Ein einziger kämpferischer Kommentar zur Gegenwart

 

Man sollte keine Bücher schreiben ohne Listen drin

, zitiert Clemens Schittko Wolfang Herrndorf, um dann in seinem neuen Gedichtband „Weiter im Text“ fast ausschließlich Listen aneinander zu reihen.

Klingt langweilig? Unmöglich? Jedenfalls nicht nach Gedichten?

Über all diese Zweifel dürfte Clemes Schittko, der seine Gedichte ohnehin lieber einfach „Texte“ nennt, erhaben sein. Schreiben bezeichnet Schittko als Notwehr. Notwehr gegen bestehende Zustände.

Kapitalismuskritik, Gesellschaftsanalyse, Selbstauskunft, selbst die Kritik an sich selbst und seinem Selbstverständnis als Dichter nimmt Schittko selbst vor, wenn er in „Meine Oma über meine vermeintliche Arbeitslosigkeit“ die Großmutter sagen lässt: […] du reihst einfach nur wild irgendwelche Gedanken aneinander […]

Das kann ich auch

Das ist für mich kein Gedicht

Das kann letztlich auch ein Hilfsschüler schreiben […]

Du zählst hier einfach irgendwelche Dinge auf […]“

Aber Schreiben ist für Schittko nicht allein Notwehr, sondern auch eine „asoziale Handlung“. Womit er vermutlich nicht nur die Einsamkeit des Schreibens meint, sondern durchaus auch die Möglichkeit und Notwendigkeit, rücksichtslos auszusprechen, was ihn stört. Zu benennen, was er für zutiefst fragwürdig hält.

Schittkos Gedichte sind erholsam direkt und unverschlüsselt. Sie haben etwas zu sagen und der Dichter hat den Mut, das, was er ausdrücken will, ganz direkt zu sagen.

Das ist nicht neu, aber in einer Zeit, in der jeder sofort zu allem eine Meinung hat, die dann so weichgespült wird, dass sie keinem weh tut, und gewechselt werden kann, sobald sie nicht mehr der Mehrheitsmeinung entspricht, wo es über ein „gefällt mir“ und ein „je suis Charlie“ nicht weit hinausgeht, tut es gut, wenn jemand einmal im Klartext darüber redet, was er sieht und wahrnimmt.

„Böse Realsatire“ hat Gerrit Wustmann das in seiner Besprechung eines früheren Bandes von Schittko genannt.

Der Stil der Gedichte ist einfach. Die selben Aussagen werden immer neu montiert. Listen in immer neuen Varianten, sei es die Nichtunterstützung von diversen Stellen in „autonomes Gedicht“ oder die Machenschaften bei Preisverleihungen in „Herzklopfen“.

Schittkos Gedichte betreiben, frei nach Brinkmann, eine Rückkehr an die Oberfläche der Dinge. Sie leben nicht zuletzt davon, Hierarchien nicht anzuerkennen.

Es gibt nur sehr wenige Gedichte in diesem Band, die sich mit einer Seite begnügen. Ein Inhaltsverzeichnis sucht man übrigens vergeblich. Für 151 Seiten genügen Schittko 27 Gedichte. Man kann sich ausrechnen, was das über das durchschnittliche Volumen der einzelnen Gedichte aussagt.

Auf welche Weise die reine Aufzählung, versehen mit der richtigen Überschrift, durchaus Humor mit Kritik verbinden kann, dafür sind z.B. das „NSA Stück vom 04. 10. 2013“ und die sich von 0 bis 2,4 Promille steigernden „Stammtisch-Korrekturen“ ein gutes Beispiel.

Im NSA Stück reiht Schittko unermüdlich und seitenlang scheinbar wahllos Statusmeldungen und Kommentare seiner Facebook Freunde aneinander. Das ist alles andere als enthüllend und aufschlussreich, sondern vielmehr belanglos, um nicht zu sagen langweilig. Aus eben dieser Tatsache bezieht das Gedicht gewitzterweise seine Aussage.

Lyrik lesen ohnehin nur Lyriker, glaubt Schittko, und nutzt diesen Umstand für sein Gedicht „Stammtisch-Korrekturen“, das nach dem einfachen Prinzip funktioniert, Namen durch verwandt klingende Namen zu ersetzen. Bei 0,0 Promille klingt das dann so:

         „das ist nicht Roger Whittaker, das ist Walt Whitman

         das ist nicht Oskar Lafontaine, das ist Theodor Fontane

         das ist nicht Hartmut Engler, das ist Friedrich Engels

         das ist nicht Èdouard Manet, das ist Claude Monet

Bis es bei 2,1 Promille heißt:

         „das ist nicht Suhrkamp, das ist SuKuLTuR

         das ist weder Kookbooks noch Luxbooks

         das ist nicht TV total, das ist TextTotal

         das ist nicht „Australia“, das ist „Austria“

bevor es bei 2,4 Promille in Schweigen endet.

Das Cover, das sollte vielleicht noch angemerkt werden, ist sehr schlicht, irgendwie altmodisch. Ein liniertes Deckblatt, auf dem, immer die Linien schneidend, der Autorenname, der Titel und der Verlag stehen. Dick unterstrichen, in Farben, die das Licht reflektieren. Diese einfache und klare Aufmachung, schnörkellos und fast naiv anmutend, passt außerordentlich gut zu ihrem Inhalt.

„Sprache hilft, das Bild von der Welt zu verschärfen“, schreibt Marion Poschmann in „Mondbetrachtung in mondloser Nacht“, ihrem jüngsten Buch über Dichtung. Das es sehr unterschiedliche Weisen gibt, das Bild der Welt schärfer zu stellen, auch dafür ist Clemens Schittkos Gedichtband ein gutes Beispiel.

 

 

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Weiter im Text, von Clemens Schittko, Ritter Verlag, 2016

 

Weiterführend →

Ein Interview mit Clemens Schittko finden Sie hier.

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