Aschenbach und wir

12. August 2014
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In Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig, wo der Eros als ästhetisches Stimulans mit einer körperlichen und einer geistigen Seite wirkt; wird der homoerotische Aspekt verwandelt in einen autoerotischen – und vielleicht gewinnt der Leser dem Tod das Schöne ab, wie Aschenbach durch Venedig sich selbst erkennt und erschrickt. Die Liebe zum Knaben Tadzio erscheint als – teils erinnerte – Selbstliebe Aschenbachs. Thomas Mann spielt zudem mit der Mythologie (oder der Allgemeingültigkeit seiner Erzählung). Die biographischen Aspekte interessieren mich nur am Rande.

Sind wir Aschenbach nahe, was das Schreiben und den nahenden Tod angeht?

Oder Hans Castorp? Der Zauberberg und die Zeit – das ist ein Spiel, ein Spiel mit dem Leben des Protagonisten, der seine Zeit verliert an seine bewusste Suche nach Lebenssinn, den Castorp im Schnee-Kapitel findet („Du sollst dem Tod keine Macht einräumen über das Leben“) und sogleich wieder vergisst. Castorp will lieben, liebt aber nur platonisch, noch nicht einmal sich selbst, er findet nicht den Weg zum begehrten Körper (Madame Chauchat) – und so wird der Roman zur Großmetapher, die wir wie einen Mythos verstehen können, der auch unser heutiges Leben beherrscht, wenn wir ihn nicht brechen. Wie Derrida ist Thomas Mann ein Mythenbrecher, als Erzähler und didaktischer Wiederverwender alter Mythen. Man(n) kann die Mythen nur mit den Mythen zerstören. Anders gesagt: Die Mythen (ver)wandeln sich nur, eigentlich bleiben sie bestehen, sie zerbrechen heißt also nur, sie zu erkennen. Vielleicht kann man einen Mythos (im Sinne archetypischen Seins) nur durch einen anderen Mythos, den wir drüber stülpen, aufheben, ganz im Sinne Hegels, also dialektisch. Nur in der Bewusstwerdung sind wir gottähnlich. Der biblische Schöpfungsbericht kann in dieser Weise gedeutet werden.

Was für eine Breite an Interpretationsmöglichkeiten!

Insbesondere die Funktion des Eros in der Nähe des ungewussten, unbewussten Todes: Die Verwandlung des Sinnlichen ins Ästhetische, das dialektische Aufheben im Geistigen … und das Spiel im 4. Kapitel mit den Mythen, um das Archetypische menschlichen Seins zu betonen und das Unsagbare sagen zu können. Die sanfte Ironie dieses Kapitels stellt gleichzeitig ein Plädoyer für eine entmythologisierte Welt dar. Im Durchschauen der Welt heben wir die Mythen auf, ohne sie im Welterleben zu verlieren. Der Erzähler treibt ein Spiel mit der scheinbaren Sprachlosigkeit und ist sich seines Erzählens in raunender Unbestimmtheit absolut sicher. Es ist der Triumph der Idee über die körperliche Welt, Platon gebiert sich neu in Schopenhauer, Schopenhauer in Thomas Mann, das Schöne und Wahre in der erzählten Fiktion, kurzum: Die Dichtung wirkt realer als die Realität.

 

***

 

Der Tod in Venedig ist eine Novelle von Thomas Mann, die 1911 entstanden ist. Sie erschien zunächst als Luxusdruck in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren, danach in der Neuen Rundschau  und ab 1913 als Einzeldruck im S. Fischer Verlag.

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