Perlen des Trash · Revisited

11. November 2014
Von

Das Gossenheft ist eine neue Richtung in der Literatur.

Dr. Ulrich Janetzki / LCB, Berlin

Vor 25 Jahren erschien im Krash-Verlag das erste Gossenheft mit dem Titel Jaguar, der Verlag aus der Domstadt griff auf eine Tradition zurück. Die ersten Groschenhefte erschienen um 1920 in den USA, das bekannteste hieß Black Mask. In diesem Schundheft publizierten Hammett, Chandler, Woolrich u.a. ihre ersten Short-Storys. A.J. Weigoni regte den Verleger Dietmar Pokoyski 1989 dazu an, das von ihm entwickelte Konzept Gossenhefte ins Programm aufzunehmen. Die BRD-typische Teilung in seriöse und triviale Literatur reizte sie dazu, sich elegant und mit einem ironischen Augenzwinkern zwischen diese Stühle zu setzen.

Auch die Reihe “Gossenhefte” gehört zum Programm des Krash-Verlags. In Band 24, “Quarktaschen & Pißstengel”, einer Textsammlung, geht es vor allem um den Sex der Verfasser. “Eine Literaturschwemme hat das eben an sich”, erklärt Enno Stahl, “das meiste ist beschissen.”

Der Spiegel

Bereits mit Trash me! hatte Enno Stahl 1992 vorzügliche Gossenstories vorgelegt, in Peewee Rocks, einem Speedroman in drei Gossenheften, erzählt Stahl die Geschichte von Peewee im Sinkflug. Nicht die Handlung treibt den Roman voran, es sind die im Steno-Stil aneinander gereihten atemlosen Schilderungen unzähliger Einzelheiten aus dem Alltag eines unangepaßten Glückssuchers, der Erfüllung nicht finden kann. Banal und nüchtern, übertrieben und witzig, direkt und schonungslos und ohne Pause hetzen die Wörter durch das Wirrwarr einer flüchtigen Existenz. Zornige Tiraden, flüchtige Reflexionen, schlagwortartige Wahrnehmungen, Abfallsprache, Kitsch und Kunst werden zu Prosa verschmolzen. Stahl bezeichnet diesen Schreibstil als “High-Speed-Prosa”, auf Absätze verzichtet er dabei fast gänzlich, Kommas ersetzen zumeist die Punkte, “&” ist kürzer als “und”, dies macht die Suggestion der Atemlosigkeit komplett. Diese Trilogie um Punks, Drogenköpfe, erfolglose Künstler und andere Loser ist dahingerotzte Borderline-Literatur.

Aus dem, was Jan Olieslagers niederschrieb, ist diese Geschichte gemacht. – Die Leute sind so töricht, sie fragen einen immer: ist denn das wirklich eine wahre Geschichte?

Hanns Heinz Ewers

Es ist ein Meisterwerk des Trash. Mit über dem kaukasus lag dein blauer dekonstruierten Frank Willmann und Jörn Luther den Kultautor Hanns Heinz Ewers. Wie die Geschichten des Gewürdigten, kreist auch diese sprachwitzige Gossenheft von Willmann und Luther um die Themen Phantastik, Erotik, Kunst bzw. Künstler und Reisen in exotische Länder. Diese Kolportage ist von einem unbändigen Fabulierspaß und einer ebensolchen Freude an der Luftkutscherei. In  teils äußerst drastischen Darstellungen wird hemmungslos kompiliert und kolportiert, sie würdigen  den skandalumwitterten Bestsellerautor, gleichzeitig müssen sich diese Autoren nicht gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, seine Werke seien trivial, unmoralisch oder pornographisch. Die Protagonisten Jan de Olieslagers und Professor Braun, bereisen Hanns Heinz Ewers gruselromantische Gedankenwelt. Die beiden “Unwürdigen” überleben alle Attentate auf Leib und Seele. Sie denken nach über C 33, die Untergrundgruppe “Rote Faust”, Stasi-Seilschaften, die Volksfront für die Befreiung der Normannischen Inseln und anderes. Es ist eine wortgewaltige Hommage an den Reklamechef des Satans, die stilistisch durch Sprache, Metasprache, falsche Sprache mündet in eine wüste Parodie auf Trivial-Literatur.

Ernst Jandl hat den Autoren zum Namen Das fröhliche Wohnzimmer gratuliert. Mittlerweile ist die Edition „Das Fröhliche Wohnzimmer“ von Ilse Kilic und Fritz Widhalm eine feste Größe, das heißt Tat-Sache im österreichischen Literaturbetrieb.

Birgit Schwaner

Mit llse Kilic und Fritz Widhalm legt ein weiteres Autorenduo mit irre trickOHs (der definitive Liebesroman) und dicke luft! (1 irrwitziger Arztroman) gleich zwei Romane in einem Heft hin. Falls Punkrock zu Literatur werden kann, dann sind diese Autoren die Austria-Variante von Sid und Nancy. Kilic und Widhalm gelingt es durch Zitieren und Montieren, eine eigene Poesie zu erzeugen, neuen Sinn zu geben. Es ist ein grausam schmaler Grat zwischen souverän-gelangweilt und einfach nur nuschelnd-schlafmützigen Schmäh. Banales und Beiläufiges kann zum Ausgangspunkt einer universellen Betrachtung sowohl im sinnlichen wie im philosophischen Sinn werden. Hat man sich eingeblickt, verblaßt das Experimentelle schnell wird Selbst-Verständlich. Es ist ein Gossenheft, daß man nicht nur von vorn oder hinten, sondern ebenso kreuz und quer lesen kann, quasi eine analoge Vorform des Hyperlink.

1969 veröffentlichte Hübsch seinen ersten Gedichtband “Mach was du willst” bei Luchterhand. Der ebenfalls bei Luchterhand veröffentlichende spätere Literaturnobelpreisträger Günter Grass prophezeite Hübsch daraufhin eine große Karriere als Lyriker. Hübsch bevorzugte es jedoch, Undergroundpoet jenseits des Mainstreams zu bleiben.

Wikipedia (2014-10-10)

Hadayatullah Hübsch schwingt den Zeithammer, in diesem Gossenheft finden sich zwei heftige Crime Stories in einem Heft. Dieser Zeithammer ist inspiriert von der experimentellen Literatur der 1950er, dem Dadaismus und der expressionistischen Lyrik. Wir lesen hier weniger geschriebene, als gesprochene Literatur, die 1:1 aufs Blatt gehämmert wurde. Die wirklichen Beatliteraten haben Hübsch tief geprägt, allem voran Allen Ginsberg, William S. Burroughs und unüberhörbar Jack Kerouac. Er galt als sprachgewaltiger Spoken-Word-Dichter, der die literarische Strömung des deutschen Ableger des Poetry Slam mitbegründete und Namensvater des  “Social-Beat” Festivals in Berlin war. Als einziger, der wirklich wußte, was Beat-Literatur ist, wurde er zum Mentor der sogenannten Social-Beat-Szene, die sich in angeranzten Kneipen und Sozio-Kultur-Zentren wie der Frankfurter Batschkapp ein Stelldichein gab. Wild und wüst waren diese Auftritte bisweilen, vorgetragen mit ganzem Körpereinsatz und auch stimmlich aus vollem Leib. Als lebende Legende war Hüsch deutschlandweit unterwegs auf Lesetouren und förderte junge Nachwuchsliteraten. 1996 wurde er zum „Deutschen Literatur-Meister“ beim internationalen Poetry Slam gewählt.

Weigonis Sammlung von Kurzgeschichten wurde im Format eines Groschen Romans veröffentlicht und ist ein Stück Subversion im Literaturbetrieb.

Andreas Göx, Buchsurfer

Die Stories von A.J. Weigoni im Band Monster waren die Entwurfsskizzen, aus denen dieser Romancier die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. So unterschiedlich die Ausführung ist gilt damals wie heute: Sprachlich auf das Wesentliche reduziert, Erzählungen, die ihrem Namen gerecht werden. Hier ist auf die verführerischste Art gemischt, was alle Welt am nötigsten hat, die drei grossen Stimulantia der Erschöpften, das Brutale, das Künstliche und das Idiotische. Und wie sagte Margaretha Schnarhelt: “Diese Erzählungen sind voller Humor und streckenweise so schwarz, daß sie unter der Kohlenkiste noch einen Schatten werfen würden.”

Ein weiteres KRASH-Produkt ist die Gossenheft-Reihe, noch eine wunderbare Fälschung: „Die Leute denken, es ist Jerry Cotton, und merken dann, daß man ihnen Literatur angedreht hat.” (Aktuelle Stunde, WDR) ­ darunter merkwürdige Kompilationen wie Quarktaschen & Pißstengel oder Headbanger & Bambule.

Roland Abbiate

Der Band Headbanger & Bambule rundet ab, was mit den Anthologien Quarktaschen & Pißstengel und dem Roman der 6 zu Edeltrash aufgewertet wurde, hier findet es seine Vollendung in 25 derben Stories zur allgemeinen Geschmacksverstärkung. Dieses Gossenheft erschien zur 12. Mainzer Minipressen Messe, es ist ein kultursemiotisches Werk. Es gelingt den Autoren die Mythen des Alltags als eine Form der Naturalisierung und Essentialisierung zu analysieren. Diese Autoren entwickelten  eine kritische Semiotik, die unter anderem zu Neo-Nazi-Tendenzen im wiedervereinigten Deutschland Stellung beziehen.

Dieses Gossenheft wurde gefördert vom Mainzer-Minipressen-Archiv und der Stiftung Lesen.

Scharfe Schüsse, ätzende Figuren. Gossenromane mit ausgefeilter Redekultur für alle, die Trash & Tragödie nicht missen wollen.

Buchkultur, Wien

Als vorerst letztes Gossenheft wurde mit Unterstützung von Dietmar Pokoyski Massaker produziert. Darin wird analysiert wie “das Verbrechen auch das Produkt der Gesellschaft ist, es legt ihr Wesen offen. Jacqueline, die Hauptfigur in Massaker, ist die Manifestation eines Verbrechertypus’, der erst durch die Globalisierung entstehen konnte: ein sich selbst entfremdeter Mensch, der in der Anonymität des Ballungsraums seine Psychopathien auslebt. Gewalt ist für Jaqueline eine Notwendigkeit. Es geht in ihrer Natur um den Kreislauf von Vernichtung und Erneuerung.” Als Tag für die Vorstellung dieses Krimis war der 11. September 2001 vorgesehen.

Literatur ohne die geringste Dienstleistungsmentalität

Diese Gossenheftreihe ist pures eska­pis­ti­sches Enter­tain­ment, es ist aber auch, was man nicht wahrhaben will: Subtile Zeit–Diagnose unserer eigenen Post–Histoire. Diese Autoren verspotteten das Bedeutungspathos der Hochkultur, hatten jedoch immer eine Referenz parat. Zu ihrem Kunstbegriff gehört, das reibungslose Funktionieren zu stören, sie sind keine Dienstleister für störungsfreie Unterhaltung. Er sind ein konsequent eigensinnige Autoren, der sich fern jeder Klischees völlig autonom mit dem Material beschäftigten und der trotzdem die seltene Fähigkeit besitzen, feinfühlig in Zusammenhängen arbeiten zu können, ohne die geringste Dienstleistungsmentalität. Wer neugierig auf bizarre, wilde, schlicht wundersame Literatur war, konnte jenseits kleinbürgerlicher Qualitätsvorstellungen die schönsten Entdeckungen machen, die das nach Abfallprodukt riechende Siegel Trash oft nur unzulänglich beschreibt. Man lernt von ihnen, dass Häßlichkeit auch Freiheit und Spielraum bietet: für eine höhere Art von Unschuld. Diese Heftromane halten uns den Spiegel vor, sie zeigen unsere eigenen verdrängten Gelüste und eine Schmud­del­va­ri­ante unserer Welt des neolibe­ralen, rasenden Still­stands.

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Further reading →

Lesen Sie auch das Kollegengespräch von A.J. Weigoni mit dem echten Bastei Lübbe-Autor Dieter Walter, der unter Viktor Glass die Dokufiction Diesel geschrieben hat.

Cover der 1. Auflage des Gossenheftes Jaguar

Das erste Heft dieser Reihe, die Erzählung Jaguar, überarbeitete A.J. Weigoni als Neo-Noir-Novelle Der McGuffin – Nachruf auf den Kriminalroman für das Buch Cyberspasz, a real virtuality. Weiteres läßt sich auf kukultura-extra nachlesen, zusätzlich gibt es ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.

Einen vertiefenden Artikel von Betty Davis zum vorerst letzten  Gossenheft Massaker finden Sie hier. Die Hörfassung unter dem Titel Blutrausch hören Sie in der Reihe MetaPhon.

Ein weiteren Artikel zum Gossenheft Monster finden Sie hier, die Stories in diesem vergriffenen Band waren die Entwurfsskizzen, aus denen dieser Romancier die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. Weiterführende Links: Kultura-extra, nrhz, fixpoetry

Die erwähnten Gossenhefte sind vergriffen und werden unter Sammlern für Preise um 20,- Euro gehandelt. Die sorgsam edierten Erzählungen und Novellen von A.J. Weigoni sind in einer Werkedition erhältlich:

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

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