Ehrenstr.

16. November 2014
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: rollt sich aus dem Schlaf & Steppdeck Stirnrunzeln wirrer Schopf verklebt – X-Ray schaut in den Tag hell Uhr tickt weiß nicht wo öffnets Fenster nicht warm aber sonnig bißchen Hygiene sonnig-guter Tag 1 Schluck Cola erssma raus peilen was so passiert etc. vergessen zu essen is eh nix da bestimmt schon Mittag Straße voll Einkaufsmenschen Nylonmädchen Gelfiguren Autos stockstocken wg. dreist-querenden Passanten Skateboard mitnehmen sollen Quatsch zuviel Verkehr ach Scheiß doch auf den Verkehr noch das Modul besorgen & vorbei beim Dean Geld?? – keine 5,- ah hier noch was paar Zehner musses eben so gehn 1 Boutique an nächster Cino & Schikki-Café kucken stieren blöden raus auf X-Rays vollgemalte Klamotten äh die ej wie die da aussehen/sitzen nur vorhanden & sonst nix im Kopf ej die Schuhe sind gut wozu brauch man schon Schuhe wie? morgen Party in Ehrenfeld? `s Plakat noch klebefrisch macht doch bestimmt der Rolli vielleicht treffich `n & hör was Genaues tja erst Computerladen oder Video Video Computerladen also Video „Hei, wie gehts?!“ – „Na, immer so eben, unterwegs halt… kommste grad vom Malkasten?“ – „Genau.“ – „Und? Pinsel??“ – „Ja, und Acrylfarben.“ – „Morgen iss Party in Ehrenfeld.“ – Ah ja? Wo?“ – „Ruine.“ – „Alles klar, bis dann, ne?“ hat X-Ray schon lang nich mehr gesehn & ansonsten egal wohnt immer noch im Belgischen Viertel? aber Frauen Frauen wozu – also Computerladen … „Ich brauch noch so`n Modul!“ – „…“ – „Und was kostet?“ – „1,30.“ na das geht ja und schnell heim & einbaun die geilen neuen Programme ah das Graffitti is auch noch da BAMMMM drischter gegen ne Parkuhr & kuckuckt: „Geschlechtsverkehr!“ paar drehn sich um nich so viele Mist Kamera bräucht man kein schlechtes Motiv das Auto da am besten was Geld auftreiben Contac kaufen „Geschlechtsverkehr!“ & schon ist X-Ray wieder zu Hause haut die Tür auf & rein wo war noch der kl. Schraubenzieher? Ach Musik bam pe tà pe tà BEAT! FUNK! YEAH! kl. Tanz & Drehsprung Tür auf kommt der Zuhälter von oben (auf seinem Briefkasten steht „Gynäkologe“) sacht: „Hei, Psy!“ – „Für dich nur X-Ray!“ & zappelt wirbelfingrig zur Musik „Paß ma opp, isch moß jrad wääsch, wenn minge Früündin kütt, sachssär maal, dattisch om zehn wedder do ben.“ – O.K., Mann.“ & Loddel is wieder weg also gut an die Arbeit … `s Modul is drin abers Programm lädt nich ein wer kommt? ah Dean… gut, braurich da nich mehr vorbei „Na, Mann…“ – „Alles klar.“ – „Kuckma, neue Programme, krieg den Scheiß nonnich ans Laufen“ … „Ich letztlich 2 Trips geklinkt/ inner Bäckerei verlaufen/ und dann die Alte, die schielte: will die mich küssen? Kuckt aber ständich an mir vorbei, da merk ich das erss“ Hiphop-pèhip „Kannste Rap tanzen?“ – „Nee, hab ich bei der Bundeswehr gemacht, hattich das ganze Lazarett für mich, habn Ghettoblaster hingestellt & dann gings ab…“ – „Haste Geld?“ – „Hmm… äh nurn Zehner.“ – „Na gut.“ … dann is Dean wieder weg X-Ray läßt basic-Kolonnen übern Bildschirm regnen dann wieder Schrei Drehsprung kl. Defilee vorbei an den Bildern (der Galerie für 1 Tag, weil der bescheuerte Vermieter sich einscheißt) neue Lampe mussich auch endlich mal wieder baun aber die Neonstange… ziemlich teuer 1 finden? klaun? überhaupt kein Bock mehr hier iss ja nix los raus hier muß au´ma´wat essen und überhaupt hier wirsse ja bekloppt & X-Ray schnappt sichs Skateboard pest weg über die Ehrenstr. Gegenverkehr leck mich doch – Halt! jetzt iss ja Geld da! bremst mit schlurfendem Brett halb springt halb fällter direkt in die Apothekentür „1 Päckchen Contac 700“ äugt blöde die Tante kuckt auf X-Ray & seinen Tapezierer-Look macht aber so & prima – was nun: ? am besten Pommes ohne alles billig & füllt am meisten aufs Brett verdammt eng jetzt um rush-hour kurvt rast X-Ray abenteuerlich mit gezielten Hüftstößen durch die Menge die geschminkten Mädels hochbeinig lagern vor den Schuh-Klamotten-Design-Geschäften sind stellen dar & rein in den Supermarkt gleitet X-Ray lautlos durch die Gänge als stünde er aufm Fließband perplexes Gekucke von Verkäuferseite so weit so klar aber was willich hier überhaupt? Nicht Pommes, sondern Nudeln selber machen? – nein, Pommes geht schneller man hat k. Zeit zu verlieren… wieder raus im Vorbeifahrn n Päckchen Ziggis geklemmt hoffentlich dauern die nich so lang die Pommes ich muß noch… in der Bude auch wieder so`n Mädchen & X-Ray lächelt mit Grübchen & spricht sie lacht auch & ist nett dann saust er zurück hupende Autos Pelzmäntel Kaufhäuser Gestank der Abgase & allgemein schlecht fette Feierabendmänner aktenkoffern hetzhetz ZACK! runter vom Skateboard & rein in den Flur hämmert gegen Briefkästen metallerner Klang das Zimmer öffnet 5 Contac-Kapseln kippts Pulver in die hohle Hand & mit Cola runter – Brrr, bitter! 1 Bild, na klar 1 Bild ah nee sind keine richtigen Farben mehr da Video geht auch nicht erst den Aku laden kommen noch mehr Leute reden L. läßt 1 Trip & etw. Pep da der Dichter E. erzählt von gemeinsamen Auftritten will noch immer keinen Computer für super-billig X-Ray zeigt ihm 1 Programm das sprechen kann da staunter der Abend ist längst da Hunger na stattdessen Speed das Telefon klingelt es ist W. Feind auch heut ist ne kl. Party X-Ray schaut sich in der Wohnung um was noch zu tun wär Bilder Texte Computer Video Design aber da ist nichts da ist gar nichts möglich sondern nur leer & jedenfalls nichts zu tun die Wohnung liegt auf ner Wasserader sie vibriert eigentlich jede Menge zu tun aber ich laß mir besser noch was Zeit damit & hastet die Treppe runter durch die dunkle doch schaufensterhelle Ehrenstr. alles elegant chic & leer bei Geschäften zu strahlt all der Glanz für nichts & nichts & wieso ausgerechnet X-Ray hier haust dampfgelb liegt der Himmel über der Stadt das is weit weg & man muß die Bahn nehmen es sind Leute da aber wenig 1 Fl. Apfelkorn die trinkt er ganz allein obwohl er nie trinkt Speed auch Trip auch & dann denkt er wirklich ihm platzt der Kopf ein paar Gesichter bleich oder nicht am Ende torkelt er kichernd zurück in Nr. 76.

 ***

Quelle: Trash Me! (55 Trash-Stories mit Supplement) – Gemeinsam mit dem kurz zuvor erschienen Band Monster sind diese Stories die ersten beiden Publikationen in Deutschland, der völlig zurecht das Gütesiegel trash trugen. – Und das nicht nur im Titel hält Stahl dat Ehrenstraßenwort, gerade auch der Inhalt hält, was er verspricht. Sie lesen Kürzest-Prosa, die in hektisch-saloppem Sprachgestus alltägliche und trivialste Beobachtungen aufgreift und in Frage stellt: trash bedeutet Abfall und ist buchstäblich das Thema vieler Texte, die immer haarscharf an der Realität bleiben und häufig geradezu authentisch wirken (was wahrscheinlich kein Zufall ist!). Ähnliche Vokabeln notiert Claes Oldenburg 1959 über die „popular culture“, der Künstler verstand darunter die Stadt, den Lärm, den Junk, und wollte eine Kunst, die sich „auf den ganzen Mist des Alltags einlässt und doch gewinnt“. Und so schließt sich wiederum ein Kreis.

Further reading

Lesen Sie auch den Artikel Perlen des Trash über 25 Jahre Gossenhefte und Enno Stahls fulminantes Zeitdokument Deutscher Trash. Eine Hörprobe von Trash me! finden Sie in der Reihe MetaPhon.

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