verwunschene orte

20. September 2015
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von andré schinkel, der vor allem durch seine lyrik bekannt wurde, auch zuallererst lyriker ist, und daneben bisher eher lyrische prosatexte veröffentlicht hat, erschien nun beim »Mitteldeutschen Verlag« der erste erzählband unterm titel »Das Licht auf der Mauer«. dieses buch mit 160 seiten länge vereint ausgewählte kurze prosa, die zwischen 1991 und 2014 entstand. der autor selbst nennt seine 28 motivisch und stilistisch durchaus unterschiedlichen texte, die zwischen einer seite und 20 seiten lang sind, erzählungen, erzählanordnungen, nachtstücke und fabeln.

von manchen texten könnte man sagen, daß sie in einer dekadenten tradition stehen, wenn dieser begriff nicht auch mit vorurteilen und mißverständnissen verbunden wäre. die traditionslinie reicht dabei von e.t.a. hoffmann über baudelaire, lautréamont und rimbaud bis hin zu georg trakl und wolfgang hilbig, einem verwandten der herkunft und literarischen tradition nach. dekadenz ist nicht nur gelebter weltekel, sondern zudem die fähigkeit zum subtilen wahrnehmen von nuancen des niedergangs. ohne dekadenz gibt es keine veränderung, zumindest keine grundlegende. was verändert werden soll, muß zunächst verfallen. und das zerfallene ist dann leichter zu überwinden. wer einen behutsamen verfall bei gleichzeitiger erneuerung organisieren kann, verhindert menschenopfer.

der ort des dichters ist nicht selten am rand der hölle. im torf begegnet man bei andré schinkel keinem elfenkönig, sondern einem rattenkönig. ratten sind elfen einer dekadenten welt. mitunter gibt es auch surreale oder magisch realistische bilder, so »Die Flugzeugwracks in den Lüften, eingemauert wie du.« in »Dreizehntes Nachtstück«. »Wie alle Modernen sind auch die Surrealisten Melancholiker.« und »Seit der Romantik ist die Kunst Protest gegen die sich entfaltende bürgerliche Gesellschaft.« schrieb peter bürger in »Der französische Surrealismus«.

der leser findet in andré schinkels prosa öfter mythische und religiöse motive, wenngleich seltener als in seinen gedichten. die götterbarke etwa erscheint als himmelspflug. die religiösen dimensionen sind hier nicht als verlangen nach einem über-ich zu deuten, sondern nach verdichtung und transzendenz. jacques derrida erklärte in »Edmond Jabès und die Frage nach dem Buch«: »Das Leben negiert sich selbst in der Literatur, um besser überleben zu können. Um besser zu sein.« und »Der Dichter – oder der Jude – beschützt die Wüste, die seine Rede, die nur in der Wüste sprechen kann, beschützt; die seine Schrift beschützt, die nur in der Wüste Furchen ziehen kann.« die götter bleiben als das fehlende. wem nichts fehlt, der braucht auch keine götter. andererseits müßte es das ziel religiösen denkens sein, die menschen vom glauben zu befreien. glauben muß allein, wer glaubt, daß etwas ohne glauben seine substanz verliert. der mystiker, der vollständig im göttlichen aufginge, bräuchte keinen glauben mehr. freilich hat das noch niemand erreicht.

literatur und religion haben vergleichbare schicksale, indem medienwelten sie entwerten und abdrängen. dichter sind nachfahren von magiern, priestern, mystikern und schamanen, deren aufgaben heute überwiegend populäre medien übernehmen. die literatur ist ein langsames medium, das vertiefungen ermöglicht, während moderne medien immer schneller werden, wodurch die gefahr der oberflächlichkeit, verflachung und vergröberung besteht, denen literaturen ihre alternativen angebote entgegenstellen können. daß andré schinkels texte im sprachduktus behutsam und nie auftrumpfend wirken, hängt mit ihren vertiefungen, aber wohl auch mit der melancholie der wirklichkeitsbetrachtung zusammen. vertiefung gelingt meist nur, wenn man abbremst und innehält.

als zentrale texte des bandes empfinde ich »Äonenfabel« und »Sog, Paradiso«, apokalyptisch anmutende visionen. »Äonenfabel« beschreibt in einer erschreckenden ganzheitlichkeitsvision, die zeiten und räume umfaßt, keinen biblischen tierpark, sondern einen höllischen kreaturensumpf, worin tiere und menschen, und sogar götter, oder zumindest halbgötter, das beschreibende ich, die erdgeschichte wach im blick, mittendrin, lebensreal und als mumie, miteinander verklumpen und von der natur, während sie noch leben, verdaut werden, verwesen und zu humus auferstehen oder erstarren, bis der kreislauf des vergehens und werdens erstmals seit äonen außer kontrolle gerät. die sensibelsten menschen haben oft die grausamsten visionen. franz kafka führte in tiergestalten, die meist gequälte wesen sind, die absurditäten des menschlichen lebens vor und stellte damit dessen angebliche normalität infrage.

»Sog, Paradiso«, worin die menschheit als leiberbrei in einem trichter erscheint, durch den sich jeder einzelne in einer vermeintlichen katharsis zur öffnung ins ersehnte paradies quälen muß, verbindet offenbar motive aus dantes »Göttlicher Komödie«, von walter benjamins engel der geschichte nach paul klees bild »Angelus Novus« und edgar allan poes erzählung »Im Wirbel des Maelström«. auch den keltischen kessel der wiedergeburt, der schöpfung symbolisiert und mit dem gralsmotiv korrespondiert, kann man hier mitdenken. der weg in die ideale welt führt durch ein alptraumhaftes diesseits, ankunft ungewiß. ich fühlte mich beim lesen an den satz »Das Diesseits ist das Saatfeld für das Jenseits.« erinnert, der mohammed zugeschrieben wird. »Moralischer Zerfall, wenn man sich an einem allzu schönen Ort aufhält. In Berührung mit dem Paradies löst das Ich sich auf. Gewiß hat der erste Mensch die bekannte Wahl getroffen, um diese Gefahr zu vermeiden.« heißts bei cioran. lebensreal ist meist weniger das positive das paradies als vielmehr die abwesenheit des negativen. wer privilegiert lebt und nicht darunter leidet, hat wenig vom dasein begriffen.

andré schinkel vergleicht städte mit bahnhöfen und relativiert damit die anwesenheit eines menschen an einem ort. als archäologe, der durch die zeiten hindurch schaut, durchstreift er auch urwelten, indem er die knochen und scherben, die er ausgraben könnte, im geiste mit sich trägt. der archäologe, den selbst die ewigkeit nicht umwirft, ist aufgrund seines zeitenübergreifenden blicks sozusagen ein astronom der erdgeschichte. »Am Ende der Warmzeit« beschreibt das leben in einer neuen eiszeit. man kann eben, wenn man an endmoränen vorbeifährt, nicht nur die vergangenen gletscher sehen, sondern auch die künftigen.

die entstehungszeiten von werkzeugen, waffen und techniken beim vorhistorischen menschen müssen nach neuen archäologischen funden oft weiter zurück datiert werden. zuletzt wird man vielleicht herausfinden, daß bereits die menschenaffen moderne menschen waren, oder umgekehrt. identitäten beruhen oft auf zufällen. einzelne menschen wie regierungen, ja ganze staaten und kulturen, glauben, denken, sagen, legitimieren und tun das, was ihnen momentan vorteile verspricht. und wenn morgen das gegenteil vorteilhafter scheint, glauben, denken, sagen, legitimieren und tun sie das gegenteil. dies ist das normale menschliche verhalten, jede abweichung davon die ausnahme.

viele der texte haben regionale hintergründe. beim lesen dachte ich mehrfach auch an die prosa von dylan thomas. eventuell könnte man sagen, halle an der saale, oder bitterfeld, oder die ganze gegend, seien das swansea von andré schinkel, der in holzweißig bei bitterfeld aufwuchs. wiederholt kehrt er literarisch an orte seiner kindheit zurück. mitunter bekommen diese texte, so »Verwunschener Ort«, etwas nostalgisches. nostalgie meint meist, und man mißversteht sie daher häufig, weniger das wirkliche erleben einer vergangenen zeit, sondern die hoffnungen, die man einst hatte und die häufig unerfüllt blieben, weshalb sie fortgesetzt erinnert werden. erfüllte hoffnungen kann man leichter vergessen. und jene hoffnungen, die wir nicht preisgeben wollen, machen die orte dann verwunschen und verzaubern sie. zugleich bedeutet verwünschen verfluchen, im sinne von wegwünschen, und kann verhängnisvolle zusammenhänge bezeichnen.

andré schinkel hat in seiner jugend eine ausbildung zum rinderzüchter mit abitur absolviert. da kann man fragen, weshalb ein geborener dichter einen der literatur scheinbar so fernen beruf ergreift. wer die mythischen motive in seinen texten kennt, wird ahnen, daß auch diese berufswahl nicht allein profane gründe, etwa durch äußere zwänge bedingt, gehabt haben kann. überdies wirkte hier wohl eine große empathie für die natur, und damit das lebendige, mit. fürs mythische und dichterische wahrnehmen dürfte eine ländliche herkunft nicht unvorteilhaft sein. magische fähigkeiten sind gesteigertes naturempfinden.

clemens alexandrinus nannte das rind das symbol der erde, der landwirtschaft und der ernährung. kuh und stier waren früh symbole der fruchtbarkeit und muttergottheiten oft kuhgestaltig, so ägyptisch hathor, die mutter des sonnengottes horus. die gleichfalls kuhgestaltige ägyptische göttin mehet-uret verkörperte das urgewässer. griechisch hieß die erdundgeburtsgöttin hera die kuhäugige. vedisch symbolisierten kuh und stier selbstbefruchtung und urzeugung. das »Rigveda« kennt die kuh, »die alles lebendig macht«. den wagen der germanischen erdgöttin nerthus zogen kühe.

der stier wirkte ebenfalls befruchtend. den rauschhaften befruchter dionysos dachte man sich als stier. der ägyptische fruchtbarkeitsgott min hieß »Stier seiner Mutter«, der syrische göttervater el stier. die syrische fruchtbarkeitsgöttin astarte soll einen stierkopf getragen haben. nach persischer überlieferung entstand die welt aus dem getöteten urstier. im gefolge des indischen zeugungsgottes shiva erschien der stier nandin. regen spendende wettergottheiten waren häufig mit stieren verbunden.

vielfach findet man in andré schinkels texten vögel. in seinem erzählband sind dies amseln, nachtigallen, rotkehlchen, stare, meisen, grasmücken, die er offenbar besonders liebt, sänger, sprosser, sperlinge, grünfinken, stieglitze, girlitze, hänflinge, ammer, kernbeißer, störche, milane, dohlen, eulen und möwen. die vogelsymbolik folgt auch der sehnsucht, aufzufliegen und andere sphären zu erreichen. mystiker wollen durch seeleninnenräume fliegen. wenn vögel singen, rufen oder fliegen, leben bisweilen paradiesische anklänge auf. die fähigkeit zur identifikation und sympathie mit dem kreatürlichen reicht bei andré schinkel an einer stelle bis zu einer toten taube. in »Momentum« identifiziert er sich mit einer fledermaus, unter anderem wegen seiner »wundlektorierten Augen«.

apologetik und populismus findet man bei andré schinkel nie, egal in welcher richtung. er wußte wohl seit seiner kindheit, daß er nicht normal werden darf, wenn er das eigene machen will. dafür war seine skepsis gegenüber menschen, die keine feindschaft ist, zu früh ausgeprägt. er hat gegenüber seinen figuren und deren leben keine illusionen, aber auch keine verachtung, und betrachtet sie mit verständnisvoller trauer. die meisten menschen sind unglücklich und verbergen ihr unglück, weil ein bekenntnis dazu nicht opportun wäre. unglück ist erst gefragt, wenn man es verwerten kann.

andré schinkel weiß: wer die schleusen der erkenntnis öffnet, kann in dieser welt eigentlich nur unter vorbehalt leben. deshalb folgen ja auch viele menschen traumkollektiven, die an illusionen glauben. denken und leben bilden einen fundamentalen gegensatz. emile m. cioran schrieb: »Klarsicht ist das einzige Laster, das frei macht – frei in einer Wüste.« »Alles durchschaut haben und dennoch am Leben bleiben – es gibt keinen unmöglicheren Zustand.« und »Sich befreien heißt, sich über die Irrealität freuen und sie in jedem Augenblick suchen.«

viele texte beschreiben außenseiter, verlierer, beschädigte und depressive menschen. dabei hat der autor, obwohl die gedemütigten und traumatisierten häufig auch würdigungen und freuden bloß noch eingeschränkt wahrnehmen können, durchaus sinnliches leben im blick, sogar ironisch: »nur deshalb bemühen wir uns in der Wahl so zahlreicher und ausgefallener Gerichte: weil uns die Bedienerin dann für einen Bruchteil eines Augenblicks alleine gehört.« heißt es in »Bewegungsunschärfe«.

je familiärer die prosatexte von andré schinkel werden, umso weniger sind sie dekadent. so hat »Fügung«, worin er in realistischer schreibart von der geburt seiner töchter berichtet, eine andere, das heißt hoffnungsvolle atmosphäre. vielleicht ist dies der liebevollste text des bandes, dem es an einfühlenden momenten insgesamt nicht mangelt. überhaupt findet man im letzten drittel einige optimistischere stücke, allerdings ebenso eine »Menschenfressergeschichte«.

 

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Das Licht auf der Mauer / Erzählungen von André Schinkel, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2015

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