„Ich möchte lieber nicht“

7. Februar 2015
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Der Dichter, der sein Gesicht verbirgt, bewegt sich auf heiligem Terrain. Er benutzt Gottes eigenen Trick.

Don DeLillo

Diesen Titel habe ich mir aus Bartleby, der Schreiber von Herman Melville geborgt. Die Hauptfigur lehnt eines Tages zur Überraschung seines Dienstherrn jede Tätigkeit mit den Worten ab: „I would prefer not to“.

Bezogen auf den weitaus meisten Teil der Autoren die so genannte Lesungen machen, sollte man diesen Rat beherzigen: „Sie sollten besser nicht!“ Und zwar ihren Arbeiten öffentlich vortragen.

Provokativ formuliert: 95 % aller Autoren können es nicht!

Betrachten wir drei klassische Konstellationen, bei denen Literatur zum Vortrag gebracht wird:

1. Lesung mit Wasserglas. Der Klassiker, vorzugsweise mit an einem Tisch auf dem auch eine Lichtquelle steht, die selbst dem blassesten Autor etwas Aura verleiht. Die weitaus meisten Autoren lesen aus ihrem Buch, so als müssten sie dadurch ihre Autorenschaft beweisen. Sie klappen ihr Werk auf, suchen umständlich eine Passage und lesen. Dies wirkt oft unfreiwillig komisch so, als würden sie diese Stelle zum ersten Mal lesen.

2. Lesung in der Schule. Das Publikum ist begrenzt auf ca. 30 Personen. Ein Lehrer gibt die Einführung. Die Art des Vortrags in oft auch nicht wesentlich spannender als Variante eins. Was den meisten Autoren nicht bewusst ist, hier kommt ein Publikum zum ersten Mal mit Literatur in Berührung. Und oft zum letzten Mal.

3. Slam-Poetry. Im Unterschied zum Begriff Poetry Slam, der einen literarischen Vortragswettbewerb bezeichnet, ist Slam Poetry „publikumsbezogene und live performte Literatur.“ Dies führt dazu, dass nicht auf Inhalte, sondern auf Effekte hin gearbeitet wird. Vorteil dieser Vortragsform, die Auftritte nehmen keinen allzugrossen Zeitraum in Anspruch.

Die Literatur hat vorgenannte Dilettanten nicht verdient. Selbst Autoren, die erkennbar mit Problemen bei der Rezitation zu kämpfen haben, nehmen nicht Abstand, sondern kassieren weiterhin ihr „Autorenhonorar“. Begründet wird dies meist dadurch, dass dies zu ihrem Lebensunterhalt beiträgt. Arthur Rimbaud war Waffenhändler, Franz Kafka Versicherungsvertreter und Gottfried Benn Arzt (wer würde nicht bei ihm in die Sprechstunde gehen?), warum ist es unter der Würde dieser „freien Schriftsteller“, einer fremdbestimmten Arbeit nachzugehen?

Verdient haben nur wenige Autoren eine Anerkennung, finanziell und historisch, etwa die Kollegen von DaDa und Expressionismus, der Wiener Gruppe oder der Performern von Jazz meets Lyrics. Diese 5 % sind im Literaturbetrieb eher marginalisiert.

Die Veranstalter sollten die Arbeit des öffentlichen Vortrags fürderhin bestens ausgebildeten Menschen überlassen: Schauspielern.

Aus dem Geschilderten habe ich meine Konsequenz gezogen und mich nach einer letzten Performance mit dem Posaunisten Philipp Bracht aus dem Literaturbetrieb zurückgezogen. Mein Tun beschränkt sich nurmehr auf die Studioarbeit mit Tom Täger. Die Arbeit am Hörbuch ähnelt der intimen Situation von Leser und Buch, wenn jemand eine CD in den Rekorder schiebt, es geht um die Einheit von Ohr und Hirn, das wahre Aufnehmen.

 

***

Gedichte, Hörbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2015

Coverphoto: Leonard Billeke

Weiterführend

Lesen Sie ebenso Würdigungen von Jens Pacholsky: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters, Holger Benkel: rettungsversuche der literatur im digitalen raum, Christine Kappe: Ein Substilat, Sebastian Schmidts Kollegengespräch: Der lyrische Mitwoch. Ein Resümee des akutisches Gesamtwerks erschien bei buecher-wiki. Und lesen Sie auch VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, einen Essay von A.J. Weigoni über das Schreiben von Gedichten. Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.

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