Grassierende Alarmdiskurse

Die Rheinländer sind geradezu widerlich menschlich

Dieser Roman ist keine Story nach dem Prinzip des Linearen, es ist ein grandioses Epos des Scheiterns. Eine narrative Stringenz wird von A.J. Weigoni in den Lokalhelden explizit verweigert. Die Prosa geht aus Strudeln hervor. Sie entsteht in einer Werkstatt der Momentaufnahmen und Bilder, der assoziativen, leicht deliranten Verknüpfung von Orten, Zeiten, Erinnerungen und Episoden, die der Werkstatt von Lyrikern ähnlich ist. Diese Prosa ist gleichzeitig erfahrungsgesättigt und bildungsgetränkt, alltagsmythologisch und gedankenverspielt. Souverän bewegt sich Weigoni zwischen Erinnerung und Erfindung, Realismus und Imagination, Melancholie und Utopie, Komik und Katastrophe.

Weigoni lehnte sich in seinem Werk mit der Kraft der Sprache und des sprachlichen Experiments gegen die Sinnlosigkeit und Absurdität des Daseins auf.

Die weitgespannten assoziativen Bezüge, die Weigoni aufgespannt hat, fängt der Roman in der sinnlichen und konkreten Individualität der Figuren wieder ein, ohne seine motivische Vielschichtigkeit ganz aufzuheben. Nach seinem ersten Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet fächert Weigoni das auf, was Enrik Lauer als Scharnier-Jahrzehnt bezeichnet, er macht die Zeit lebendig, läßt die Figuren leben und in angemessener Unwissenheit darüber bleiben, wie es historisch weitergeht. Die Sprache biedert sich nicht der Geschichte an, redet nicht moderner als sie war. Was bleibt, ist das Portrait von Rheinländern in der lebenshungrigen, fragilen Widerspenstigkeit ihres Eigensinns, in einem Roman, den genau diese anmutig fragile Widerspenstigkeit in seiner Prosa auszeichnet. Manchmal, wenn Weigoni ab- und ausschweift, um den Punkt kreist, wenn er lauert wie die Katze auf die Maus, wirkt der Text improvisiert, dann wieder direkt und pointiert – und immer folgt man diesem rasanten Ganzen atemlos. Es findet sich ein charmanter Zug von Unabgeschlossenheit, Unvollständigkeit, und, wenn man so will: Essayismus. Es gibt keinen gemeinsamen Fokus, dem alles untergeordnet wäre. Es entspricht der Absicht des Romanciers, Geschichten von Menschen zu erzählen, die sich niemals begegnet sind oder sich nur sehr oberflächlich kennen und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt ist. Fehlende Einheit kann man diesem Roman oder dem Autor dennoch nicht ankreiden. Falls es Aufgabe der Literaturkritik sein sollte:

„Wie dechiffriert man einen Geschichtenerzähler, dessen Prosa sich klaren Narrativen verweigern?

So leise und sacht wie dieser Romancier seinen Text entfaltet, so bestechend authentisch formuliert er seine Gedankenflüße. Es dürfte schwer sein, einen anderen Autor zu finden, bei dem reine Fabulierlust und unbedingter Formwille zu einer so eigentümlichen Synthese verschmelzen. Das schreibende Ich läßt sich seine Sprache nicht nehmen. Es ist Weigonis Vermögen, in wenigen Andeutungen die Ordnung von Raum und Zeit nachhaltig ins Wanken zu bringen – und mit solchen Verstörungen der Sinne ein poetisches Bild zu schaffen für die brüchige Existenz und die Unbehaustheit. Weigoni demonstriert, wie die Erzählung der Rheinländer aus dem Erzählten ausbricht. Mehr als Raum-Zeit-Ordnungen interessieren Weigoni Beziehungsfelder und Aggregatszustände, sein Roman ist ein minuziöses Protokoll einer von Wahrnehmung und Wirklichkeit, Bewußtsein und Gewißheit, Erinnerung und Geschichte. Die Lebensgeschichten im Rheinland über halbfertige Leben fransen an zu vielen Enden aus. Weigoni setzt das gesamte In-strumentarium des modernen Romans ein und alle Stimmungslagen dazu. Er benutzt Dokumentarisches, ruft mit gelungenen Bildern den Rhythmus der Bonner Republik auf und mit geschickt arrangierten Episoden die Provinzialität und Miefigkeit der Zwischenkriegszeit. Dieser Romancier präsentiert ein Figurenmosaik, dessen Gesamtbild den Aggregatzustand der Orientierungslosigkeit der alten BRD beschreibt und bis in die verlängerte Gegenwart deutet. Er ist ein Archäologe, mit dem Unterschied, daß seine Fundstücke meist noch leben, von der Welt oft nur vergessen sind. Diesem Vergessen tritt er in diesem Roman nachhaltig entgegen. Er kann ironisch und sarkastisch sein, aber auch existenzialistisch-ernst und sogar sentimental. Dieser Roman ist keine einfach nachzusingende Melodie, sondern eine sehr vielstimmige Symphonie – eine Vielstimmigkeit, der man sehr gern folgt.

Sprachschöpfungen, Wortspiele, doppelte Böden und Schräglagen, ein experimenteller Zugriff auf die Wirklichkeit.

Weigoni ist ein Meister des langen, eleganten, eher ausschwingenden als ausschweifenden Satzes und so anschaulicher wie überraschender Metaphern und Sprachbilder. Er liebt das Detail, ohne es auszuwalzen und präsentiert dem Leser realitätsgesättigte Miniaturen. Sein ästhetisches Verfahren verleiht dem Roman den Charakter von großer Sinnlichkeit, die an keiner Stelle gewollt oder aufdringlich wirkt. Seine Poetik ist eine des Möglichkeitssinns. Dieser Roman bietet ein dynamisches Geflecht von Erzählperspektiven, Fiktions- und Darstellungsebenen. In Form innerer Monologe und Erinnerungen entfaltet sich die Existenz- und Identitätsproblematik der Protagonisten. Der Generalbass all dieser Einzelgeschichten heißt seelische Not. Für den Autor der Lokalhelden hat die europäische Aufklärung den in ihr verborgenen, emanzipatorischen Vorrat aufgebraucht. Er erkundet, wie die Mechanismen der Ausgrenzung in Gewalt umschlagen können, ohne die Naivität der Wohlwollenden gutzuheissen. Aber er hegt leise Sympathien für die Rheinländer, entdeckt Widerstandspotential in der Unbedarftheit. Hier ist ein episch breites gesellschaftliches Panorama der „Dekade“ zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001 zu lesen, in dem Lebensentwürfe, Sehnsüchte, politische Haltungen und ökonomische Strategien sich aufbauen, aufeinanderprallen und als schillernde Seifenblase zerplatzen.

 

 

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Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Coverphoto: Jo Lurk

Weiterführend → Lesenswert auch das Nachwort von Peter Meilchen sowie eine bundesdeutsche Sondierung von Enrik Lauer. Ein Lektoratsgutachten von Holger Benkel und ein Blick in das Pre-Master von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert Hintergrundmaterial. Ein Kollegengespräch mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein Recherchematerial ausbreitet. Constanze Schmidt über die Ethnographie des Rheinlands. René Desor mit einer Außensicht auf die untergegangene Bonner Republik. Jo Weiß über den Nachschlüsselroman. Margaretha Schnarhelt über die kulturelle Polyphonie des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen Heimatroman der tiefsinnigeren Art. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs Rezensionsessay.