Kunst der Sprachbefragung

Halten Sie Ihr Ohr hin zur Musik, öffnen Sie Ihr Auge für die Malerei. Und denken Sie nicht!

Wassily Kandinsky

Ich lernte A.J. Weigoni auf einer Tagung des Schriftstellerverbandes kennen. Einem Kollegen hatte ich ein Eis mitgebracht, der wollte nicht, und Weigoni griff keck zu. Man konnte ihm nicht böse sein. Dieser Nonkonformist war darauf erpicht, Klischees zu vermeiden und seine ganz eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Er hatte seinen Beruf in jahrzehntelanger Anstrengung erlernt, was ihm gelungen ist und was missglückt, das weiß der besser als beamtete Besserwisser. Dieses System kann ohne seine Reservate ästhetischer Zähigkeit, Widerständigkeit und Wachheit nicht überleben. Seine geistige Heimat ist dort, wo das denkerische Wort poetisch durchtränkt ist und das poetische Wort durchdacht ist. Wenn den Figuren-Texten der Antike noch mystische Motive unterstellt werden können, ist für die meisten Texte des Barock wahrscheinlich der menschliche Spieltrieb verantwortlich, selbst die so genannten ‚konkreten’ und ‚visuellen’ Poesien erschließen sich so am ehesten.

Seitdem ist eine Generation vergangen, doch wer könnte behaupten, die Mehrzahl der Vertreter deutscher Hochsprache seien weniger ehrenwert, bürgerlich-bieder, angepaßt und grundsolide?

Weigonis Thema war das komplexe Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit, die „innere Notwendigkeit“ sein Antrieb. In seinen Gedichten bezeugten Wort- und Klangästhetik das geistige Prinzip. Dieser Sprechsteller verwendete die Sprache als Klangmaterial und erzeugt so „musikaffine Sprachstrukturen. Er kannte nur den einen Kanal der Inspiration und unendlich viele Wahlmöglichkeiten des Ausdrucks. In seinem Monodram Unbehaust, ein poetisches Polymorphem nimmt uns Weigoni mit auf die Reise durch eine Metamorphose. Es gibt dieses Monodram in einer Hörspielinszenierung, bei der der Komponist Tom Täger die Schauspielerin mit einer Komposition begleitet, die nur aus Papiergeräuschen besteht. Zwischen den lyrischen Fingerübungen zeigt Weigoni sowohl Koordinaten der Innenwelten als auch im ästhetischen Raum gültige existentielle Äusserungen.

Dieser Satzdenker ist ein Meister abgründiger Sprachbilder, aphoristischer Pointen und tragikomischer Sprachgitter.

Es gebe noch viel zu sagen über diesen VerDichter, aber ich möchte den Leserinnen und Lesernn nicht das Vergüngen der eigen Lektüre nehmen.

 

 

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Unbehaust. Monodram von A.J. Weigoni. Mit Holzschnitten von Haimo Hieronymus. Künstlerbuch. uräus-Handpresse, Halle an der Saale 2003.

Coverphoto: Leonard Billeke

Die Hörspielumsetzung von Unbehaust durch den Komponisten Tom Täger ist erhältlich auf dem Hörbuch: Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2015

Hörproben →

Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.

Jeder Band aus dem Schuber von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO faßt die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen. Last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt. Zuletzt bei KUNO, eine Polemik von A.J. Weigoni über den Sinn einer Lesung.