Wild Horses Could Not Drag Me Away

Der Literaturbetrieb gleicht einem Adler, der mit gebrochenen Füßen in die Lüfte steigt, die ihm jedwede Landung verwehren. Heutzutage scheint Literatur der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin-de-siècle-belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden bzw. existentiellen Werkzeuge zum Ausdruck bringt. Diese Autoren wagen, jeder auf seine Art und Weise, eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Literatur bleiben erhalten, wie etwa die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem Rest Unerklärlichem, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht. Deshalb sollte sich die neue Literatur nicht frontal gegen die Religionen stellen. Aber sie muß die sogar bei Atheisten bislang unzureichend ausgebildete Anschauung stärken, daß Moral und Ethik keineswegs nur über religiöse Überzeugungen funktionsfähig werden. Es geht um eine Erweiterung des literarisches Feldes.

Hinterland

Seit den 1990ern und vestärkt in den Jahren nach 2000 erscheinen regelmäßig lebendige, originelle Lyriktitel in seit 2005 mit dem Label ›Hinterland‹ versehenen ländlichen Gegenden − der in Sistig/Eifel beheimateten Edition YE, dem im rheinländischen Weilerswist agierenden Verlag Ralf Liebe, dem Verlag Peter Engstler aus Ostheim/Rhön oder der im bayerischen Marklkofen angesiedelten Silver Horse Edition. Ihre Lyrik beschreibt einen Nicht-Stillstand. Diese Dichter versuchen mit der elementaren Geste des Schreibenden, die Sprache anzustoßen, in Schwingung zu versetzen, in Bewegung zu bringen; sie als Material zu verwenden, oder vielmehr als eigenständigen Körper, und sie zu vertwisten, zu Bocksprüngen und drolligen Saturnalien anzuheizen, anzureizen. In der Bandbreite dieser Publikationen zeigt sich, wie der Gegensatz von konventionell und experimentell aufgehoben wurde. Mit Metrum, Reim, lyrischen und prosanahen Formen wird in großer Unverkrampftheit umgegangen. Und doch lassen sich noch immer zwei Pole ausmachen, zwischen denen sich die Dichtung aus dem Hinterland bewegt: Einmal gibt es da eine eher dem Erzähl- als dem Materialcharakter zuneigende Dichtung, die alte Formen wiederbelebt, sich dem hohen Dichterton anlehnt, auch wenn sie ihn zuweilen ironisch modernistisch bricht. Und dann eine formengebärende Dichtung mit einer frechen, manchmal rotzigen, aus Vergangenheitssättigung und Gegenwartshingabe geborenen Sprache, die überrascht, vor den Kopf stößt, verführt. Die Lyrik, wie jede Kunstgattung, macht immer wieder glanzlose Zeiten durch. Diese Innitiativen bringen sie zum Leuchten. Ob Peripherie Zentrum oder Zentrum Peripherie ist, entscheiden die interessierten Leserinnen und Leser mit jedem neuen Gedichtband neu.

Relativ

Ist Lyrik ›schwierig‹? Als ein Genre, welches enger als jede andere literarische Gattung an Klang und Rhythmus von Sprache gebunden sind, sind Gedichte für den Laien bisweilen schwer zu be/greifen. Wirtschaftlich betrachtet, ist Lyrik sowieso glatter Unsinn, aber Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Und so haben Lyrikeditoren wie Peter Ettl es schwer und leicht zugleich: »Es ist halt alles relativ«, wie es in Ödon von Horvaths Stück »Italienische Nacht« immer wieder heißt.

Auf die Frage, ob man als Herausgeber von Lyrik-Anthologien ein Masochist sein muß, antwortet Axel Kutsch:

Im Prinzip nicht. Aber es bleibt kaum aus, daß man im Laufe einer langjährigen Herausgebertätigkeit zum Masochisten wird. Es spricht sich schnell in Deutschland herum, wenn irgendwo seriöse Anthologien ediert werden, also Sammelbände, bei denen die Autorinnen und Autoren sich nicht finanziell zu beteiligen brauchen und ebensowenig zu Mindestabnahmen genötigt werden. Und dann hagelt es schon bald Gedichte. Manche Einsender schicken wenige Texte, andere 40 bis 50, obwohl in einer Anthologie bestenfalls ein paar Beiträge pro Autor veröffentlicht werden können. Es ist dann auch haufenweise lyrischer Schrott darunter, für dessen Lektüre man eigentlich Schmerzensgeld erhalten müßtet. Aber als engagierter Herausgeber liest man alles bis zur letzten Zeile, ärgert sich, daß so viele Dilettanten sich offenbar für Dichter halten und legt den Kram ad acta: nicht verwendungsfähig. Ja, so wird man allmählich zum Lyrikmasochisten, in den Augen der Dilettanten wohl eher zum Sadisten, weil man von ihnen nicht mal einen Dreizeiler veröffentlicht. Allerdings bleiben immer genug annehmbare bis hervorragende neue Gedichte auch weniger bekannter Verfasser übrig, mit denen man Jahr für Jahr lesenswerte und niveauvolle Anthologien füllen kann. Da kommt Entdeckerfreude auf, die für den vielen Schrott entschädigt.

Silver Horse Edition

In der Silver Horse Edition präsentiert Peter Ettl so unterschiedliche Lyriker wie Michael Arenz, Maximilian Zander, Michael Hillen, Andreas Noga, Gerd Sonntag, Marianne Glaßer, Christa Wisskirchen, Frank Milautzcki, Jürgen Völkert-Marten, Axel Kutsch oder Theo Breuer. Die große Gabe von Theo Breuer, die ich in dessen Gedichtbänden »Nacht im Kreuz« und »Wortlos« erlebe, ist es, das, was ich lese, wie soeben geschehen aussehen zu lassen. Immer wieder gibt es diese Momente in seinen Gedichten − Szenen, die sich im Gedächtnis festsetzen, die nicht verlierbar sind – eine Art Triumph des Gedichts. Der Strippenzieher aus dem Hinterland über seine Zusammenarbeit mit dem Herausgeber Peter Ettl:

Als Peter Ettl 2006 mit dem Vorschlag an mich herantrat, einen Gedichtband in seiner neuen Lyrikreihe herauszugeben, reagierte ich zunächst abwartend. Ich hatte gerade die Herausgabe der Monographie »Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000« hinter mir, und mir war überhaupt nicht nach einem weiteren Buch. Ich bat um Bedenkzeit und schlug Axel Kutsch vor, bei dessen Band »Stille Nacht nur bis acht« ich das Lektorat übernahm. Das war gleichsam Initialzündung sowohl für meinen Band als auch die seitdem immer intensiver gewordene Zusammenarbeit, die 2009 in einen zweiten Band von mir in der Reihe mündete und die ich nicht mehr missen möchte. Peter Ettl ist ein gefühlvoller und zuverlässiger Herausgeber, in dessen katzenumsprungener Silver Horse Edition ich mich sauwohl fühle, zumal die Lyrikreihe von Band zu Band an Format und Profil gewinnt.

In seinen eigenen Gedichten verbindet Peter Ettl sich Genauigkeit der Beobachtung und Kunstfertigkeit. Üppig angelegte Weltentwürfe spart aus, seine Arbeit mit Vers und Satz ist zuweilen filigran und hart zu gleich, als wollte die Kunst gegen die Bedeutung ankämpfen, die das Wort im Gebrauch angenommen hat. Es ist Sprachrettung, die hier betrieben wird. Ein Blick in den Band Gleitflüge zwischen den Gezeiten zeigt, daß Peter Ettl mit wenigen Strichen literarische Bilder entwirft, von der Einsamkeit, der Auflösung des Individuums, vom Brachliegen aller erworbenen Fähigkeiten, von der Sehnsucht nach einem anderen Leben, aber auch vom Lebenswillen. Es ergeben sich lapidare Kontraste, gemischt mit Redensarten, Slang, Anspielungen und Zitaten aus Märchen und Kirchenliedern. Die sogenannte Provinz ist keine literarische terra incognita, kein weißer Fleck in den Atlanten der Lyrik mehr. Die fragilste der literarischen Formen gilt gemeinhin als deren teuerste, und dies im doppelten Sinn: Die Randständigkeit der Lyrik abseits des ökonomischen Gewinns steht in direkter Proportion zu der hohen symbolischen Wertschätzung, mit welcher man sie bedenkt. Lyrik scheint ein Gut zu sein, das zugleich sein eigener Marktpromoter ist. Wenn es gutgeht, schafft sich Lyrik eine Gesellschaft, die bereit ist, sie am Leben zu erhalten.