertvolles im Zeitalter der schnellen und endlosen Reproduzierbarkeit, etwas, was sich querstellt, wie ein sonderbar gewohnt klingendes und dennoch fremdes Wort.

***

Parlandos, Edition Das Labor, Bad Mülheim 2013

Coverphoto: Leonard Billeke

Gedichte, Hörbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2011 – Eine Hörprobe findet sich seit Juli 2011 hier.

Probehören kann man das Monodram Señora Nada in der Reihe MetaPhon. Und auch die Hörspielfassung von Unbehaust ist in der Reihe MetaPhon auf vordenker.de zu hören.

»Letternmusik«, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Der Remix ist hier als mp3 zu hören. – Das Original kann zum Vergleich hier gegenhören.

Eine limitierte Auflage des Hörbuchs Prægnarien von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, Mühleim an der Ruhr 2013 – Bestellung des Hörbuchs über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Bilder der Prægnarien-Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen. Probehören kann man die Life-Aufnahme auf MetaPhon. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni hier. Bewegte Bilder unter und eben: HIER.

Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über:info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Further reading →

Matthias Hagedorn, Sprechgesänge

Holger Benkel, rettungsversuche der literatur im digitalen raum

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Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jedes Buch aus dem „Schuber“ von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Trans

Twitteratur

Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Edition Das Labor

Ausführliche Informationen finden sich hier.