From heroes to sheroes

No more heroes any more

The Stanglers

Snip: / Sirenen kreischen \ Holz zersplittert \ Glas bricht entzwei \ Weitere Salven werden gnadenlos aus einem MG abgefeuert \ Granaten detonieren mörderisch \ Fontänen von Staub umnebeln die Szenerie\ Ein Querschläger trifft einen Unbeteiligten \ Selten werden Kriege von Menschen gewonnen \ Selten werden sie von Regierungen verloren \ Suchscheinwerfer irren ziellos umher \ Die Nazis schleichen sich feige von der Rückseite her an \ Verbrannte Erde \ Gesprengte Brücken \ Zersplitternde Knochen \ Eine Erektion des Todes \ Sex ist seelenlos \ Krieg ist obszöner \ Zwei Ledernacken stürmen schreiend mit dem Bajonett den Hügel hinab \ Die GIs schlitzen ihren Gegnern den Bauch auf \ Eingeweide quellen heraus \ Qualvolle Schreie aus verröchelnden Kehlen \ Kampfwertgesteigerte Version: Werbeclips werden in Form bizarrer Überlebenskämpfe inszeniert \ Gladiatoren der Jetztzeit spielen gestählte Superhelden \ Jeder Wettkampf der Nationen stellt ein hochgradig hysterisches Spektakel dar \ Wälder werden mit Napalm entlaubt \ Plutonium schmilzt Stahl \ Ein Aristokrat wird enthauptet \ Sein Kopf plumpst in den Korb \ Blut fliesst und versickert im Sand \ Sag mir den Namen des Opfers und ich nenne dir den Namen des Henkers \ In den Fleischfabriken findet alles Verwendung, ausser den Todesschreien der Tiere \ Turbokapitalismus transformiert Menschen zu Mutanten \ Der Suizidterrorist verübt ein Selbstmordattentat \ Das Auge wird mit einem Rasiermesser durchtrennt \ Zapp.

Florin ärgert sich darüber, dass der Kriegsfilm die Unmittelbarkeit der Bilder nur simulieren kann. Die erfundene Wahrnehmung ist nicht etwa eine fiktive, eine Wahrnehmung mit doppeltem Boden, in welcher der Schatten der Angst je nach Lichteinfall anders liegt. Er schaltet das Videogerät mit der Fernbedienung ab, als Vera sich ihm aufreizend in der Latexmontur und den High Heels präsentiert, die er am Nachmittag im Sexshop second skin gekauft hat. Sex ist die einzig mögliche Sprache zwischen Vera und Florin, eine Sprache ohne Zukunft oder Vergangenheit, die Beschwörung des reinen Moments. Die Zeiten, da sie die Liebe noch leicht nehmen konnten, sind vorbei.

Vera mutiert vom Objekt des Begehrens zum Subjekt des Geniessens. Sie ist ein Glamourwesen, das fortwährend an der eigenen Immaterialisierung arbeitet. Ihre Schmerzensgesten wirken so authentisch wie sein abwaschbares Tränentattoo. Ihr Lachen, eine Unterwerfungsgeste: Schau her, ich bin schön, ich bin jung, ich habe einen perfekten Körper, den ich gerne zeige, aber du musst keine Angst haben – ich tue nichts. Ich spiele nur. Ich bin kein Sexzwerg, sondern eine niedliche kleine Puppe. Für Jungs. Und für Mädchen. Der gepiercte Bauchnabel ist wichtigster Ausweis eines Körpers, der begehrt werden will, aber nicht erobert – das Dekolleté bleibt zu. Anstelle endloser Improvisationsprozesse und zermürbender Kommunikation tritt die neoliberale Arbeit an ihrem Selbst, das unermüdlich ausdefiniert oder umgestaltet sein will. Menschliches Leben ist immer ein Kampf gegen die Grenzen der Natur gewesen. In der egozentrischen Gesellschaft gibt es nur mehr einen Wert: die Selbstverwirklichung, die ihr Ich zum Popanz erhebt. Vera dämmerte es, dass sie den Tod der eigenen Gattung produzieren kann und lässt die Gerte neben Florins rechtem Ohr knallen. Der Rausch der kommenden Nacht ist der letzte Ausweg zum allerletzten Dunkel.

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Leseprobe aus dem Band Heldenreise, Podium, Wien 2019

Weiterführend

→ Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich. Nur darin enthalten ist der Band Vorlass.

→ Eine Würdigung des lyrischen Gesamtwerks finden Sie hier.