Aus dem Nest gefallen

2. April 2014
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Es gibt nichts Dokumentarisches über irgendetwas. Alles an der Art, wie wir leben, ist subjektiv. Je länger man lebt und über die Dinge nachdenkt, desto mehr fällt einem auf, dass es wirklich kaum etwas Objektives gibt. Man sieht in den Spiegel und sagt: Das bin ich! Aber es ist Spiegelrealität. Sie zeigt nicht notwendigerweise, wie man aussieht; sie zeigt, wie man sich in einem Spiegel sieht und darin begreift. Wer sagt, dass seien Sie?

Der Photograph Roger Ballen sucht seine Motive am Rande der Gesellschaft. Jetzt hat er in seiner Wahlheimat Südafrika einen zutiefst verstörenden Kurzfilm über Menschen und Vögel gedreht. Im Video sieht man, wie ein Vogel enthauptet wird und der kopflose Vogel mit den Flügeln auf den Boden schlägt. Parallel dazu ist ein Photoband über Freaks, Arme und Ausgestossene erschienen. Lensculture hat einige sehr eindrucksvolle Arbeiten des amerikanischen Photographen Roger Ballen zusammengestellt. Für die Serie Asylum of the Birds ist er mit seiner Kamera zu einem Ort außerhalb von Johnnesburg gezogen, auf ein Gelände, wo Flüchtlinge aus Somalia und dem Kongo, aus der Psychiatrie und dem Gefängnis zusammen mit Ratten und Vögeln leben.

Daß der Mensch Teil der Natur ist, sagt sich leicht.

Alle Projekte, die Ballen bisher realisiert hat fügen sich allmählich zu einem Gesamtwerk zusammen. Im Jahr 2000, als er an seinem Fotozyklus Outland arbeitete, war er in einem Haus, wo ein Vogel mit einem Bein an einen Schrank gebunden war. Das wurde zu seinem ersten Vogel–Bild, Tethered Dove. Vögel sind für Ballen ein Symbol von Reinheit, Frieden und die archetypische Verbindung zwischen Himmel und Erde. Mit der Zeit hat er erkannt, daß er die Vögel und alles, was sie symbolisieren, mit meinem ästhetischen Universum verbinden könnte. Es ist offensichtlich, daß das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren keineswegs harmonisch ist. Es ist eine Einbahnstrasse, in der das Tier einer Situation ausgesetzt ist, mit der es nicht umgehen kann. Der Mensch nutzt die Natur aus. Ballen zeigt, daß es ein gewaltiges, unkontrolliertes Ungleichgewicht gibt. Der Mensch ist nicht mehr der natürlichen Welt verhaftet.

Was man in meinen Fotografien sieht, sind zwei Dinge: Man sieht die Kamerarealität, und dann sieht man die sogenannte Realität, die durch mein Hirn transformiert wurde. Das ist alles, was man sieht. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist eine Dokumentation Roger Ballens. Über Roger Ballens Beziehung zu der Welt dort draußen.

Roger Ballen benutzt eine sehr starke Bildsprache. Arbeitete er in Outland mit einem dokumentarischen Ansatz, entwickelte er später den theatralischen Aspekt in seinen Fotos weiter. Das zieht sich ab da wie ein roter Faden durch all seine Bücher. In Outland vollzieht sich eine Transformation hin zum Absurden, das ist Teil seines künstlerischen Werdegangs. Solche Prozesse nehmen bei ihm gut und gerne 15 bis 20 Jahre in Anspruch. Seit Outland hat sein Werk an Komplexität zugenommen, Asylum of the Birds ist gespickt mit Metaphern, Zeichen und auch Malereien. Die letzten drei Bilder aus Asylum of the Birds zeigen bereits in eine neue Richtung. Das Video gibt einen intensiven Vorgeschmack auf das, was einen in Outland erwartet, es ist kein Making–of, sondern sehr stark in Punkto Bildsprache und Psychologie. Es lotet die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion aus. Es ist eine Reise nach Outland, die einen auf die andere Seite des Gehirns mitnimmt. Traumfiktion könnte man sagen. Gute Kunst wird zu einem Ort in den Köpfen anderer Menschen. Sie bringt sie an einen symbolischen Ort, der erobert werden muss.

***

 

Asylum of the Birds, von Roger Ballen, Thames and Hudson, 2014.

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Lesen Sie auch den Artikel über I Fink You Freeky, Roger Ballen / Die Antwoord. Und den mit dem KUNO-Essaypreis 2013 ausgezeichnten Essay von Sophie Reyer. Die Begründung für den KUNO-Essaypreis findet sich hier.

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