Das Rheinland, ein Kuriositätenkabinett

18. August 2018
Von

Es ist nur noch eine „Aprèsgarde“ möglich. Sie verteidigt die Errungenschaften der Avantgarde gegen die Wiederkunft von Balzacs Romanprinzip und gegen den allgegenwärtigen Plattsinn des Plots unter amerikanischer Hegemonie.

Roberto Bolaño

Dieser Roman ist eine Bestandsaufnahme der westgebundenen demokratischen Gesellschaft. Die Mentalitätsgeschichte dieses „Bundesrepublik“ ist tief verankert im Rheinland. Die Rheinländer befinden sich in einer Gemengelage aus emotionaler Erregung und gereizter Undurchsichtigkeit. Die in A. J. Weigonis  Roman auftretenden Lokalhelden sind weniger Verwandlungs- als typgerechte Authentizitätskünstler. Sie bewegen sich in diesem Roman durch ein sprudelndes Wortvarieté zwischen Emanzipation und Restauration. Die Rheinländer werden im Handlungsgeflecht entpsychologisiert und das Konfliktpotential in die dramatische Situation gelegt, sie leben in einer Zwischeneiszeit, die nicht mehr recht mit ihren Bewusstseinszuständen harmonieren will. Diese Typen werden über diese Ungleichzeitigkeit zu Beobachtern und scheuen das Mittun, das führt unweigerlich zu einem Unbehagen. Der Roman hat eine immense Dringlichkeit, etwas Rastloses, seine Figuren sind von einprägsamer Kontur, sein Dialekt ist direkt und unbedingt. Nichts wird geschönt, die Traurigkeit hat sich zwischen den Zeilen eingenistet. Weigoni erzählt rheinische Geschichte von unten, hält sich jedoch von einer Geschichtsstunde fern. Das ist eine Kunst, die ihre Kunstfertigkeit und hier auch ihre Künstlichkeit ausstellt, aber eine Kunst ist es dennoch. Die Rheinländer sind in ihrer absurden Alltäglichkeit zu entdecken, diese Typen verlieren sich im Besonderen des Normalen: der Allgegenwart der Massenmedien, dem Gefühl von Bedrohung, dem Verlust von authentischen Erfahrungen.

Von der ersten Seite weg stellt der Roman von Weigoni die Vorlage auf eine gesellschaftskritische Perspektive, und Gesellschaftskritik bedeutet hier, die inneren und äußeren Widersprüche aufzudecken, das Verwickeltsein des Einzelnen, den Irrsinn des Ganzen. Er gibt intensiven Einblicke in die Diskurswelten der fremd werdenden BRD. Dieser Roman richtet der den Blick auf die einmalig geprägte Gruppe von Individuen mit ihren Sonderschicksalen in einer wesentlich differenzierteren Welt, in der nach Verlust der alten Ordnungen und Geborgenheiten die Problematik, Zwiespältigkeit, Gefahr und die ständigen Entscheidungsfragen des Daseins an sie herantreten und die ewige Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit, innerer und äußerer Welt, bewusst machen. Er hat das Motto „Deutschland, Deutschland über alles“ einem radikalen Relaunch unterzogen. Seine Anregung ist die, dass es im Rheinland Recht und Ordnung nicht deshalb gelten sollen, damit ein zivilisiertes Zusammenleben in der Gesellschaft möglich ist, sondern als Selbstzweck. Das kommt daher, dass sich die Bonner Beamten einbilden, man könne eine Sache zuende organisieren. Ein Stempelgesetz mit Paragraphen gibt es nur, um geschäftigen Nichtstuern zu Reichtum und Bedeutung zu verhelfen, das sie verdienen, ohne es zu verdienen. Hier gibt es: Pension; völlige Verantwortungslosigkeit im Handeln; Autorität; Befriedigung von dumpfen Gelüsten. Es ist der Geltungsdrang als sozialer Faktor, der hier arbeitet. Die Rheinländer sind nach dem Untergang der BRD zur Freiheit verurteilt.

Die nach dem Mauerfall von 1989 errungene Freiheit ist für die Rheinländer belastend, weil der einzelne seither vollkommen verantwortlich für sein Leben ist, die Schuld für ein mögliches Scheitern selbst trägt, ständig in der Angst existieren muss, falsch zu wählen. Erst in dieser Angst werden sich diese Lokalhelden ihrer Freiheit bewusst. Um sich in diesem Roman zurecht zu finden, sollten die Vergabelungen und Wegkreuze, die Geheimgänge und die Text-Eingänge seiner metaphorischen Topografie so gehandhabt werden, als ob sie sich auf einen leiblich empfundenen Raum hin orientieren ließen. Dies erfordert beim Lesen eine bestimmte Mobilität der Vorstellungskraft, eine Fähigkeit, beim Lesen die übereinander gelagerten Bilder zu entdecken, im Gedächtnis zu behalten und miteinander zu verknüpfen. Dieser Roman ist getragen von einer präzisen, unermüdlichen und trotzdem geduldigen Fähigkeit des Registrierens (Weigoni hat fast 25 Jahre daran gearbeitet), der Absorption noch der ephemersten Erfahrungen. Alles, was seine Wahrnehmung einfängt, findet in den sprachlichen Konfigurationen des Rheinlands einen Ort, noch das Heterogenste hat miteinander zu tun, jeder Satz zielt auf das Private und darin auf das Einfachste, Allgemeine. Gelesenes und Gehörtes, Bemerkungen von Passanten, und historische Ereignisse verspinnen sich zu Texten, die die viel postulierte Phrase vom Ende des Subjekts dementieren, indem sich die sie erzeugende Subjektivität in ihnen verliert, begegnet und als verwandelte wiederfindet. Eine Langsamkeit der Lektüre scheint geboten, um die Überdeterminiertheit der Vernetzung der Bilder und Texte nicht aus dem Auge zu verlieren.

Das Rheinland stellt sich in diesem Roman als Möglichkeitsraum dar, in dem Kontemplationsflächen existieren, die in ihrer Wandelbarkeit bei gleichzeitiger Unveränderlichkeit darauf zu verweisen scheinen, dass es so etwas wie einen allgemeingültigen Sinn der Dinge nicht gibt und dass es vielleicht gar nicht erstrebenswert ist, die Welt logisch durchdeklinieren zu wollen. Die Rheinländer haben die Kunst der Abschweifung kultiviert, ihr mäandernder Assoziationsfluss, stellt die Basis für ihren Wortwitz dar. Die Landschaft am Rhein ist hier immer auch Seelenlandschaft, aber keine, über die das Ich verfügen kann, sondern ein Spiegel mit blinden Stellen. Die Altstadt erscheint hier als Irrgarten, der Aufenthalt in der Vergangenheit wird zu einem Aufenthalt im Labyrinth, in dessen Mitte kein erkenntnistheoretischer Minotaurus sitzt, sondern in dessen verzweigte Gänge Erinnerungen unkontrolliert einströmen. Der in der Teilnahme aufgehobene Selbstbeobachter wird unausweichlich auch zum Analytiker der Zeitgeschichte. Weigoni nimmt den Leser auf die Reise in die Unterschichten des Textlabyrinths mit. Intermedialität bedeutete für diesen Schriftsteller, dass das Verhältnis von Wort und Bild eine Dynamisierung erfährt, die zu einem Schriftmodell führt, das die Krise der Repräsentation aufgreift und darauf mit der Erweiterung ihrer Möglichkeiten reagiert.

Die Rheinländer hinterlassen ihre Spuren im Text der Welt. Der Leser verfolgt der Handlung des Romans, als wäre er ein Archäologe, der die Spuren einer vergangenen Zivilisation und wie diese Typen sich selbst darin finden und verfehlen. Weigoni inszeniert die Möglichkeiten einer mythischen Autopoiesis als Reduktion auf die poetische Miniatur des Alltagsgegenstandes und das nie endende Erzählen als formgebenden Gegenstand dieses Romans. Die Absurdität des Seins und die Entscheidungsfreiheit der Rheinländer, ihre existenzielle Einsamkeit bewegt sie dazu, sich von der globalisierten Welt abzuwenden und sie zugleich redend zu erschaffen, als einen Kampf um Selbst-Erfindung sichtbar zu werden. Das Unversöhnliche lässt sich auch im Rheinland nicht versöhnen: Freiheit mit Sozialismus, Existenzialismus mit Kapitalismus. Die Lokalhelden reflektieren eine Befindlichkeit, die von der Erfahrung des Untergangs der BRD entscheidend geprägt ist, und Weigoni begründet zugleich eine Poetologie, die diese Befindlichkeit zum thematischen Aufhänger der Weltdeutung und des Seinsverständnisses macht. Nach dem Ende des Rheinischen Kapitalismus vereinen sich die neuzeitlichen Autonomieansprüche des Subjekts mit Erfahrungen komplexer Abhängigkeiten und bedrohlicher Katastrophen, die mit dem 11. September 1989 ihren Ausdruck fanden. Das Verbürgte und das Fiktive, das Reale und das Stilisierte sind im Rheinland schwer unterscheidbar. Wir riechen förmlich die schweißfleckige Gegenwart einer gerade erst historisch gewordenen Vergangenheit.

Es wimmelt in Lokalhelden vor Verweisen auf Kunst, Literatur, Musik oder Malerei, vor Verweisen auf konkurrierende Denkschulen, die alle versuchen, dem Wesen des Rheinländers auf den Grund zu gehen. Diese Typen werden mit fast schon chirurgischem Feingefühl seziert. Es ist eine umwerfende Mischung aus abenteuerlicher Handlung, Sprachspiel und existenzieller Tiefgründigkeit. Weigoni zeigt sich als ein urmoderner Negativist, in dessen Vision die Anonymität großstädtischer Lebenswirklichkeit ebenso wie eine totale Säkularität eingegangen sind. Er sieht die Rheinländer in dem beständigen Versuch gefangen, sich als Sein zu begründen, ohne dem Nichts entkommen zu können. Dieser Romancier misstraut jedem deterministischen Rettungsversuch und jeder tiefenpsychologischen Betulichkeit des Ich und lokalisierte die Absurdität des Seins in der Notwendigkeit, sich stets entscheiden zu müssen. Dieser Roman wird umso besser, je mehr er sich im Episodischen verliert, dabei hält Weigoni seine Erzählfäden fest gespannt, man kann den Feinschliff des Plots rein handwerklich bewundern, jedes Puzzleteil findet seinen Platz im Gesamtgefüge. Diese Prosa erzeugt eine schwebende Balance zwischen unaufdringlicher Komik und sehnsuchtsvoller Schwere, es ist eine sehr gelungene Auseinandersetzung mit der ureigenen Provinzialität in uns allen. Es ist ein wunderbar fabulierlustiges Buch. Und der Clou des Romans besteht darin, dass sich das Verhältnis von Erfindung und Wirklichkeit neu ausrichtet. Weigoni liefert mit diesem Roman eine Beschreibung des fiktionalen Schöpfungsprozesses, durch den die Wirklichkeit der Welt zur Wirklichkeit der Literatur wird.

 

 

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Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.

Coverphoto: Jo Lurk

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