Aphorismus statt Algorithmus

Im Gegensatz zu traditioneller Literatur, die bislang in Büchern fixiert ist, nutzen diese Mikrogramme – auch ohne das Bleistiftgebiet – die Dynamik des Internets: Sie sind online zugänglich, konnten kommentiert werden und entfalteten sich chronologisch, in einer Timeline. Ein nachgetragenes Vorwort:

Bevor ´Twitter` in 2006 mainstream wurde, experimentierten Autoren bereits mit ähnlichen Formen auf anderen Online-Plattformen. Eine bemerkenswerte Variante stellen die Mikrogramme von A.J. Weigoni dar, eine Serie von Miszellen, die ab dem 18. Januar 2006 auf der Literaturplattform KUNO erschienen. Diese Texte verkörpern eine proto-digitale Kurzprosa, die die Essenz der Twitteratur vorwegnimmt: Knappheit, Fragmentarität und die Interaktion mit einem virtuellen Publikum.

Weigonis Mikrogramme antizipieren die Fragmentierung der Aufmerksamkeit in der Social-Media-Ära, wo Texte nicht linear sondern mosaikartig gelesen werden.

Die Mikrogramme fungieren als Miszellen – eine traditionelle Form der ´Vermischten Schriften`, die Weigoni für das digitale Zeitalter rekultivierte. Im Gegensatz zur oft flüchtigen Natur der Twitteratur, die häufig auf unmittelbare Reaktionen und Interaktionen abzielt, zeichnen sich Weigonis Texte durch eine hohe Dichte und intellektuelle Schärfe aus. Es handelt sich nicht um literarische „Abfallprodukte“, sondern um gezielte Zuspitzungen.

Man kann diese Serie als eine Form der „Twitteratur vor Twitter“ begreifen, die jedoch einen anderen kulturellen Ursprung hat.

Während Twitter-Literatur oft durch virale Mechanismen geprägt ist, folgen die Mikrogramme der Tradition des Aphorismus und des Kurzessays. Sie verlangen vom Leser ein Innehalten, statt zum schnellen Weiter-Scrollen zu animieren.

Auf der Plattform KUNO eingebettet, suchten diese Texte oft den Dialog mit anderen Kunstformen. Die Kürze ist hier kein technisches Diktat, sondern eine bewusste poetologische Entscheidung. Diese Texte dokumentieren einen Zeitraum des medialen Umbruchs. Weigoni nutzt die kleine Form, um gesellschaftliche und ästhetische Phänomene zu sezieren, bevor sie im Mahlstrom der Informationsflut untergehen.

Weigonis Mikrogramme beweisen, dass die Kürze in der Literatur kein modernes Phänomen der digitalen Beschränkung ist, sondern ein Instrument der Präzision. Sie sind eine „entschleunigte“ Variante der Twitteratur: literarische Splitter, die nicht durch ihre Reichweite, sondern – so steht zu hoffen – durch ihre Nachhallzeit wirken. In einer Ära der maximalen Zeichenbegrenzung bleibt das Mikrogramm ein Beweis für die Kraft des minimalen Textes.

 

***

Mikrogramme von A.J. Weigoni, KUNO 2006 – 2011

A.J. Weigoni, porträtiert von Anja Roth

Diese Bruchstücke aus der Realität sind verwandt mit den Miszellen (von lateinisch miscella ´Gemischtes`), dies ist eine Bezeichnung für eine Rubrik, unter der Kürzesttexte variierenden literarischen Inhalts veröffentlicht werden. Die Bagatellen sind der Versuch, Miniaturen gleichrangig nebeneinander aufzureihen, ein dichtes Gewebe, das seine poetische Qualitäten erst durch die Lektüre gewinnt.

Twitteratur ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt. Als Beitrag von A.J. Weigoni finden wir auf KUNO im Lauf der Zeit Mikrogramme, die ein feines, manchmal auch weitmaschiges Netz von Relais durchzieht: Schnittstellen, an denen zwischen Gegenständen, Wahrnehmungsperspektiven, zwischen Räumen und Zeiten hin und her gewuselt wird, und gleichzeitig zwischen verschiedenen Distanzen zum Beschriebenen.

Weiterführend Das Nachwort zu den Mikrogrammen lesen Sie hier.