Die Zusammenkunft des Unvereinbaren

16. September 2013
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Das englische Wort Trash bedeutet so viel wie Müll oder Abfall. Das damit bezeichnete Material gilt als minderwertig, es wird beiseite geschafft, verbrannt, kompostiert, oder es wird zerlegt, um Teile davon wiederzuverwenden. 

Seit neuestem kommt der Begriff Trash in der Ästhetik vor.

Rolf Schneider

Der seit vielen Jahren in Südafrika lebende Fotograf Roger Ballen arbeitete dort als Geologe, was ihn in die Dorps, abgelegene Dörfer der Weißen, brachte, die er fotografierte. Er ist geschult an Henri Cartier-Bresson und dessen Verständnis vom entscheidenden Augenblick und dokumentierte die ärmlichen Behausungen zuerst von außen und später auch von innen, und schließlich auch ihre Bewohner. In dieser Zeit entstand das bekannte Doppelporträt Dresie und Casie. Ihre Gesichter sind maskenhaft starr. Die Ohren stehen weit ab, überm viel zu stämmigen Hals flieht das Kinn, von den wulstigen Lippen tropfen Speichelfäden. Ein Doppelportrait, das sich wie ein Alptraum ins Bewusstseins des Betrachters frisst.

Lange blieb dies eine isolierte Erscheinung. Inzwischen jedoch hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu ein grösseres Publikum, dazu die Aufmerksamkeit einer geneigten Kulturkritik. 

Die frühen Filme und Aktionen von Christoph Schlingensief waren Trash. Viele Elemente des Theaters von Frank Castorf und René Pollesch sind Trash. Die Bildkunst des hoch gehandelten Jeff Koons und des schrillen Jonathan Meese ist Trash. Die Romane von Helene Hegemann und E. L. James sind Trash.

Rolf Schneider

Die Dokumentation armer Weißer durch Ballen gefiel dem Apartheidregime selbstverständlich nicht. Trotzdem suchte Ballen weiterhin nach verbotenen Orten, wie Shadow Chamber, Boarding House und Asylum. All dies sind Orte, in die sich mehrfach geschädigte Menschen geflüchtet hatten. Durch generationenlange Inzucht, Gewalt und Verwahrlosung verbogen und beschädigt, in ihren dörflichen Gemeinschaften jedoch abgeschirmt, bevölkern sie Roger Ballens Bilder den Insassen einer psychatrischen Abteilung gleich. Die Bewohner waren bereit, in Inszenierungen von Ballen mitzuspielen, sodaß sein Stil von der dokumentarischen Fotografie zur Fiktion mutierte. Es entstanden Bilder von besonderer Dramatik. Seine Photos vermitteln Aggressivität und Verletzlichkeit und sind zugleich Ausdruck einer Suche nach dem gewöhnlich Verborgenen, dem Unbewussten, das nicht selten alptraumhaft erscheint. Seine Bildwelten wirken häufig wie Wachträume. Besonders in seinen jüngeren Arbeiten in Kooperation mit Die Antwoord. Sie präsentieren Surreale Kompositionen, Menschen wie in einer Theaterinszenierung, Groteske Szenen, verrätselte Für „I Fink U Freeky“, das mit 35 Millionen Aufrufen das meistgeklickte Video der südafrikanischen Rave-Rapper ist, war Roger Ballen mit der Band im Schlepptau in die düsteren, von weißen Outcasts der Gesellschaft behausten Abbruchbuden und Squads seiner früheren, fotografischen Sozialstudien zurückgekehrt und hatte die Band im Stil der aggressiv zuckenden Schwarz-Weiß-Bilder aus der Serie Boarding House gefilmt.

Hat sich Keith Haring in die Squads verlaufen?

Die Fotografien, die im Zuge der Arbeit mit Die Antwoord in diesen düsteren Kammern entstanden sind, findet man nun im Bildband I Fink You Freeky; sie sind dort früheren Arbeiten aus Ballens Serien Boarding House und Shadow Chamber gegenübergestellt. Ballen hat sich die kleinen, verzwirbelten Drahtklumpen, die mit Filzmarkern, Kohle, Fett und Blut gemachten Graffitis an den Wänden der Abbruchhäuser, die er mit den Jahren sich steigernder Obsessivität gesammelt hatte, zu eigen gemacht. Daraus wurde ein Realitätsfake, denn Ballen schmiert diese Graffitis selbst an die Wand – naive Fratzen mit Grinsegesichtern, Segelohren und Stachelhaaren, von denen man meinte, dass sie nur aus der Hand eines Degenerierten stammen können, und deren Autorschaft Ballen einige Jahre halb verschämt als unbeantwortete Frage im Raum stehen gelassen hatte. Trotz oder wegen ihrer grotesk-dilettantischen Machart verfehlen diese Anarchozeichnungen in keinster Weise ihren Zweck; sie reichern die kargen Szenerien, in denen er zunächst die Bewohner der Squads faßte, zu denen sich später Ninja und Yolandi von Die Antwoord gesellen sollten, mit einem Prisma zusätzlicher Bedeutungen an. Das Video I Fink U Freeky hat dazu beigetragen, die südafrikanische HipHop-Gruppe international bekanntzumachen.

Ballens kleine Punk-Protégés

Ninja und Yolandi nennen sich selbst als Ballens kleine Punk-Protégés und machen keinen Hehl daraus, welche Bedeutung der Fotograf für ihre Arbeit hat. Er sei nichts weniger als der Schöpfervater von Die Antwoord. In einem Video kann man sehen, wie die Musiker den Fotografen und Mentor eifrig umringen, es ist die Aufzeichnung eines Gesprächs, das nach dem Abdrehen von I Fink U Freeky stattfand und im Bildband nachzulesen ist. So konnte es Ballen, ganz großväterlich gerührt, den „Kleinen“ nicht versagen, dass sie seiner Arbeit hier und dort etwas abluchsen, seine Zeichnungen auf die T-Shirts, Jogginghosen und Schweißbänder drucken, die nun immer wieder in ihren Videos auftauchen.(Alp-) Traumszenen, die Zusammenkunft des Unvereinbaren. Diese Kooperation wurde nun in einem prachtvollen Photoband dokumentiert.

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I Fink You Freeky, Roger Ballen Die Antwoord, Prestel, Gebundenes Buch, Pappband, 128 Seiten, 24×28, 45 s/w Abbildungen – 
ISBN: 978-3-7913-4860-5
€ 29,95

 

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