Eine Suche nach der Unmittelbarkeit im Vermittelten

 

Die Poesie des 21. Jahrhunderts steht an einem faszinierenden Scheideweg. In einer Zeit, in der Technologie und soziale Medien unseren Alltag durchdringen, sind die Möglichkeiten für Ausdruck und Kommunikation vielfältiger denn je. Doch während diese neuen Medien neue Wege eröffnen, stellen sie zugleich die traditionelle Konzeption von Poesie in Frage.

Wie findet Poesie ihren Platz in einer Welt, die sich so schnell verändert?

Die Poesie des 21. Jahrhunderts atmet in den Ritzen der Algorithmen. Sie ist nicht mehr der marmorne Tempel der Romantik, kein erhabenes Monument aus Versmaßen und Reimen, das in staubigen Bibliotheken verweilt. Die VerDichtung kriecht durch die Pixel, flackert auf Bildschirmen auf, verschwindet in den Feeds der sozialen Netzwerke. Was als bedeutet Poesie heute? – Eine Hashtag-Explosion? – Ein viraler Vers, der Likes sammelt wie ein Bettler Münzen?

Oder der stille Schrei in der Überflutung, der sich gegen die Tyrannei des Scrollens wehrt?

Die Welt kann man als Palimpsest aus Datenströmen betrachten, als ein flackerndes Display, auf dem die Wirklichkeit nur noch als Echo ihrer eigenen Digitalisierung erscheint. Inmitten dieser kybernetischen Kakofonie stellt sich die Frage nach der Poesie dringlicher denn je.

Ist das Gedicht noch jener „Flaschenpost“-Moment, von dem Celan einst sprach, oder ist es längst zum bloßen Content-Snippet verkommen, das im Feed der Belanglosigkeit versinkt?

Betrachten wir die Wurzeln. Im 20. Jahrhundert brach die Poesie aus ihren Ketten – Dada, Surrealismus, Beat Generation, sie alle waren Revolten gegen das Starre. Doch das 21. Jahrhundert hat diese Revolte demokratisiert, oder schlimmer: kommerzialisiert. Jeder mit einem Smartphone zu Lyriker mutieren. Instagram-Poeten wie Rupi Kaur verkaufen Millionen, ihre Zeilen kurz, scharf, wie Memes geschnitten. Ist das Fortschritt? Oder Verarmung? Kaurs Milch und Honig fließt süß, jedoch flach – Gedichte für die Aufmerksamkeitsspanne eines Wimpernschlags. Wo bleibt die Tiefe, die Langform, die uns zwingt, innezuhalten? Erinnern wir an die Subkultur. In den Fanzines der 70er, den Punkschriften, Kriegspoesie eine Waffe. Mark Perry mit Sniffin‘ Glue – roh, ungeschliffen, anti-elitär. Heute lebt dies in der Slam-Poesie fort, in Spoken Word dokumentiert auf YouTube-Kanälen. Performer wie Sarah Kay reissen Bühnen ein, ihre Worte pulsieren mit Rhythmus der Straße.

Ist das noch Poesie oder bereits Performance?

Im neuen Deutschland mischen Autoren wie Nora Gomringer Lyrik mit Multimedia, Videos, Sounds. Poesie wird hybride, ein Bastardkind aus Text und Tech. Doch die Gefahr lauert: Die Digitalisierung fragmentiert. Gedichte werden zu Snippets, zerschnitten für TikTok. Was passiert mit der epischen Form? Der lange Erzählung, wie bei Durs Grünbein? Sie ringen mit Geschichte, mit dem Erbe des 20. Jahrhunderts – Holocaust und Mauerfall.

Man muss kein Prophet sein, im 21. Jahrhundert wird Poesie politisch, ökologisch.

Bleibt die Frage nach der Sprache. Globalisierung macht Englisch dominant, doch regionale Dialekte rebellieren. In Afrika, Asien, Lateinamerika blüht Poesie in indigenen Zungen – Warsan Shire aus Somalia, ihre Verse über Migration: „Niemand verlässt sein Zuhause, es sei denn, sein Zuhause ist das Maul eines Hais.“ Hier ist Poesie Überleben, Zeugnis. In Europa hingegen: Experimente mit einer KI. Ist das bereits die Zukunft? Oder der Tod der Seele?  Eine der auffälligsten Entwicklungen in der zeitgenössischen Poesie ist ihre Diversität. Gedichte stammen nicht mehr nur aus den klassischen Kanälen. Die Stimmen von marginalisierten Gruppen, LGBTQ+-Poeten und internationalen Schriftstellern finden zunehmend Gehör. Diese Diversität bringt nicht nur neue Themen in die Poesie, sondern auch neue Stile und Formen. Experimentelle Ansätze, wie visuelle Poesie und Multimedia-Arbeiten, verschmelzen mit klassischen Strukturen und erweitern die Vorstellung davon, was Poesie sein kann.

Poesie ist kein Produkt, vielmehr ein Prozess. Sie durchdringt das Kastensystem der Kulturindustrie. Verteilt durch PDFs, Blogs, gar zurück zum Gedruckten? Fanzines 2.0 – selbstgemacht, verteilt in Nischen. Sie sucht den Körper zurück, die Präsenz. Festivals wie das Poesiefestival Berlin zeigen: Poesie lebt im Austausch. Was bleibt? Poesie im 21. Jahrhundert ist nomadisch, flüchtig, widerständig. Sie kämpft gegen die Algorithmen, die der Betrachter mit dem füttern, was sie wollen, nicht was sie brauchen.

Sie fragt: Wer bin ich in diesem digitalen Strom? Und antwortet in Fragmenten, die uns zusammenfügen.

Die Poesie des 21. Jahrhunderts ist – sofern sie fürderhin relevant bleiben will – eine Poesie der Reibung. Sie stemmt sich gegen die glatte Oberfläche der Benutzeroberflächen. Ein Gedicht darf nicht „user-friendly“ sein. Es muss sperrig sein, ein Stein im Schuh der beschleunigten Kommunikation. Wir erleben eine Rückkehr zur Haptik des Wortes: Die „Konkrete Poesie“ erfährt eine digitale Renaissance, in der Typografie nicht mehr nur Vehikel, sondern Fleischwerdung des Sinns ist.

Die heutige Lyrik operiert im Grenzbereich.

Poesie ist ein Hybridwesen. Wir sehen die Performance, das Spoken Word, das sich mit elektronischen Soundscapes vermählt. Die Poesie ist aus dem Elfenbeinturm in die Clubs und auf die Bildschirme gewandert. Doch Vorsicht: Die Gefahr der Trivialisierung ist groß. Wo alles „poetisch“ gelabelt wird – vom Werbeslogan bis zum Instagram-Post –, verliert das Wort seine Fallhöhe.

In der Poesie des 21. Jahrhunderts sind Themen wie Identität, Umwelt, Technologie und soziale Gerechtigkeit gegenwärtig. Poeten reflektieren die Herausforderungen unserer Zeit, sei es der Klimawandel, die politischen Spannungen oder der Kampf um Gleichberechtigung. Durch die Linse der Poesie werden persönliche Erfahrungen mit kollektiven Krisen verknüpft, was einen tiefen Resonanzraum schafft. Gedichte können als kraftvolle Werkzeuge dienen, um Gefühle von Entfremdung oder Hoffnung zu artikulieren, und ermöglichen es den Lesern, sich in einem universellen Kontext wiederzufinden.

Ist das Demokratisierung oder Verlust der Autorschaft? Baudrillard würde wahrscheinlich lächeln: Simulakra.

Die Poesie im 21. Jahrhundert ist ein bemerkenswerter Spiegel unserer Zeit. Sie spiegelt die Komplexität eines sich wandelnden Lebensstils wider und lädt ein, über das Gewöhnliche hinaus zu denken. Der Dialog zwischen Tradition und Innovation schafft eine dynamische Landschaft, die sowohl alte als auch neue Stimmen umfasst. In einer Welt, die oft lärmend und chaotisch erscheint, bietet die Poesie einen Raum für Reflexion und Verbindung. Sie bleibt eine essentielle Form des künstlerischen Ausdrucks, die weiterhin den Puls der Gesellschaft erfasst.

Wer besitzt die Worte?

Möglicherweise ist die Poesie heute der letzte Ort, an dem das Paradoxon ausgehalten werden kann. Wir leben in einer binären Welt, doch das Gedicht ist non-binär; es ist das „Dazwischen“. Es ist der Klang, der entsteht, wenn der Sinn an der Form zerschellt und als neues Licht wieder auftaucht. Die akademische Poesie ist dagegen hermetisch, nur für Wenige. Ihr Gegenpol ist die Street-Poetry. Poesie überlebt, mutiert. Sie ist der Puls. Unruhig, suchend. Wir brauchen Poeten als ´Störsender` im reibungslosen Ablauf der Information. Sie sind diejenigen, die den Takt der Zeit nicht nur mitmachen, sondern ihn synkopieren. Die Poesie im 21. Jahrhundert ist kein Luxusgut für Bildungsbürger, wird zu einem Überlebensmittel.

Lehrt uns Lyrik das genaue Hinsehen in einer Ära der Blindheit durch Überreizung?

Am Ende bleibt das poetische Wort. Nackt, fragil und doch von einer Kraft, die kein Prozessor simulieren kann. Denn im Gedicht zittert immer auch die Sterblichkeit mit – und genau das ist es, was uns zwischen Avataren und Automaten, daran erinnert, dass wir noch immer fühlen.

 

 

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Vorlass, Gebrauchsprosa von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2019.

Cover: Original-Schablonendruck von Haimo Hieronymus

Manche Betrachtungen erinnern vor der Ferne besehen an die „Flaneurstexte“ der 1920-er Jahre, die als „Reproduktion von Großstadterfahrung“ gelesen werden können, z.B. wenn der Autor eine Fahrt zum Flinger Broich beschreibt. Auch die „kurzessayistische Feuilletonprosa“ kommt in einer Auseinandersitzung mit den Beach Boys nicht zu kurz. Diese Passagen wirken beinahe wie eine Hommage Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Kritik der Konsumkultur. Als „kulturkritische Kurzessayistik“  kann man daher eine Polemik von A.J. Weigoni über den Sinn einer Lesung lesen.

Weiterführend → Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich. Und nur in diesem Schuber enthalten sind das Hörbuch 630, sowie Weigonis Gebrauchsprosa Vorlass, in dem biographische, werkgenetische und poetologische Fragen beantwortet werden.

→ Eine Würdigung des lyrischen Gesamtwerks finden Sie hier.