In dubio pro dubio

Ich erzähle Schlange die kleine Geschichte von der Macht der Wahrscheinlichkeit: Unser Leben ist ein Spiel, in dem wir eine Wette eingehen: Entweder wir setzen darauf, dass die Liebe gut ist, oder darauf, dass sie nicht lohnt. Wenn wir diese Wette nicht eingehen, setzen wir automatisch auf die Möglichkeit, dass sie nicht lohnt. Nimm an, wir entscheiden uns für die Liebe: Wir haben dann alles zu gewinnen, nichts zu verlieren. Nimm an, wir entscheiden uns gegen die Liebe: Wir haben dann nichts gewonnen, alles verloren. Die Gewinnchancen sind also besonders gut für die, die lieben. – Liebst du mich?, fragt Schlange. – Wahrscheinlich, sage ich, gewinnen wir uns ohne Wetten.

 

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Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

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Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.