Chillen II

Chillen gehört heute zu den absoluten Standardvokabeln der deutschen Umgangssprache. Wer es nicht kennt, der sollte jetzt irgendwo im Netz nach den verschiedenen Bedeutungsunterschieden suchen – am ehesten ist es wohl mit „entspannt abhängen“ zu übersetzen, aber eben nicht ganz. Chillen ist eine Bewegung, ohne dass die Chiller es selber wissen. Sang Jochen Diestelmeyer nicht „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“? Heute kann man sagen, dass vielleicht zum ersten Mal seit je zuvor eine ganze Generation nicht Teil einer Jugendbewegung ist, sondern vollständig in diese involviert erscheint, abgesehen von den berühmten Ausnahmen vielleicht.

Herr Nipp saß bei einem mittelmäßigen Glas Wein an der Theke eines mittelmäßigen Clubs und machte sich mittelmäßige Gedanken. Irgendwie war diesen Tag alles etwas medioker, sogar er selber fühlte sich so. Schlecht zu sein ist irgendwie noch ganz in Ordnung, denn man hebt sich von der Masse ab. Ein schlechter oder böser Mensch zu sein, ist in diesem Sinne vielleicht sogar erstrebenswert, wenn man sonst nichts zu bieten hat, weder Bildung, noch Motivation oder Talent, von anderen Eigenschaften gar nicht zu reden. Das Böse übt immer seinen Reiz aus, das Gute scheint dagegen so langweilig. Schon wieder war Nipp vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, dabei hatte er sich doch wirklich vorgenommen, endlich klare und stringente Gedanken zu entwickeln, die er bei den großen Denkern so schätzte. Das Mediokre aber hat keine klare Struktur, höppelt vor sich hin und wird sich auf keinen Fall festlegen, wäre doch auch zu schade, wenn man später einmal darauf festgenagelt würde, etwas Klares gesagt zu haben, etwas offensichtlich Eindeutiges. Ganz adenauersch handelt der Mittelmäßige nach dem Motto, was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

Er bestellte sich ein zweites Glas Wein, welches auch prompt gebracht wurde. Die junge und wirklich hübsche Bedienung hatte wohl etwas Langeweile, darum fragte sie im Hinstellen des Glases: „Was schreibst du eigentlich in das Buch, immer wenn du hier sitzt, schreibst du in das Buch.“ Herr Nipp versuchte ihr zu erklären, dass man erst dann eine klare Sicht auf das Leben und die Welt entwickeln kann, wenn die Gedanken sortiert werden, wenn sie in einen größeren Zusammenhang gesetzt werden. „Du musst einfach mal chillen, dann siehst du schon klar, du scheinst viel zu verkrampft.“ Die Bedienung entfernte sich kurz, einen anderen Gast zu bedienen, kam dann wieder und erläuterte Herrn Nipp das von ihr selbst entwickelte Verfahren, einen klaren Blick auf die Welt zu erhalten und lud ihn dazu ein: „Erstmal muss du ausschlafen, du darfst die Augen frühestens um zehn aufmachen und wenn du festgestellt hast, wieviel Uhr es ist, dann muss du dich langsam herumdrehen und weiterschlafen. Solltest du nicht mehr schlafen können, dann nimm ein langweiliges Buch, dann geht das schon, vielleicht darfst du auch ein wenig Fernsehen gucken. Gegen zwölf frühestens stehst du auf und frühstückst, danach geht man wieder ins Bett und guckt einen Videofilm und döst, gegen Abend kochst du dir etwas, immer alles zu zweit, das entspannt, das chillt.“ (Es sei angemerkt, dass weder Herr Nipp noch der Verfasser die Realsprache der Bedienung auch nur annähernd angemessen wiedergeben kann.)

Herr Nipp war verblüfft, zahlte, trank aus und ging nach Hause. Am nächsten Morgen würde er wie immer gegen halb sieben aufstehen, etwas arbeiten, später lesen und schreiben und Sport treiben.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.

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