Hoch- und Tiefdruck

Der wahre Sammler ist die Gegenfigur des Konsumenten

Byung-Chul Han

Von der Kostbarkeit des geschriebenen Wortes und der Bücher haben die Menschen stets gewusst. Für die Buchtradition bedeutete das letzte Jahrhundert allerdings eine einschneidende Zäsur. Künstler- Maler- oder eben Künstlerbücher findet man nicht in einem Supermarkt für Bücher. Wie blicken in diesem jahr zurück auf einen Satz von drei Kunstwerken, die miteinander verbunden sind und auch als Einzelwerk bzw. als drei Einzelwerke betrachtet werden können. Wobei das Wort Betrachtung wortwörtlich gemeint ist. Es handelt sich im die Künstlerbücher Unbehaust, Faszikel und Idole, die zwischen 2003 und 2007 entstanden sind.

Im Zeitalter der kulturellen Globalisierung und Traditionsverschiebungen bleibt der Mensch als strauchelndes Wesen auf den Straßen der Zivilisationen zurück und sucht nach den Bruchstücken seiner selbst.

Unbehaust, Holzschnitt von Haimo Hieronymus

Das Künstlerbuch Unbehaust tariert den Widerspruch zwischen epischem Anspruch und lyrischer Subjektivität, zwischen dem Ehrgeiz, die Virtuosen einzuholen, und der Sehnsucht nach einer ganz anderen, nicht verdinglichten, weltversöhnenden Poesie aus. Die von  Hieronymus gesetzte expressive Farbigkeit korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die zusammenwirken, während sie Kontraste bilden. Im Wechselspiel der Elementarkräfte ist der Mensch eine vernachlässigbare Größe, er ist ihr Spielball. Seine Existenz ist endlich, die der Elementarkräfte hingegen unerschöpflich. Der Mensch als Fußnote der Schöpfung: Das Skandalon dieser Erkenntnis besteht in der Einfachheit, mit der sie die großen Fragen der Existenz weniger verhandelt als ergreifend zur Darstellung bringt. Die Menschen sind nirgendwo zu Hause, sie haben keine soziale Heimat, kein Milieu, keine Codes. Sie haben kein genaues Woher und Wohin, ihre Menschengewissheit liegt außerhalb der Handlung, außerhalb jenes Raumes, den eine Perspektive vielleicht suchen, aber auf keinen Fall mehr „festhalten“ kann. In diesem Künstlerbuch wird die chaotische Vielfalt der Wirklichkeit streng literarisiert und dabei eine eigene poetische Wirklichkeit hergestellt, verbunden mit einem unbedingten Willen zur künstlerischen Form.

Faszikel enthält Kaltnadelradierungen, die mit Pflanzenextrakten und Schellack bearbeitet wurden. Dazu Texte auf Pergamentpapier, die aus dem Ganzen einen Dialog machen. Einen Dialog, zwischen zwei Künstlern, die mit verschiedenem Material die Welt beschreiben. (Westfalenpost)

Kaltnadelradierung von Haimo Hieronymus

Haimo Hieronymus variiert, er wiederholt auch, teilweise bis zur Erschöpfung, er holt wider sich. Sich, sein Thema, seinen Kunstgestus, seine Typen. Beim Künstlerbuch Faszikel versuchen seine Blicke oft Geringfügigkeiten und Nebensächliches zu erfassen, zu durchschauen. So wie auch die gesehenen Strukturen ihre Widerstände bieten, muß für ihn durch die Stahlnadel, die sich direkt in das Metall frisst, ein körperlicher Widerstand entstehen. Wichtig ist, daß das Beobachtete im Verhältnis zu dem, was an Gedanken, an Klischees und Vorwissen im Kopf ist, immer wieder in Konkurrenz und Widerstreit tritt. Die in der Natur entstandenen Zeichnungen wurden im Atelier nicht weiter überarbeitet. Zwar wurden auf der Platte weitere Ätzungen durchgeführt, aber die Kaltnadel blieb, wie sie am Objekt entstanden war. Seine ‚Mental Maps‘ sind keine funktionalen Karten, die von A nach B führen, sondern eine Art zeichnerisches Reisetagebuch. Mit Bleistift und grellen Aquarellfarben mischte er abstrakte Elemente mit nahezu realistischen Architekturansichten und organischen Formen wie Baumwurzeln, Adern, Nervenbahnen. Ein Teil der Kaltnadelzeichnungen entstand nicht direkt am Objekt. Haimo Hieronymus hat korrodierte Zinkplatten aus flach geklopften Dachrinnen verwendet, die ihre eigenen Strukturen, ihren warmen Plattenton mit einbringen konnten. Teilweise waren die Oxidationsschäden für die direkte Überarbeitung zu stark und wurden durch Schleifpasten und Dreikantschaber nivelliert. Die Platten wurden daraufhin zum Teil mehrmals geätzt. Zu entscheiden, wann eine Platte für seine Zwecke zufriedenstellend erschien, hat er seinem Vertrauen in die Platte überlassen. Danach wurde gedruckt.

Nicht nur in dem Handpressendruck gehen beide Künste eine Symbiose ein, auch in den Objekten der Ausstellung durchdringen sich Grafiken und Texte gegenseitig.

(Westfälische Rundschau)

Faszikel, Radierung von Haimo Hieronymus

Das Buch wurde einfarbig, meist neutralschwarz mit Kupfertiefdruckfarbe auf Kupfertiefdruckbütten von Hahnemühle gedruckt. Die Farbe wurde mit etwas Leinöl geschmeidiger gemacht und zum Teil mit weiteren Pigmenten versetzt. Nach Druck der Seiten im Verbund zu einem Buchblock, wurden die Seiten zunächst mit Tusche und Feder nachbearbeitet, um bestimmte Kontrasteffekte zu erzielen. Weitere Arbeitsschritte ergaben sich durch den ergänzenden Einsatz von Holzextrakten und Schellack, welcher in je vier hauchdünnen Schichten, um die Flexibilität der Einzelseiten zu gewährleisten, aufgetragen wurde. So ergab sich letztlich ein Farbspiel im Orangebereich, kontrastiv zu den satten Tönen der Radierung und Tusche gesetzt. Die Farbe gibt diesen Bildern nichts und nimmt ihnen nichts; ein Plus oder Minus an dem, was man ‹Schönheit› nennen könnte, ist von keinem Belang für diese Bilder; sie wirken durch ihren Witz, ihre Einfälle, ihren Sarkasmus und vor allem durch ihren Ernst. Die Bücher sind vernäht und gebunden worden. Die Umschlagarbeit ist ebenfalls eine nachträglich mit Holzextrakt und Schellack überarbeitete Radierung, diese mußte zum Binden weich gehalten werden, damit sie an den Kanten und Ecken umgeschlagen werden konnte.

Haimo Hieronymus begreift das Papier als Spannungsfeld polarer Gegensätze, die er souverän überblickt. Diese klare Sicht verdankt sich in hohem Masse seinen umfangreichen Kenntnissen der Kunst- und Literaturgeschichte. Seine Meisterschaft beruht auf seinen Kompositionen mit der einzigartigen Verbindung von Form und Farbe, bei der aber die Freiheit des Pinselstrichs, die Spontaneität des Eindruckes, kurz: die Impression, eine ungleich nachrangige Bedeutung hat. Er verzichtet auf Interpretationen von einzelnen Figuren, beruft sich vielmehr auf die Logik der Komposition und die innere visuelle Freiheit des Künstlers. Gerade in der Lebendigkeit des Farbauftrags, der zunehmenden Verselbstständigung des malerischen Pinselstrichs von seiner gegenstandsbezeichnenden Funktion erkennt man seine Handschrift. Haimo Hieronymus erreicht mit seiner Arbeitsweise, daß auf zahlreichen Zeichnungen nicht nur der visuelle Sinn des Betrachters angesprochen wird, sondern die Gesamtheit aller Sinneswahrnehmungen.

Was ist ein Idol anderes als der dunkle Schatten einer kollektiven Erinnerung, eine archaische Sehnsucht nach dem Prinzip Geborgenheit und Wärme, manifestiert im weichen Umriss des Ewigweiblichen, Ewigmütterlichen?

Ein Idol von Haimo Hieronymus

Wie ein ferner heimatlicher Höhlenruf klingt der Reigen der tanzenden Idole in Haimo Hieronymus’ und A.J. Weigonis gleichnamigem Künstlerbuch hinter den Augen nach. Lustvoll, gelassen, warm und sanft fließen die weiblichen Idolformen über das glatte Papier. Dank der neu entwickelten Leimdrucktechnik wirkt der Farbauftrag besonders satt und weich, schleichen sich in die Serialität der Drucke kleine Abweichungen, Makel, Schönheitsfehler ein, die die Figuren wieder ein Stück weit individualisieren und ihnen gleichzeitig liebenswerte Züge verleihen. Denn Perfektion kann Bewunderung hervorrufen, aber keine Liebe. Idole sind nicht perfekt, auch wenn das im heutigen Verständnis anders scheinen mag. Idole sind perfekt ob ihrer warmen Unperfektion, ihres gelassenen Umgangs mit dem Körperlichen, ihrer Selbstzufriedenheit.

In Haimo Hieronymus’ Idolzyklus manifestieren sich ans Ursprüngliche, Unverstellte, Unzivilisierte im Menschen rührende Regungen, elementare Empfindungen von Lust und bejahender Lebensfreude. Dabei ist sich der Künstler stets bewusst, dass Lust auch mit Schmerz einhergeht; die dunkle Seite lässt er nicht außer acht, sondern zeigt auch den eher pein- als lustvoll sich windenden und krümmenden Leib. So sehr man einerseits den Anblick genießt, so sehr schmerzt es an anderer Stelle die aufs Papier mit dem Körperlabyrinth gebannten Augen. Zu einfach wäre es, dies bloß als weiteren Beitrag in der langen Künstlertradition zum Thema der Frau als Prinzip des Ewigfruchtbaren zu sehen. Vor allem auf formaler Ebene zeigt sich der Willen zur Hinterfragung und Auseinandersetzung mit überkommenen Formen und Mustern. Hieronymus’ Drucke paraphrasieren nicht uralte Idole der Menschheitsgeschichte, wie etwa die Venus von Willendorf, sondern verweisen spielerisch auf diese Vorbilder, gleichzeitig völlig neue Ausdrucksformen schaffend. Durch starke Flächigkeit und Reduktion auf bloß allernotwendigste Elemente wie Linien und Punkte bewegen sie sich zwischen Figuration und Abstraktion und lassen Raum für eigenes Orientieren und sinnliches Empfinden im Körperfragment. Im Kontrast zur Linie und Fläche erzeugen die weichen Übergänge des hier angewendeten Leimhochdrucks in Verbindung mit der zähflüssigen Farbe gleichzeitig den Eindruck überraschend runder Körpervolumina. Das Spiel mit dem Material wird für Künstler wie Betrachter zum sinnlichen Erlebnis: Fast meint man noch das Schmatzen des satten Farbauftrags in den Ohren zu haben; anfangs widerspenstig, gibt sich am Ende die eigenwillige Textur geschmeidig der so glatten, spiegelnden Papieroberfläche hin. Durch Reduktion schwindet die Eindeutigkeit: Plötzlich ist diese Form da nicht mehr unbedingt ein Frauenkörper, bekommt androgyne oder Satyrzüge, wird zur Huldigung an das bacchantische Prinzip. Selten hat man Haimo Hieronymus in seinen Arbeiten dermaßen sinnlich und gelassen erlebt.

Hieronymus und Weigoni bei der Künstlerbuchpräsentation in der Werkstattgalerie Der Bogen, Arnsberg

Im Kontext der Trilogie mit A.J. Weigoni steht das Künstlerbuch „Idole“ als logischer und befriedigender Abschluss: Vom Kampf des Künstlers mit sich und dem Material wie in den brutal-kathartischen Holzschnitten „Unbehaust“ über das feinnervige Vortasten in halbfigurative Welten in „Faszikel“ ist es ein spannender und mutiger Weg bis zum optimistischen, aber nicht naiven, sondern immer noch stets hintergründigen Spiel mit dem Material und der Form, zur Huldigung der Figuration als Verkörperung des Lebens, der Freude am Empfinden und Erleben, am Schmecken und Riechen, Atmen, Fühlen, Tasten, des Genießens ohne Reue. Ein Zyklus über den Hunger und die Sucht nach Leben und Liebe, die den Menschen seit Jahrtausenden umtreiben.

 

 

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Unbehaust, Holzschnitt und Typografie, von Haimo Hieronymus mit A. J. Weigoni (2003).

Faszikel, Radierung und Typografie, von Haimo Hieronymus mit A. J. Weigoni (2004)

Idole, Tiefdruck und Typografie, von Haimo Hieronymus mit A. J. Weigoni (2007)

Ein Idol von Haimo Hieronymus

Weiterführend → Ein Blick ins KUNO-Archiv: Ein Holzschnittbuch ist ein von Holzstöcken gedrucktes Buch. Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Künstlerbücher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der Büchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421