SCHORF UND SCHÄDEL

ich beobachte im licht der nachttischlampe einen schuppigen und zerschrammten schorf, der sich von meiner haut ablöst und drachenförmig aufsteigt. mit erstarrtem gesicht pflücke ich auf der schneide einer schere die bluttropfen, die daran herunterperlen, wie früchte in einer schale, worin sie gleich einem atompilz aufwallen und einen unbehaarten goldbraunen schädel entfalten, der mein gesicht trägt und aus dessen stirn ein weißer stachel ragt. ich laufe erschrocken davon und betrete eine marmorgeäderte wendeltreppe, die sich zur drehbühne verwandelt, die erst ein zerfallenes haus und dann einen kohlenschacht durchquert, der an einem steilhang endet, den ich hinabstürze, bis mich, auf halber höhe, eine aus zweigen geflochtene schaukel auffängt, die im nächsten moment zerbricht und mich abwirft.

ich falle zwischen schaufelbaggern in einen graben, der zu einem unterstand gehört, wo mir ein uniformierter goldkäfer mit feierlicher gebärde einen revolver überreicht und mich zum postengang bestimmt. ich schreite, vorbei an felsklippen, auf denen eisverkrusteter schnee liegt, das vorgegebene gelände ab, bis mir eine schar ratten begegnet, die schneeglöckchen pflücken, die sie sich ins knopfloch ihres mantels stecken, während mich ein schwarm marmorstücke überfliegt und am himmel, genau im licht der sonne senkrecht über mir, ein raubvogel kreist, der mir, indem die schwingen mit den sonnnenstrahlen zu verschmelzen scheinen, immer näher kommt.

ich begreife sein verlangen, hebe mir in einem ruck den schädel vom hals und bohre mit meinen rasch wachsenden fingernägeln, die ich behutsam durchs knochengewebe stoße, einen spalt hinein, der bald meinen gesamten körper aufnimmt, den ich so im eignen kopf verberge. die ratten indes streuen mir kohlenstaub ins gehirn und zünden ihn an, was eine explosion verursacht, die mir knirschend die kopfknochen verdreht und einzelne knochensplitter wie tonscherben abplatzen läßt. ich empfinde schneidende kälte und sehe erwachend die weiß leuchtenden scharfen kanten der bruchstellen meines schädels, aus denen salzige kristalle rinnen, derweil die ratten in einen gelben frack gekleidet vor mir stehn und flöte spielen, wozu leguane und schlangen nackt umherspringend übers geröll tanzen, auf dem ich liege.

 

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traumnotat aus reise im flug, von Holger Benkel, Verlag blaue Äpfel, Magdeburg 1995

Weiterführend

In einem Kollegengespräch ergründeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie – und ihr allmähliches Verschwinden. Das erste Kollegengespräch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie hier.

kindheit und kadaver, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie hier.

meißelbrut, Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. Eine Rezension finden Sie hier.

Gedanken, die um Ecken biegen, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2013

Essays von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 – Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie hier. Auf KUNO porträtierte Holger Benkel die Brüder Grimm, Ulrich Bergmann, A.J. Weigoni, Uwe Albert, André Schinkel, Birgitt Lieberwirth und Sabine Kunz.