berauschendes Buchstabengestœber

25. Oktober 2015
Von

Vorbemerkung der Redaktion: Für das Projekt Kollegengespräche hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt, daher bringen wir gern eine leicht modifizierte Übernahme aus der Reihe “Der lyrische Mittwoch” zwischen Sebastian Schmidt und A.J. Weigoni.

Dem Schein einer konsistenten Grauwirkung die genaue Betrachtung entgegensetzen und dann im Text nichts weiter finden als das Flirren von „Buchstabengestœber“. Die Worte haben ihre Festigkeit im Gefüge verloren und wurden instrumentalisiert zu Gummigeschossen auf die Netzhaut der Textüberflieger. Noch immer aktuell dieser Gedanke, nicht nur im Bereich der Lyrik, sondern beispielsweise auch übertragen auf die verstümmelten Salven der Werbesprache. Mit deutlichen Bildern und nüchternen Worten zieht das lyrische Ich Bilanz, erkennt die Möglichkeiten der Sprache, aber bescheinigt ihr „durchfall“. Die Suche nach dem vermeintlich Wirklichen hält an, aber sie findet statt im Trüben, ihr Ausgang bleibt vorerst offen, doch manche Tendenz zeichnet sich bereits ab –

***

‡ Zwischenbefund ‡

die Sprache
hat das
Sagen
:
progressive Paralyse
anhaltender Satzdurchfall
Worte
wertloser als
abgestempelte Fahrkarten
welche wenigstens eindeutige
Richtungen bestimmen
raschelndes Papier
berauschendes Buchstabengestœber
nach Wirklichkeit wird
weiterhin im Nebel gestochert

***

Sebastian Schmidt: Hört man sich den Vortrag von „‡ Zwischenbefund ‡“ an, hat man das Gefühl, Du hauchst den Worten und dem Gedicht ein Eigenleben ein. Warum hast Du dich dazu entschieden, Deine Gedichte für das Hören aufzuarbeiten? Was bewirkt der Vortrag, das dem Geschriebenen abgeht?

A. J. Weigoni: Dem Radio gilt meine lebenslängliche Leidenschaft. Schon als Kind habe ich begeistert vor dem Lautsprecher gesessen, um mir beispielsweise „Jim Knopf und die Wilde 13“ anzuhören. Mir bereitet es immer noch eine grosse Freude, wenn das geschriebene Wort zu Fleisch wird. Da komme ich mit meiner Arbeit vom Hörspiel, also einem Medium, das bereits 80 Jahre alt ist, in diesem Genre steht das Wort häufig im Mittelpunkt. Allerdings betone ich das Wort Spiel im Hörspiel. Das Spielen scheint mir der Königsweg zum Verständnis der neuen Medien zu sein. Computer, Studios und Software sind keine Werkzeuge, sondern Spielzeuge, wobei die alten Medien als Navigationshilfen dienen.

 ? Wie beeinflusst das Deine Art, Texte, Gedichte zu schreiben?

! Da muss ich auf Reset drücken. Ausgangspunkt war die Literaturclips-CD. Wir haben zum einen arrièregardistische Arbeiten gemacht, zum anderen ein altes Aufnahmemedium, den Kunstkopf mit einer zu dieser Zeit neuen Aufnahmetechnik, sprich DAT gekoppelt. Damit konnten wir dann praktisch Road-Radio machen und jeden Raum in ein Aufnahmestudio verwandeln. Wir erarbeiteten Soundscapes um der Poesie neue Klangräume zu eröffnen. Die Notwendigkeit der Literaturclip-CD (damals war der Claim Hörbuch noch nicht abgesteckt und wir veröffentlichten die CD beim Punk-Label Constrictor) ergab sich damals schon aus dem Verfall der klassischen Hörkultur (Stichwort Begleitprogramm) und dem fortschreitenden Verdrängungsprozess auf dem durch Hochtechnologie geprägten Medienmarkt. Das Medium „Hörbuch“ knüpft an die Oral History an und versetzt uns zurück an den Ursprung aller Dichtung, ihr Verwurzelt-Sein in Kult, Beschwörung, Magie.

? Beziehst Du die möglichen akustischen Umsetzungen bereits in den Prozess des Schreibens ein oder trennst Du Textentstehung und Vertonung voneinander?
! Das lässt sich schlüssig an einem Beispiel beschreiben: „Schland“ ist die mir wichtigste Arbeit, weil hier Bildende Kunst, Komposition und die Darstellende Kunst sinnfällig ineinander gegriffen haben. »Schland« ist ein Zeitfetzen. Ein akustischer Raum in einem räumlichen Behältnis, dem „neuen“ DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz. Er folgt dem poetischen Kernsatz: „Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde.“ Mit dem Künstler Peter Meilchen arbeitete ich an einem Stück, das sich zwischen bildender Kunst, Theater und Performance bewegte. Die bisherigen Aufführungen bestätigten: Schland ist nicht nur ein Acker in Herdringen, auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist überall. Es geht (ganz im Sinne Poe’s: „Man sieht es und sieht doch hindurch“.) um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit. Im Gegensatz zum oft beliebigem High-Tech-Bilderschaschlik, wurde Schland mit einem scheinbar antiquierten Bildträger gedreht: Super 8 S/W-Material. Peter Meilchens Nachbearbeitung mit Tipp-Ex, Tinte, Farbstiften und das partielle Zerkratzen der Filmoberfläche kommentiert und verfremdet den Film zugleich. Genauso wie der Blick manipuliert wird, wurde die Tonspur bearbeitet. Wir hören als Continuum: Zikaden aus dem Mittelmeerraum, Kühe vom Niederrhein, Kuhglocken aus dem Zillertal und Unken aus dem Aquazoo. Die heile Welt als virtuelles Ereignis. (Anmerkung Se. S.: Hier klicken zum Ansehen und Anhören)

? Neben Deinem Schaffen als Künstler arbeitest Du als Literaturpädagoge. Auch dort findet sich die Nähe zur Kunst, doch wie kann man sich die Arbeit eines Literaturpädagogen genau vorstellen?
! Nach den Ergebnissen der „Pisa“-Studie fragt man sich, wie der Welt etwas hinzugefügt werden kann und die mediale „”Wirklichkeit aus zweiter Hand“ reflektiert werden sollte. Die Frage einer Sinnenschulung angesichts des unterstellten Erfahrungsverlustes durch permanenten Medienkonsum wirft viele verborgene Ratlosigkeiten auf. Mit literaturpädagogischen Kursen versuche ich die fluide Intelligenz abseits von Routinen zu schulen. Aus dem suchenden Gedankenspiel eines Navigierens in einem Raum der Möglichkeiten speist sich ein Lernen, das andauernd den Entwurf mit der Reflexion konfrontiert und das zwischen Nachdenklichkeit und Idee agiert. Kopf und Hand gehen eine Vermählung ein, wie es das Lernen nur selten zulässt, weil bekanntermassen das träge Wissen aus den Büchern meist nicht die nächste Lernkontrolle überdauert.

? Was zeichnet erfolgreiche Literaturpädagogik aus?
! Literaturpädagogische Vermittlungsarbeit vermittelt sich im Spannungsgeflecht eines Paradoxons: Sie muss die Rezeption mit Wissen um die Kunst ausstatten, und zugleich neben dieses Wissen treten, um im Hören und Erleben ästhetische Erfahrung zu ermöglichen. Auf diese Weise fördert die Literaturpädagogik die nach „Pisa“ stark gefragten Kompetenzen zum Verstehen einer komplexen Wirklichkeit, auch wenn ästhetische Bildung autonom ist, frei von kommerzieller Verwertung. Literaturpädagogik ist ein Synonym für das Probieren, das Erforschen, das Improvisieren und das Erfinden, sie schliesst die Jugendlichen mit dem künstlerischen Erfahrungspotenzial zusammen. Zugleich bindet sie die resultierenden Hörstücke aus dem suchenden Spiel an die Symbolwelten der Jugendlichen zurück und macht Jugendkulturen damit verständigungsfähig. Wichtig ist, dass man beim Lernen die Frustschwelle nach oben treibt. Medienkompetenz umfasst aus meiner Sicht vier Punkte: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und eigenständige Mediengestaltung.

? Welche Rolle sprichst Du der Literatur demnach in der Erziehung zu?
! Im Zeitalter der so genannten Neuen Medien erreicht man Kinder und Jugendliche schwer mit Büchern. Wir erleben einen zunehmenden kulturellen Analphebetismus, den auch die Indifferenz verursacht, zu der die modernen Vereinfältigungsmedien verleiten. User leben eine Kultur der Ungeduld. Sie wissen, wie man etwas findet, aber sie wissen eigentlich nicht, was sie finden möchten. Das Betriebssystem für die elektronischen Medien ist das Lesen. Das Betriebssystem für das Lesen ist die Sprachkompetenz. Das Betriebssystem für das Hören ist Aufmerksamkeit; eine knappe Ressource. Wer nicht hysterisch über Kunst und neue Medien sprechen will, braucht nicht in einen naiven Realismus zu verfallen. Es gibt auch dazu eine Alternative, die nicht minder rational ist: die medienarchäologisch genaue Analyse jener Änderungen der Wirklichkeit, die sich auf dem Weg von den einstigen Analogmedien wie Rundfunk oder Telefon zum Digitalmedium Computer ereignet haben.

? Aus Deiner Feder stammen mittlerweile viele Verse und Zeilen. Dennoch deuten die „Prægnarien“ in die Richtung, in die schon die musikalisch begleitete Vertonung Deines Monodrams „Señora Nada“ wies: Die Öffnung und Verschmelzung der verschiedenen Künste für‑ und ineinander, mehr und mehr weg vom lediglich Gedruckten. Siehst Du darin eine Möglichkeit, der Poesie wieder mehr Gehör zu verschaffen?
! Wenn man in die Mediengeschichte schaut, hat nie ein Medium ein anderes verdrängt, sie existieren alle noch, selbst die Schallplatte findet neue Liebhaber. In einer Welt, die von Globalisierung, Quotenabhängigkeit und Fusionen bestimmt wird, droht eine Nivellierung des Individuellen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bildet die Poesie als literarische Ausdrucksform einen Gegenpol zur mentalen Versteppung und vermittelt geistige Orientierung. Meine lyrischen Textkompressionen bieten die Möglichkeit, sich die Kodierungen der Nachrichten‑ und Informationskanäle, der Bild-, Ton‑ und Filmarchive in intensiver Textausdeutung zu erschliessen. Die Produktion „Señora Nada“, auf die Du hinweist, kommt in der klassischen Form eines Funkmonologs daher und fällt damit scheinbar klangästhetisch weit hinter die Arbeiten etwa eines Günter Eich zurück … ich bevorzuge es, durch Inhalte zu provozieren und nicht durch Dolby-Surround. Im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Ich suche die Poesie im ältesten „Literaturclip“, den die Menschheit kennt: dem Gedicht.

? Verrätst Du uns, welche weiteren Projekte Du vor diesem Hintergrund geplant hast und was uns von Dir zukünftig erwarten wird? Wird es eventuell auch wieder Literaturclips geben wie den ganz vorzüglichen „Schwebebahn“?
! Es wird mit den Schmauchspuren in 2015 einen neuen Gedichtband geben, zumindest sind dann die 10 Jahre um, die ich brauche, um einen Band mit Lyrik zu vollenden. Und es ist wahrscheinlich, dass ich mit Tom Täger im Tonstudio an der Ruhr dieses Kompositum als nächstes Hörbuch aufnehmen werde. Lyrik ist die vitalste Form der Sprache. Inhärentes Programm des nächsten Buches wird es sein, die Sprache, die uns von der Welt trennt, durchlässig zu machen.

Zum Abschluss noch ein Frage, die sich auf Deine Expertise als erfahrenen Dichter und Literaturpädagogen bezieht. Hast Du einen Tipp, den Du jungen und angehenden Künstlerinnen und Künstlern geben kannst, um langfristig die Qualität der eigenen Arbeiten zu steigern, sich eventuell auch zu motivieren, in schwierigen Situationen weiterzumachen?
! Zuerst und immerwieder: Lesen! Das ist die Basis von allem weiteren. Als Lyriker sollte man im 21. Jahrhundert nicht den Irrtum begehen, Poesie erschöpfe sich in der Etikettierung medial gefilterter Wirklichkeit. Zum Schreiben gehört Demut, ein Schriftsteller kann nicht leben, ohne zu schreiben – und ohne zu leben, kann er nicht schreiben. Die Sprache ist das Werkzeug des Schriftstellers und der Schriftsteller ist das Werkzeug der Sprache. Solange man als Schriftsteller seine Integrität bewahrt, ist alles in Ordnung. Wenn ich, um meine Integrität als Schriftsteller bewahren zu können, fremdbestimmt arbeiten muss, ist das ein Beitrag zur Sozialhygiene. Als vielseitig gescheiterte Persönlichkeit habe ich das Glück, mit geistig und körperlich behinderten Menschen arbeiten zu dürfen. Dies erlebe ich als Balance, einerseits kann ich mein künstlerisches Ich ausleben, andererseits meine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft erfüllen. Haltung ist jedoch nicht die autonome Entscheidung des denkenden Subjekts, sondern immer auch Sache der medialen Vorgaben. Seit 1989 ergeben sich gesellschaftliche Fragestellungen, die einen kooperativen Arbeitsstil erfordern, bei dem man sich gegenseitig Hilfestellung leistet und nicht engste Rivalen‑ und Reviergrenzen aufbaut. Inzwischen nennt man dies Netzwerk.

! Gerade die Ausführungen zur Kombination von Poesie und Technik machen deutlich, dass sich die Dichtung nicht erschöpft in einem Nebenher zum Jetzt, sondern dass im Mittendrin, durch Anwendung und Bezugnahme, eine Poesie möglich ist, die über das Gedruckte und zu kurze Aufmerksamkeitsspannen hinausgeht, indem sie mehr einfordert und dafür mehr zurückgibt. – Wenn Sie mehr aus dem Schaffen A. J. Weigonis erleben möchten, bieten die folgenden Links reichlich Material: Eine wunderbare Arbeit, Zur Sprache bringen, die Kunst und Einfühlsamkeit gegenüber behinderten Menschen verbindet und so unsere Wahrnehmung herausfordert und dadurch erweitert, kann hier gehört werden. Ein Auszug aus dem erwähnten lyrischen Monodram Señora Nada liegt hier vor.

 

***

Gedichte, Hörbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2015

Coverphoto: Leonard Billeke

 

Further reading →

Lesen Sie ebenso Würdigungen von Jens Pacholsky: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters, Holger Benkel: rettungsversuche der literatur im digitalen raum, Christine Kappe: Ein Substilat,  Ein Resümee des akutischen Gesamtwerks erschien bei buecher-wiki. Und lesen Sie auch VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, einen Essay von A.J. Weigoni über das Schreiben von Gedichten.

Further listening →

Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.

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