Rückblick

Probenpause. A.J. Weigonu, porträtiert von Thomas Suder


In den 1980er Jahren erlebte die Musikwelt eine Revolution durch ein unscheinbares Medium: die Audiokassette. Während Vinyl und Radio die Mainstream-Musik dominierten, ermöglichte die Kassette eine demokratische, DIY-orientierte Produktion und Distribution von Klängen, die fernab kommerzieller Strukturen existierten. Besonders in Städten wie Düsseldorf, die bereits durch Pioniere wie Kraftwerk als Wiege der elektronischen Musik galten, blühte ein Underground auf, der experimentell, roh und oft improvisiert war. Dieser Kassettenuntergrund war nicht nur ein technisches Phänomen, sondern ein kulturelles, das die Grenzen zwischen Kunst, Musik und Alltag auflöste. Er spiegelte die post-punkige Desillusion breiter und ebnete den Weg für Genres wie Neue Deutsche Welle (NDW), Industrial und experimentelle Elektronik.

Düsseldorf in den 1980er Jahren war geprägt von einer lebendigen, aber fragmentierten Musiklandschaft. Die Stadt hatte in den 1970er Jahren mit Bands wie Kraftwerk und Neu! Die Grundlage für elektronische Popmusik gelegt, doch nach dem Punk-Boom um 1977 – zentriert um Orte wie den Ratinger Hof – sucht Musiker nach neuen Ausdrucksformen. Der Punk hatte die Idee des „Do It Yourself“ populär gemacht, und die Kassette passte perfekt dazu: Sie war günstig herzustellen, leicht zu kopieren und unabhängig von Plattenfirmen zu vertreiben. Netzwerke wie Mail-Order-Systeme, Fanzines und persönliche Tauschbörsen ermöglichen eine Schattenökonomie, in den marginalen Genres überlebten.

Akteure wie Bernd Kastner, Siegfried M. Syniuga (Strafe für Rebellion) oder Axel Grube (Mentocome) sowie Frank Michaelis und A.J. Weigoni verkörpern die Vielfalt. Die Szene war nicht isoliert; Verbindungen zu Hamburgs ZickZack-Label oder Berlins Industrial-Szene existierten, doch Düsseldorf blieb ein Hotspot für elektronische Experimente.

Der Kassettenuntergrund in Düsseldorf demokratisierte die Musik: Jeder konnte produzieren, ohne Budget oder Label. Der Kassettenuntergrund Düsseldorfs in den 1980er Jahren ein kreativer Schmelztiegel, der die Stadt als Innovationszentrum festigte. Er erinnert uns daran, dass wahre Kreativität oft im Verborgenen blüht – und dass Medien wie die Kassette nicht nur Tonträger, sondern Katalysatoren für Subkulturen sind.

 

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The last pop-songs, von A.J. Weigoni und Frank Michaelis (mit Marion Haberstroh und Andy Schulz) bei instant music, Düsseldorf 1989

Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über:  info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Photo: Anja Roth

Wie das englische Wort lyrics (für Liedtext) verrät, basierten die antiken Vorläufer der Popmusik auf Texten, die zu den Klängen der Lyra vorgetragen wurden. Tonmeister Tom Täger hat das 1989 produzierte Tape the last pop-songs (vom DAT) digital remastered. Sie hören ein Denkspiel über Pop, das selbst Pop ist, weil es Pop als körperverwandelndes Medium versteht und Popgeschichte als Mediengeschichte. MetaPhon präsentiert in der Reihe Revisited einen Rückblick auf „The Best Of Jugendsünden“.