Wandarchiv

28. Dezember 2014
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Das Treppenhaus hinauf und herab, jeden Tag, oft mehrfach, zuweilen sogar stündlich, weil Dinge zu erledigen sind, die nicht aufgeschoben werden können. Der Dreck der Straße wird auf den mit Teppich bezogenen Stufen abgetreten, irgendwann weggesaugt von fleißiger Hand. Meist achtet der Hausbewohner auf den nächsten Schritt oder schaut auf das mobilie Kommunikationssystem in seiner Hand. Vielleicht konzentriert er sich auch darauf, nichts fallen zu lassen, weil alle eingekauften Sachen so unsicher aufgeladen wurden.

Oberfläche.

Langsam mag der Hausbewohner erblinden, was da eigentlich hängt. Aber tatsächlich ist es das visuelle Archiv eines Lebens. Immer wieder kann der aufmerksame Betrachter entdecken, dass sich die Bilder verändern, sie ausgetauscht werden oder, was fast schon unmöglich ob dieser Dichte erscheint, tatsächlich neue Werke hinzukommen. Künstler bringen beizeiten zu ihren Besuchen kleine Präsente mit, wissen, hier werden sie verewigt, kommen zur Ehre. Andere Teile dieser Installation kommen auf Ausstellungen oder Messen hinzu. Über hundert Arbeiten zieren diese Wände, in konsequent inkonsequenter Petersburger Hängung. Die Bildwerke, grafische, malerische oder kleine skulpturale Arbeiten müssen die Kontraste aushalten, Konfrontation mit anderen Konzepten, werden dadurch vielleicht gerade bestärkt.

_MG_8911Ein offenes Bilderbuch.

Zuweilen sehen sich neue Besucher dieser Fülle konfrontiert, treten automatisch einen Schritt zurück und glauben, auf diese Weise das Ganze erfassen zu können. Aber nein, das geht nicht, darf nicht gehen, denn das Bild ist nur in der Bewegung durch diesen stockverbindenden Stufenraum zu verstehen. Ebenso wie  die persönliche Geschichte nicht an Fixpunkten zu erklären ist, muss hier der Bezug des Einzelnen zum Ganzen gesucht und vielleicht sogar gefunden werden. Warum hängen da Arbeiten von Almuth Hickl und Peter Meilchen, von John Hosse, Marcel Hardung, Margarethe Hesse, von Andreas Krengel neben Uwe Kramer, von Karl Hosse mit Xenia Frisan und Martina Schenk neben Stephanie Neuhaus? Was haben diese Menschen mit einander zu tun, die sich vielleicht doch noch nie begegnet sind. Jene drei Arbeiten von Eberhardt Viegner dort oben über der Tür, die das urtümliche Soest um 1919 abbilden. Jene kleinsten Fragmente von Peter Meilchen auf einer CD von A.J. Weigoni, die nichts illustrieren und doch zusammen gehören, als wären sie verschmolzen. Arbeiten von bekannten und unbekannten Künstlern und dazwischen auch Kinderbilder oder sind sie auch von Künstlern?

_MG_8910Zeitung.

Jedes Bild ist zum Informationsträger einer ganz eigenen Geschichte geworden. Dieses Kissen etwa, welches auf einer netten Messe von Andrea Freiberg geschenkt wurde, natürlich mit einer Aufgabe, die längst nicht erfüllt wurde, denn dafür muss es Sommer werden; jene kleine Leinwand mit Sternen, die für den symbolischen Preis von einem Euro bei einer Ausstellungseröffnung von Stephanie Neuhaus erworben wurde. Diese gelbockerfarbene Figuration, welche so leicht scheint, als würde sie schweben, so nichtssagend auf den ersten Blick und mit jeder Sekunde des Betrachtens wird dieses Werk dichter und konkreter und man meint, die abgebildete Figur zu kennen, die doch nichts als offensichtlicher Zufall ist. Eine Sammlung von fotografischen Portraits neben einem verlaufenen Wachsbild, ein Tuscheakt neben einer verkratzten und gedruckten CD. Ein Stück Blei mit Figuren neben einer Abstration. Zu verstehen ist das wohl nicht, aber verständlich.

So wie das Straßenpflaster ein Archiv darstellt oder die Äcker, durch die wir unsere Jahresendwanderungen im Schneegestöber machen, so ist auch dieses Treppenhaus als enigmatischer Gedankenspeicher zu verstehen.

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